Bariatrische Operationen bei schwerer Adipositas: Psyche profitiert nicht23. Juli 2020 © Maya Kruchancova – stock.adobe.com (Symbolbild) Psychische Probleme sind bei Jugendlichen mit schwerer Adipositas weit verbreitet, über das langfristige psychische Outcome nach bariatrischen Operationen ist bislang jedoch wenig bekannt. Nun zeigt eine schwedisch-britische Studie, dass die Probleme nach einer bariatrischen Operation trotz erheblicher Gewichtsabnahme jahrelang weiter zu bestehen scheinen. An der Matched-Control-Studie nahmen 161 Jugendliche (13–18 Jahre) teil, die einen BMI von ≥40 kg/m2 bzw. ≥35 kg/m2 zusätzlich zu adipositasbedingter Komorbidität aufwiesen, bei denen zuvor eine umfassende konservative Behandlung fehlgeschlagen war und die sich im pubertären Tanner-Stadium III oder höher befanden. 81 Jugendliche (53 weiblich) unterzogen sich einer Roux-en-Y-Magenbypass-Operation, 80 Kontrollteilnehmer erhielten eine konventionelle Adipositasbehandlung. Teilnehmer der chirurgischen Gruppe erhielten Fragebögen zur Beurteilung des Selbstwertgefühls (Rosenberg Self-Esteem [RSE]-Score), der Stimmung (Mood Adjective Checklist [MACL]) und des Essverhaltens (Binge Eating Scale [BES] und Three-Factor Eating Questionnaire-R21 [TFEQ]). Daten zu verabreichten Psychopharmaka und zur fachärztlichen Behandlung psychischer Störungen entstammen dem nationalen Register. Der Anteil der Teilnehmer, dem Psychopharmaka verschrieben wurden, unterschied sich vor Studieneinschluss (absolute Risikodifferenz 5%; 95%-Konfidenzintervall [KI] –7 bis 16; p=0,43) oder nach der Intervention (10%; KI –6 bis 24; p=0,22) nicht zwischen den Gruppen. Die Behandlung von psychischen und Verhaltensstörungen unterschied sich zu Studienbeginn nicht zwischen den Gruppen (2%; KI –10 bis 14; p=0,71), allerdings erhielten die Jugendlichen in der chirurgischen Gruppe in den 5 Jahren nach der Adipositasbehandlung häufiger eine spezialisierte psychiatrische Behandlung als die Kontrollgruppe (15%; KI 1–28; p=0,04). In der chirurgischen Gruppe war das Selbstwertgefühl (RSE-Score) nach 5 Jahren (Mittelwert des gemischten Modells 21,6; 95%-KI 19,9–23,4) im Vergleich zum Ausgangswert (18,9; KI 17,4–20,4; p=0,006) verbessert, die Gesamtstimmung (MACL-Score) jedoch nicht (2,8; KI 2,7–2,9 nach 5 Jahren gegenüber 2,7; KI 2,6–2,8 zu Studienbeginn; p=0,07). Die Esssucht war nach 5 Jahren (9,3; KI 7,4–11,2) im Vergleich zum Ausgangswert (15,0; KI 13,5–16,5; p<0,0001) verbessert. Relative Veränderungen des BMI waren nicht mit Binge Eating zu Studienbeginn assoziiert. Fazit Obwohl bariatrische Operationen viele Aspekte der Gesundheit verbessern können, sollte keine Linderung der psychischer Probleme erwartet werden, resümieren die Autoren. Die Jugendlichen sollten nach der Operation deshalb langfristig psychische Unterstützung erhalten. (ej) Autoren: Järvholm K et al. Korrespondenz: Kajsa Järvholm; [email protected] Studie: 5-year mental health and eating pattern outcomes following bariatric surgery in adolescents: a prospective cohort study Quelle: Lancet Child Adolesc Health 2020;4(3):210–219. Web: https://doi.org/10.1016/s2352-4642(20)30024-9