Bestimmung eines ultraniedrigen Risikos per 70-Gen-Signatur: Übertherapie bei frühem Brustkrebs wahrscheinlich vermeidbar

AMSTERDAM (Biermann) – Patien­tinnen mit Brustkrebs, der für 70 Gene eine Signatur aufweist, die mit einem ultraniedrigen Risiko verbunden ist, haben in historischen Kohorten, einschließlich in randomisierten Studien, ein hervorragendes Über­leben gezeigt. Die Untergruppe wurde daher nun charakterisiert, um eine Überbehandlung zu vermeiden.

Die Doktorandin Josephine Lopes Cardozo vom Netherlands ­Cancer Institute (Niederlande) und ihre internationalen Kollegen haben im Zuge ihrer Studie die Ergebnisse von Patien­tinnen mit ultraniedrigem Risiko in der bisher größten Studienkohorte ausgewertet. Die Patien­tinnen hatten demnach die beste Prognose und unterschieden sich von Patien­tinnen mit niedrigem Risiko. Das brustkrebsspezifische Überleben (BCSS) betrug nach 8 Jahren >99 % und die Rate des fernmetastasenfreien Intervalls (DMFI) lag bei 97 %. Die Autoren mutmaßen daher, dass sich diese Patientinnen für eine Deeskalation der Behandlung eignen könnten.

Bei 6693 Patientinnen, die in die randomisierte Phase-III-­MINDACT-Studie aufgenommen wurden, ergab die genetische Profilerstellung (Mamma­Print®) für 1000 (15 %) von ihnen eine 70-Gen-Signatur mit ultraniedrigem Risiko. Die Wissenschaftler bewerteten für ihre Studie das DMFI und BCSS der Patientinnen, die sie aufgrund ihrer 70-Gen-Signaturen nach hohem, niedrigem oder ultraniedrigem Risiko stratifizierten, indem sie Kaplan-Meier- und Cox-Regressionsanalysen durchführten.

Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 8,7 Jahre. Von den Patien­tinnen mit ultraniedrigem Risiko (N=1000) waren 67 % >50 Jahre alt, 81 % hatten Tumore ≤2 cm, 80 % waren N-, 96 % hatten Tumoren des Grades 1 oder 2 und 99 % waren ER+. Von den Patientinnen erhielten 84 % eine adjuvante systemische Therapie (69 % ET, 14 % ET plus Chemotherapie, 1 % andere) und 16 % keine.

Das 8-Jahres-DMFI für Patientinnen mit ultraniedrigem Risiko betrug 97,0 % (95 %-KI 95,8–98,1) und war damit 2,5 % höher als für Patientinnen mit Niedrigrisiko­tumoren (N=3295; 94,5 % [95 %-KI 93,6–95,3]). Die HR betrug für ultraniedriges vs. niedriges Risiko nach Anpassung für klinisch-pathologische und Behandlungsmerkmale für das DMFI 0,65 (95 %-KI 0,45–0,94). Bei ultraniedrigem Risiko ergab sich zudem ein 8-Jahres-BCSS von 99,6 % (95 %-KI 99,1–100). (sh)

Autoren: Lopes Cardozo JMN et al.
Korrespondenz: Prof. Laura van ‘t Veer; [email protected]
Studie: Outcome of Patients With an Ultralow-Risk 70-Gene Signature in the MINDACT Trial
Quelle: J Clin Oncol 2022;40(12):1335–1345.
Web: doi.org/10.1200/JCO.21.02019