Auszeichnung für zwei Hamburger Forscherinnen16. Dezember 2021 Anne-Sophie Knipper, Michael Otto und Julie Sellau (v.l.). Foto: Norbert Wiedemann Fotodesign Der Werner Otto Preis 2021 zur Förderung der medizinischen Forschung geht an zwei Hamburger Wissenschaftlerinnen in den Bereichen Urologie und Immunologie. Ihre Forschungen bringen neue Einsichten zur radikalen Prostatektomie und zum Testosteron-Einfluss auf überschießende Immunreaktionen. Die Urologin Dr. Anne-Sophie Knipper von der Martini-Klinik am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf und die Immunologin Dr. Julie Sellau vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin erhalten die Ehrung für ihre herausragenden medizinischen Leistungen im Bereich der klinischen Forschung und der Grundlagenforschung. Knipper hat verbesserte Auswahlmöglichkeiten der operativen Methode bei Prostatakrebs erarbeitet. Sellau hat den Einfluss männlicher Sexualhormone auf bestimmte entzündliche Erkrankungen aufgedeckt. Im kleinen Kreis wurden die beiden Forscherinnen am 14.12.2021 von Prof. Michael Otto, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Otto Group und Vorsitzenden des Kuratoriums der Werner Otto Stiftung, im Rahmen einer Feierstunde ausgezeichnet. „Die Pandemie, die uns seit fast zwei Jahren in Atem hält, führt uns die immense Bedeutung vor Augen, die medizinische Höchstleistungen haben. Auch die private Förderung umfassender Forschung kann, wie man an den vorliegenden Ergebnissen sieht, einen bedeutenden Einfluss für unser Leben haben“, erklärte Otto. „Ich halte sie gerade in dieser Zeit, in der sich unser Gesundheitssystem einer hohen Belastung durch die Pandemie ausgesetzt sieht und der Staat seine Kräfte hier bündeln muss, für unverzichtbar.“ Mit dem Preis soll der Einsatz für neue, lebenswichtige Behandlungsmöglichkeiten und -methoden gewürdigt werden. Die beiden Preisträgerinnen erhalten jeweils ein Preisgeld in Höhe von 8000 Euro. Die Laudatio auf Knipper als Preisträgerin im Bereich der Klinischen Forschung, hielt Prof. Guido Sauter, Direktor am Institut für Pathologie mit den Sektoren Molekularpathologie und Zytopathologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Für Sellau als Preisträgerin im Bereich der Grundlagenforschung, hielt Prof. Samuel Huber, Direktor der Klinik für Innere Medizin und Leiter des Bereichs Gastroenterologie und Immunologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, die Laudatio. Der Preis der Werner Otto Stiftung zur Förderung der medizinischen Forschung wird alle zwei Jahre für hervorragende wissenschaftliche Leistungen in der Grundlagenforschung und in der Klinischen Forschung an in Hamburg tätige Forscher und Ärzte jeden Geschlechts verliehen. Die Preisverleihung findet 2021 – im Jahr des 52-jährigen Bestehens der Werner Otto Stiftung – zum 23. Mal statt. Anne-Sophie Knipper: Vergleich zweier Operationsmethoden der radikalen Prostatektomie Knipper hat in ihrer Forschungsarbeit den Einfluss des operativen Zugangswegs bei der radikalen Prostatektomie auf Operationsergebnisse sowie Krankenhauskosten untersucht. Dabei analysierte sie Operationsmethoden und -ergebnisse aus der umfangreichen, prospektiv angelegten institutionellen Datenbank der Martini-Klinik. Verglichen hat sie die beiden am häufigsten verwendeten Operationsverfahren: die offene retropubische radikale Prostatektomie (ORP) sowie die robotisch-assistierte radikale Prostatektomie (RARP). Im Ergebnis konnte sie zeigen, dass von keinem klinisch relevanten Unterschied zwischen den beiden Operationsverfahren bezüglich onkologischem und funktionellem Ergebnis auszugehen ist. Des Weiteren beobachtete sie, dass nach RARP im Vergleich zur ORP ein leicht erhöhter Schmerzmittelbedarf bestand. Beim Schmerzempfinden zeigte sich ein insgesamt niedriges Schmerzlevel sowie kein signifikanter Unterschied zwischen den nach den beiden Methoden operierten Gruppen. Schließlich konnte sie zeigen, dass durch Übergewicht (Body Mass Index von ≥30) ungünstigere perioperative Ergebnisse bei beiden operativen Zugangswegen zu erwarten sind, dies allerdings weniger ausgeprägt nach RARP – bei jedoch größerem Kostenanstieg durch Übergewicht im Vergleich zur ORP. Damit habe Knippers Arbeit wichtige Hinweise darauf geliefert, dass die anhaltend höheren Kosten des robotischen Verfahrens sich insbesondere in der Gruppe der übergewichtigen Patienten mit reduzierten Komplikationsraten rechtfertigen ließen, heißt es seitens der Werner-Otto-Stiftung. Diese Aspekte seien für eine umfassende Beratung von Patienten vor einer radikalen Prostatektomie sowie für die Wahl der für den einzelnen Patienten idealenOperationsmethode essenziell. Julie Sellau: Testosteron als treibende Kraft für eine Überreaktion des Immunsystems Ausgangspunkt für die Untersuchung des Teams um Sellau war die Beobachtung, dass Männer anfälliger für Infektionskrankheiten sind als Frauen, Frauen hingegen stärker zu chronischen Entzündungen und Autoimmunerkrankungen neigen. Insbesondere Infektionen mit dem einzelligen Parasiten Entamoeba histolytica führen bei Männern häufiger zu gefährlichen Krankheitsverläufen wie Amöbenleberabszessen. Geschlechtsspezifische Einflüsse wie genetische Faktoren oder Geschlechtshormone haben dabei offenbar Auswirkungen auf das Immunsystem. Bei ihrer Grundlagenforschung konnte Sellau mit ihrem Team zeigen, dass das männliche Sexualhormon Testosteron die treibende Kraft für eine Überreaktion des Immunsystems ist: Es bewirkt, dass im Blut zirkulierende Monozyten, die eigentlich gegen eindringende Krankheitserreger schützen sollen, bestimmte Entzündungsreaktionen in der Leber verstärken und damit maßgeblich zu Leberschäden beitragen. Im Laborversuch konnte die Forschungsgruppe im Laborversuch zeigen, dass Monozyten unter dem Einfluss von Testosteron verstärkt bestimmte Botenstoffe produzieren und aussenden. Diese Botenstoffe führen zur Zerstörung des Lebergewebes und locken weitere Immunzellen an den Ort der Infektion. Dadurch wird die schädigende Wirkung weiter forciert. Einen solchen Effekt fanden die Forschenden auch bei Frauen, die sich im Zuge einer Geschlechtsumwandlung einer Testosterontherapie unterzogen. In Zukunft würden die Ergebnisse dieser Untersuchung neue Möglichkeiten für zielgerichtete, personalisierte Behandlungsansätze etwa von infektiösen Lebererkrankungen eröffnen, sind die Preisstifter überzeugt. (Werner Otto Stiftung / ms)
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