Biosicherheit umsetzen – die menschliche Seite der Tiergesundheit23. Juli 2026 Professorin Julie Smith (Mitte) vermittelt Studierenden Wissen über Biosicherheit mithilfe des Spiels „Clean Escape“ auf der UVM Miller Dairy Farm. Foto: Elodie Reed Ein globales Review liefert neue Erkenntnisse für eine bessere Biosicherheit. So zeigt eine neue Studie der Universität Vermont: Bessere Biosicherheit bedeutet mehr als nur Schulungen für Landwirte. Es geht darum, menschliches Verhalten zu verstehen. Wenn es darum geht, Nutztiere vor verheerenden Krankheiten zu schützen, reicht es möglicherweise nicht aus, den Menschen einfach nur Anweisungen zu geben. Eine neue Übersichtsarbeit unter der Leitung eines Forschers der Universität Vermont (UVM) und Kooperationspartnern zweier australischer Institutionen legt nahe, dass die Verbesserung der Biosicherheit in der Landwirtschaft etwas erfordert, das in der Tiergesundheit oft vernachlässigt wird: das Verständnis menschlicher Entscheidungsprozesse. Biosicherheit erfordert Verhaltensänderungen Die in Frontiers in „Veterinary Science“ veröffentlichte Studie untersuchte fast zwei Jahrzehnte globaler Forschung zu Bemühungen, Landwirte und Tierhalter zur Anwendung von Präventionsmaßnahmen zu bewegen. Die Ergebnisse offenbaren eine überraschende Forschungslücke. Während Wissenschaftler und Verantwortliche in der Landwirtschaft jahrelang Biosicherheitsmaßnahmen identifiziert haben, die Krankheitsausbrüche verhindern können, haben relativ wenige Studien untersucht, wie man Menschen motivieren kann, diese Maßnahmen auch tatsächlich umzusetzen. „Biosicherheit ist nicht nur eine technische Herausforderung, sondern erfordert auch Verhaltensänderungen“, so die Hauptautorin Dr. Julia M. Smith vom Institut für Tier- und Veterinärwissenschaften und dem Labor für sozialökologische Spiele und Simulationen der Universität von Vermont. „Wenn wir erreichen wollen, dass Biosicherheitsmaßnahmen konsequent angewendet werden, müssen wir verstehen, was zum Handeln motiviert, welche Hindernisse bestehen und welche Interventionen wirklich wirksam sind.“ Bildung allein reicht nicht aus Das internationale Forschungsteam analysierte Studien aus den Jahren 2008 bis 2024 in verschiedenen Bereichen der Tierhaltung, darunter Geflügel-, Schweine-, Rinder- und Schafzucht. Von den ursprünglich 699 identifizierten Datensätzen erfüllten nur 33 Publikationen die Kriterien für die Bewertung von Interventionen, die speziell auf die Verbesserung des Biosicherheitsverhaltens abzielen. Diese 33 Publikationen umfassten 41 separate Studien. Die Analyse ergab ein Muster: Bildungsprogramme dominieren die Biosicherheitslandschaft. Schulungen, Workshops, Informationskampagnen, Umfragen, Audits und Aktionspläne waren die gängigsten Ansätze, um die Anwendung von Maßnahmen zur Krankheitsprävention zu fördern. Die Forschenden stellten jedoch fest, dass Bildung allein oft nicht ausreicht. „Wissen ist wichtig, aber nur ein Teil des Puzzles“, gibt Smith zu bedenken. „Menschen wissen vielleicht, was richtig ist, und stoßen dennoch auf Hindernisse wie Kosten, Zeitmangel, sozialen Druck, Infrastrukturbeschränkungen oder die Unsicherheit, ob eine Maßnahme tatsächlich etwas bewirkt.“ Bereits Befragung kann Verhalten beeinflussen Das Team untersuchte Biosicherheitsmaßnahmen anhand des bekannten COM-B-Modells zur Verhaltensänderung. Die Analyse ergab, dass sich die meisten Programme auf Wissensvermittlung und Sensibilisierung konzentrierten, während andere wichtige Verhaltensfaktoren wie Anreize, soziale Normen, Gewohnheiten, Umweltbedingungen und praktische Hürden nur selten berücksichtigt wurden. Eine der interessantesten Erkenntnisse der Studie ist, dass bereits die Befragung von Menschen zu ihren Praktiken deren Verhalten beeinflussen kann. Daher schlugen die Forschenden innerhalb bestehender Modelle zur Verhaltensänderung eine neue Kategorie vor: „Befragung/Beobachtung“. Sie erkannten, dass Umfragen, Bewertungen, Audits und Beobachtungen selbst dazu anregen können, über das eigene Handeln nachzudenken. Simulationen ermöglichen Erforschung wichtiger Entscheidungsprozesse Die Studie hebt zudem innovative Forschung aus dem Labor für sozialökologische Spiele und Simulationen der UVM hervor. Dort ermöglichen experimentelle Simulationen Forschenden, zu untersuchen, wie Menschen in realistischen, aber kontrollierten Umgebungen auf Krankheitsrisiken, sozialen Druck und Biosicherheitsbotschaften reagieren. Diese Simulationen bieten eine Möglichkeit, Entscheidungsprozesse zu erforschen, die während realer Krankheitsausbrüche schwierig, kostspielig oder gar unmöglich zu testen wären. Es steht viel auf dem Spiel für die Welt Wirksame Biosicherheit schützt Tiere und Menschen vor Krankheiten wie Vogelgrippe, Afrikanischer Schweinepest, Maul- und Klauenseuche und Salmonellen und trägt gleichzeitig zur Ernährungssicherheit, Rentabilität landwirtschaftlicher Betriebe und zur Resilienz der Landwirtschaft bei. Die Autoren argumentieren, dass zukünftige Biosicherheitsprogramme stärker auf Verhaltenswissenschaften, Sozialwissenschaften, Kommunikationswissenschaften, Pädagogik und Systemdenken zurückgreifen sollten. Sie empfehlen Forschern außerdem, genauer zu dokumentieren, welche Interventionen sie einsetzen, warum sie diese gewählt haben und wie sie das Verhalten verändern sollen. Warum das wichtig ist: Wenn das Ziel gesündere Tiere, leistungsfähigere landwirtschaftliche Betriebe und letztendlich einen sichereren Planeten für die Menschen ist, sollte die Lösung wahrscheinlich mit dem Verständnis menschlichen Verhaltens beginnen. „Empfehlungen zur Biosicherheit sind nur dann von Bedeutung, wenn sie umgesetzt werden“, sagt Smith. „Durch die Verknüpfung von Fachwissen zur Tiergesundheit mit Erkenntnissen aus der Verhaltenspsychologie können wir Maßnahmen entwickeln, die wirksamer und praxisnäher sind und letztlich erfolgreicher Krankheiten verhindern – was sowohl für die Wissenschaft als auch für die Gesellschaft Priorität haben sollte.“ (sg/BIERMANN) Professorin Julie Smith (Mitte) vermittelt Studierenden Wissen über Biosicherheit mithilfe des Spiels „Clean Escape“ auf der UVM Miller Dairy Farm. Foto: Elodie Reed
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