Bionikprojekt „Blindterni“: Barrierefreies Spielen neu gedacht

Haben mit „Blindterni“ ein Spielkonzept für Menschen mit Sehbeeinträchtigung entwickelt: Projektinitiator Moses-Gereon Wullweber (r.) und Prof. Dr. Tobias Seidl vom Bionik-Institut der Westfälischen Hochschule in Bocholt.Foto:©Lisa Kurpiun/WH

Ein Team der Westfälischen Hochschule (WH) hat eine Variante des Spiels „Vier in einer Reihe“ entwickelt. Diese ermöglicht es, dass Menschen mit und ohne Sehbehinderung miteinander spielen können.

Das Spiel kennt fast jeder: Zwei Farben und vier Spielsteine, die in eine Reihe gebracht werden müssen. Das ist das Prinzip von „Vier in einer Reihe“. Aber wie funktioniert so ein Spielkonzept für Menschen mit Sehbeeinträchtigung? Mit dieser Frage hat sich ein Bocholter Bionik-Team der WH im Rahmen eines Projekts beschäftigt. „Blindterni“ kann sich nicht nur sehen, sondern auch fühlen lassen.

Gesellschaftsspiele für Sehbehinderte bergen viele Hürden

Trotz der starken Konkurrenz durch Online-Gaming zählen Gesellschaftsspiele bundesweit immer noch zu den beliebtesten Hobbies. Menschen mit Behinderung, insbesondere Sehbehinderte, stehen bei vielen klassischen Spielvarianten jedoch häufig vor der Herausforderung, dass visuelle Fähigkeiten wie das Erkennen von Schrift, Farben oder Symbolen vorausgesetzt werden.

Das sei jedoch nicht die einzige Hürde, wie Prof. Tobias Seidl vom Bocholter Bionik-Institut der WH erklärt: „Der Markt barrierefreier Spiele ist klein, damit sind sie nicht so leicht zu bekommen und auch teuer. Gerade die zentrale Fertigung und damit verbundene Vertriebswege erschweren Menschen mit Einschränkungen – insbesondere in wirtschaftlich schwächeren Ländern – den Zugang zu solchen Produkten.“

„Blindterni“ aus dem 3D-Drucker

Das Team des Bionik-Instituts hat eine inklusive Spielvariante entwickelt, die es ermöglicht, dass Menschen mit und ohne Sehbeeinträchtigung gemeinsam spielen können. Doch nicht nur das: Die Lösung für „Blindterni“ stammt aus dem 3D-Drucker und kann damit kostengünstig und dezentral hergestellt werden.

Das Spiel basiert auf dem bereits existierenden dreidimensionalen „Vier in einer Reihe“. Im Unterschied zur Vorlage kombiniert „Blindterni“ Farben zusätzlich mit taktiler Wahrnehmung und orientiert sich so am Zwei-Sinne-Prinzip. Die Spielsteine lassen sich durch eine glatte Oberfläche, vertikale Rillen und Einbuchtungen unterscheiden. Auch das Spielfeld ist im Vergleich zum Originalspiel vergrößert aufgebaut.

„Dieses Design ist für die Spielerinnen und Spieler nicht nur gut nutzbar, sondern ermöglicht auch eine einfache Fertigung durch „Fused Layer Modelling“, einem kostengünstigen und international verbreiteten 3D-Druckverfahren“, berichtet Moses-Gereon Wullweber, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bionik-Institut und Initiator des Projekts.

„Blindterni“ mittels Design Thinking entwickelt

„Blindterni“ wurde mittels Design Thinking entwickelt, einer Methode, die auf die Bedürfnisse der Zielgruppe fokussiert und in einem schrittweisen Prozess umgesetzt wird: Verschiedene Prototypen wurden sowohl von Menschen ohne Sehbehinderung mit verbundenen Augen als auch von Sehbehinderten getestet und im Nachgang in mehreren Optimierungsrunden an die Bedürfnisse angepasst.

Die erforderlichen Daten, um das Spiel selbstständig mit einem 3D-Drucker zu drucken, liegen frei zugänglich und kostenfrei als Open-Source-Datei vor. Dies ermöglicht auch eigenständige Weiterentwicklungen. Die Daten sind hier abrufbar.

Die Spielentwicklung hat das Team im Fachmagazin „Blind + Sehbehindert“ veröffentlicht.