Bessere Versorgung von Schmerzpatienten – DGS definiert Meilensteine

Johannes Horlemann. (Foto: © Sebastian Bahr – selinka-schmitz.de)

Im Fokus der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) stehen in diesem Jahr drei Bereiche: Die Einführung eines Facharztes für Schmerzmedizin, das kontinuierliche Angebot von Aus- und Weiterbildungen und die verbesserte Versorgungsforschung auf Basis des PraxisRegisters Schmerz.

„Das wichtigste Ziel der DGS ist es, in den kommenden Jahren die Einführung des Facharztes für Schmerzmedizin zu erreichen“, sagte Dr. Johannes Horlemann, Präsident der DGS bei der Online-Pressekonferenz zum Jahresauftakt. Dafür sei die Fachgesellschaft kontinuierlich im Gespräch mit Politikern, Kostenträgern und Verbänden.

Aktuell versorgen rund 1320 ambulant tätige Schmerzmediziner die zunehmende Zahl an Schmerzpatienten. Für eine flächendeckende Versorgung der 3,9 Millionen Menschen, die in Deutschland unter schwersten chronischen Schmerzen leiden, wären der DGS zufolge aber mindestens 10.000 ausgebildete Schmerzmediziner nötig. Die Bedarfsplanung orientiert sich allerdings an den Facharztbezeichnungen. Das führe dazu, so Horlemann, dass z.B. der Praxissitz eines vorwiegend schmerzmedizinisch tätigen Neurologen mit einem Neurologen nachbesetzt werden kann, der keine schmerzmedizinische Erfahrung mitbringt. Die Patienten dieser Praxis müssen sich dann einen neuen Arzt suchen, wenn ihr behandelnder Schmerzmediziner in Rente geht.

Die DGS fordert daher mit oberster Priorität eine Sicherung der schmerzmedizinischen Versorgung durch eine rechtssichere Bedarfsplanung. Eine weitere Forderung ist die „Anerkennung der relevanten Evidenz aus der Versorgungsforschung in allen Gesundheitsfragen“. In der Verbindung wissenschaftlicher Daten mit Patientenwertungen und Erfahrungen der Therapeuten sieht die Fachgesellschaft eine „Qualitätssicherung nach dem Prinzip von ‚Real-World-Evidenz‘“. Unter Berücksichtigung ihrer eigenen Versorgungsforschung verlangt die Fachgesellschaft daher auch die „Unterstützung patientennaher, versorgungsrelevanter und verbindlicher Praxisleitlinien“. Schließlich muss nach Ansicht der DGS die Prävention gestärkt werden. Darunter versteht sie „flächendeckende Maßnahmen durch Förderung intersektoraler, interdisziplinärer und multimodaler Versorgung sowie die Ausbildung des schmerzmedizinischen/-therapeutischen Nachwuchses“.

Virtueller Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2022

Auch durch eigene Aktivitäten trägt die Fachgesellschaft zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Versorgungsstrukturen und der Versorgungsqualität bei. Dazu gehören Angebote zur Fort- und Weiterbildung, wie z.B. im Rahmen des Deutschen Schmerz- und Palliativtages, der im März online stattfinden wird. In diesem Jahr lautet das Motto „ENDLICH LEBEN!“.

„Damit beziehen wir uns einerseits auf die Endlichkeit des Lebens und den hohen Stellenwert der Palliativmedizin am Ende des Lebens. Andererseits möchten wir damit aber auch den nachvollziehbaren Wunsch von Schmerzpatienten betonen, ein normales Leben führen zu können“, sagte Norbert Schürmann, Vizepräsident der DGS und gemeinsam mit Dr. Johannes Horlemann Tagungspräsident des Schmerz- und Palliativtages 2022. Das übergreifende Thema des Kongresses bleibt – wie in den Vorjahren – „Individualisierung statt Standardisierung“.

Passend zum palliativmedizinischen Schwerpunkt des Kongresses in diesem Jahr kooperiert die DGS mit der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG). Im Rahmen der Symposien werde es einen intensiven Austausch zu Versorgungs- und Therapiekonzepten geben. Auch das Thema „ärztlich assistierter Suizid“ soll aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert werden. Weitere Highlights sind der Exzellenz-Vortrag mit Dr. Eckart von Hirschhausen „Wo tut es richtig weh? Schmerztherapie und Palliativmedizin in Zeiten von Pflegemangel, Pandemie und Klimakrise“, ein Symposium zu verschreibungspflichtigen Apps, die Verleihung des Deutschen Schmerzpreises sowie das gesundheitspolitische Symposium, in dem es um die Erwartungen der Schmerzmedizin an die neue Bundesregierung gehen wird.

Versorgungsforschung mit dem PraxisRegister Schmerz

Einen weiteren zentralen Baustein, um die schmerzmedizinische Versorgung von Menschen mit einer chronischen Schmerzerkrankung zu optimieren, sieht die DGS in der Versorgungsforschung auf Basis von Routinedaten der Regelversorgung. Dazu rief sie 2014 das PraxisRegister Schmerz ins Leben. Laut Fachgesellschaft umfasst das Register inzwischen Daten aus 353.056 Behandlungsfällen (Stichtag 31.12.2021). Damit sei es die weltweit umfangreichste Datenbank mit Informationen zu den Ursachen, Auslösern, Beschwerden und Behandlungsformen von Menschen mit chronischen Schmerzen.

„Das Register folgt der Philosophie des ‚besser heilen durch Daten teilen‘ des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen und erlaubt nicht nur zielgerichtete Evaluationen von Wirksamkeit und Verträglichkeit verschiedenster therapeutischer Maßnahmen und Verfahren unter Alltagsbedingungen, sondern auch spezifischer schmerzmedizinischer Krankheitsbilder und deren Auswirkungen auf die davon Betroffenen“, erläuterte PD Dr. Michael A. Überall, Vizepräsident der DGS.

Am Beispiel des Fibromyalgieprojektes, einer industrie-unabhängigen Auswertung im Auftrag der DGS, zeigte Überall bei der Jahresauftakt-Pressekonferenz, welche Erkenntnisse das PraxisRegister möglich macht: Ziel des Projektes ist es, Einblicke in die Epidemiologie und die biopsychosozialen Beeinträchtigungen von Patienten mit Fibromyalgie zu erhalten. Die Identifizierung entsprechender anonymisierter Patientenfälle erfolgte retrospektiv auf Basis international etablierter diagnostischer Parameter. Insgesamt 15.211 Patienten (von 330.234 Fällen zum Stichtag 30.06.2021) mit Fibromyalgie wurden identifiziert und analysiert.

Überproportionale Belastung von Fibromyalgiepatienten

Erste Ergebnisse der Auswertung, so die DGS, seien zum Teil überraschend: Obwohl die Fibromyalgie als eine Erkrankung gilt, die vorwiegend Frauen betrifft, sind demnach 14,3 Prozent der identifizierten Patienten Männer. Besonders auffällig seien die im Vergleich zur Gesamtpopulation des Registers überproportional auftretenden psychischen Belastungen dieser Patienten. Patienten mit Fibromyalgie leiden der Analyse zufolge deutlich häufiger unter schwerwiegenden Einschränkungen der Lebensqualität und Schlafstörungen als andere im PraxisRegister Schmerz erfasste Patienten mit chronischen Schmerzen. Besonders deutlich sei der Unterschied im Hinblick auf Suizidgedanken. Während von den Patienten mit Fibromyalgie 15,7 Prozent Suizidgedanken angeben, seien es in der Gesamtpopulation 1,3 Prozent.

Weitere Auswertungen seien geplant. „Perspektivisch möchten wir mit diesen Erkenntnissen dazu beitragen, das Phänomen Fibromyalgie besser zu verstehen, um darauf aufbauend Betroffenen im Versorgungsalltag besser helfen zu können“, so das Fazit von Überall. Diese Analyse aus dem PraxisRegister Schmerz zeige beispielhaft Möglichkeiten auf, die sich durch eine systematische Erfassung und Bereitstellung anonymisierter Patientendaten aus dem Praxisalltag ergeben. Eine epidemiologische Evaluation unterschiedlichster Schmerzerkrankungen könne letztendlich die Versorgung von Schmerzpatienten verbessern.