Bewegungstraining bei chronischen Schmerzen – realer Effekt oder Placebo?3. September 2021 Daniel Belvay ist seit Anfang des Jahres 2021 Professor für Physiotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Bochum. Foto: HS Gesundheit Eine neue Übersichtsarbeit einer deutsch-australischen Forschergruppe zeigt zwar, dass eine physiotherapeutische Bewegungstherapie die Schmerzintensität bei Muskel-Skelett-Erkrankungen reduziert, der Anteil des Placeboeffektes bei dem beobachteten Erfolg bleibt jedoch unklar. Muskel-Skelett-Erkrankungen, zu denen beispielsweise Rückenschmerzen oder Fibromyalgie zählen, haben ein gemeinsames Hauptsymptom: Schmerzen. Gegen diese wird häufig eine Bewegungstherapie empfohlen. Jedoch ist bislang unklar, inwieweit der Therapie-Erfolg durch Faktoren wie den Placeboeffekt oder eine natürliche Besserung im Verlauf der Erkrankung bestimmt werden. Als Placeboeffekt bezeichnet man das Auftreten einer Wirkung durch die Gabe von Tabletten ohne Wirkstoff oder von sogenannten Scheinbehandlungen. Deshalb hat sich ein Forscherteam um Prof. Daniel Belavy, Physiotherapie-Professor an der Hochschule für Gesundheit in Bochum und Dr. Clint Miller, Dozent am Institute for Physical Activity and Nutrition der Deakin University im australischen Melbourne, die Studienlage zum Thema Bewegungstherapie gegen Schmerzen einmal genauer angesehen. Sie haben die Erkenntnisse von 79 einzelnen Studien in einer systemischen Übersichtsarbeit zusammengefasst und verglichen. Ihre Ergebnisse haben die Forschenden in der Fachzeitschrift „Sports Medicine“ veröffentlicht. „Nach unseren Ergebnissen sind der Effekt eines Bewegungstrainings und der einer Placebobehandlung gleich groß. Die Evidenzgrundlage ist allerdings noch nicht so ausgeprägt, wie es zu wünschen wäre“, erklärt der Physiotherapiewissenschaftler Prof. Dr. Daniel Belavy. Die Forschergruppe hatte nur vier Studien gefunden, die Bewegungstherapie und eine Placebo-Anwendung verglichen haben. „Wir wissen aus anderen Studien, dass das Ritual des Besuchs bei einem Physiotherapeuten zur Behandlung, die Vorerfahrungen des Patienten und eine ganze Reihe anderer Faktoren beeinflussen können, wie sehr eine Person von dieser Behandlung profitiert“, erklärte Miller. „Uns ist wichtig zu betonen, dass die Bewegungstherapie und die damit verbundenen Faktoren der Behandlung nach wie vor wirksamer sind als eine medizinische Standardversorgung. Es muss lediglich besser erforscht werden, worauf die Wirksamkeit beruht“, so Miller weiter. Belavy ergänzte: „Diese Wissenslücke, die wir in unserer Studie aufgezeigt haben, sollte dringend geschlossen werden, da die Fragestellung von grundlegender Bedeutung ist. Wir wissen, dass sich Bewegungstraining positiv auf viele Erkrankungen auswirkt. Daher ist es wichtig zu wissen, ob unser Ergebnis in weiteren Studien fortbestand hat und wenn ja, wie der Erfolg des Bewegungstrainings zustande kommt. Mit dieser Information können wir auch andere Behandlungen besser steuern und optimiert einsetzen, um dem Patienten zu maximal möglichen Erfolg zu verhelfen“. Bei zukünftigen Studien zu Muskel-Skelett-Erkrankungen wäre es den Forschenden zufolge wichtig, immer die drei Optionen Bewegungstherapie, Placebotherapie und keine Therapie miteinander zu vergleichen. Nur so könne man am Ende sicher feststellen, wie groß der Einfluss jeder Option auf die Schmerzlinderung sei.
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