Bewegungsdaten von Musikern: Digitale Unterstützung für die Physiotherapie20. Februar 2026 Gut aufbereitete Informationen aus digitalen Technologien, wie Elektromyographie, können Physiotherapeut*innen im stressigen Berufsalltag entlasten und Diagnosen unterstützen. Foto: Hochschule Osnabrück Wie lassen sich die komplexen Informationen aus Bewegungsanalysen von Musikern so aufbereiten, dass sie in der Physiotherapie bei Diagnostik und Therapieplanung helfen? Wie digitale Technologien hier unterstützen können, zeigt eine Promotionsarbeit. Biomechanische Daten aus Bewegungsanalysen können Physiotherapeutinnen und -therapeuten wichtige Informationen zu Gelenkwinkeln, Muskelaktivität oder Bewegungsmustern liefern – gerade in der Bewegung und an Stellen, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind. In seiner Promotion an der Hochschule Osnabrück und der Universität Witten/Herdecke untersucht Eduard Wolf, wie diese Daten aufbereitet und präsentiert werden können, um in der Physiotherapie dateninformierte Entscheidungen zu treffen. Im Fokus seiner Forschung stehen dabei Instrumentalistinnen und Instrumentalisten sowie andere Performing Artists. Denn die hohen einseitigen Belastungen beim Musizieren sowie Faktoren wie Stress und Lärm können negative gesundheitliche Folgen haben. Das belegt eine empirische Studie der Universität Paderborn: Demnach hat jeder zweite professionelle Orchestermusiker in Deutschland spürbare körperliche Beschwerden bei der Arbeit. Bewegungsanalysen als Basis Grundlage für Wolfs Arbeit sind biomechanische Daten, die messbaren Informationen über die Bewegungen und Kräfte des menschlichen Körpers: Zum Beispiel, wie stark ein Gelenk gebeugt oder gestreckt wird, oder, welche Muskeln aktiviert werden und wie stark sie arbeiten. Diese Daten werden mithilfe von Motion-Capture-Technologie und Elektromyographie erhoben. Dabei werden Informationen zu Gelenkwinkel, Muskelaktivität und Bewegungsmuster präzise erfasst. Daten von Musikerinnen und Musikern mit und ohne körperliche Beschwerden miteinander verglichen. Mit der Motion-Capture-Technologie lassen sich Gelenkwinkel und -positionen dreidimensional aufzeichnen. Auch feinste Bewegungen können genau erfasst werden. Die Elektromyographie misst elektrische Aktivität von Muskeln während der Bewegung. Digitales Dashboard für die Physiotherapie Die gewonnenen Daten werden im nächsten Schritt in einem Dashboard für die Physiotherapeutinnen und -therapeuten aufbereitet. „Es ist speziell auf die Bedürfnisse der Therapeut*innen zugeschnitten. Die komplexen biomechanischen Messwerte werden dort in die Sprache der Physiotherapeut*innen übersetzt“ erklärte der Promovend. Gleichzeitig werden klinische Informationen wie Anamnese, körperliche Untersuchung und Behandlungshistorie integriert. So entsteht ein vollständiger Befund. Dieser soll es den Therapeutinnen und -therapeuten erleichter, Hypothesen über Beschwerden zu überprüfen, Therapieentscheidungen zu treffen und Patientinnen und Patienten gezielter zu behandeln. Welche Informationen helfen wirklich? In Nutzerstudien testeten Physiotherapeutinnen und -therapeuten anschließend das Dashboard anhand realer Patientenfälle. Untersucht wurde dabei, wie zusätzliche Bewegungsdaten Diagnosen und Behandlungsentscheidungen beeinflussen oder welche Informationen dabei besonders hilfreich sind. Eine weitere Fragestellung war, wie sich die digitale Unterstützung den Physiotherapie-Alltag auswirkt. „Dabei wurde deutlich, dass eine gut verständliche Visualisierung und klare Usability – also Benutzer*innenfreundlichkeit – entscheidend für den erfolgreichen Einsatz sind“, erläuterte Wolf. Ein zentraler Aspekt seiner Forschung ist deshalb die Usability: Digitale Werkzeuge sollen so gestaltet sein, dass sie in der Physiotherapie-Praxis unkompliziert, zeitsparend und intuitiv einsetzbar sind. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Mensch und Technik im Gesundheitswesen bestmöglich zusammenwirken können. „Technologien stellen nur dann eine Unterstützung dar, wenn sie sich an den klinischen Alltag anpassen – nicht umgekehrt“, so der Promovend. Den Herausforderungen des Physiotherapie-Berufsalltags begegnen Physiotherapeutinnen und -therapeuten spielen eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung: Sie begleiten Menschen nach Verletzungen, Erkrankungen oder Operationen, lindern Schmerzen und fördern Beweglichkeit. Gleichzeitig arbeiten sie unter hohem Zeitdruck. Krankenkassen kalkulieren für viele Leistungen Zeitfenster von 15 bis 20 Minuten pro Patientin oder Patient ein. Vor- und Nachbereitung, Dokumentation und organisatorischer Aufgaben sind dabei inkludiert. „Digitale Technologien können Physiotherapeut*innen entlasten, wenn sie praxisnah gestaltet sind und die Arbeitsabläufe sinnvoll unterstützen. Mein Ziel ist es, einen Beitrag zur Nutzbarmachung biomechanischer Daten in der Physiotherapie zu leisten und zu zeigen, wie Digitalisierung konkret Mehrwert schaffen kann“, sagt Eduard Wolf.
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