Blickbewegungen: Warum schaust Du mir (nicht) in die Augen?19. März 2024 Wer bei Objekten zuerst auf den oberen Bereich schaut, tut dies auch bei Gesichtern: Die Blickpunkte eines „up lookers“ sind in blau dargestellt, die Blickpunkte eines „down lookers“ in rot.Foto.©Frieder Hartmann Wissenschaftler der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) konnten bei der Analyse der Blickbewegungen von Menschen beobachten, dass es mit ihrem allgemeinen Blickverhalten zusammenhängt, ob diese die Augen- oder die Mundpartie in einem Gesicht fixieren. Menschen betrachten Gesichter auf individuelle Weise. Manche neigen dazu, die Augen zu fokussieren, andere die Mitte des Gesichts oder die Mundpartie. Bisher brachten Psychologen solche Vorlieben in Zusammenhang mit Aspekten des Sozialverhaltens. So können soziale Angst oder Autismusspektrumsstörungen zur Vermeidung von Blickkontakt führen. Nun entdeckten Forscher der JLU einen überraschenden Zusammenhang: Die individuelle Art, Gesichter zu betrachten, hängt damit zusammen, wie wir auf Objekte schauen. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachjournal „PNAS“ erschienen. Die Wissenschaftler zeichneten Blickbewegungen hunderter Freiwilliger auf, die Bilder alltäglicher Szenen betrachteten. Dies ermöglichte die Analyse von über 1,8 Millionen Blickbewegungen, die auf Gesichter oder unbelebte Objekte fielen. Dabei zeigte sich ein unerwarteter Zusammenhang: Teilnehmer, die dazu neigten, die Augenpartie zu fokussieren, also auf den oberen Teil eines Gesichts zu schauen, richteten ihre Blicke auch höher auf unbelebte Objekte. Wer häufiger in die Augen blickte, schaute also auch auf höhere Bereiche einer Dose Cola oder Leuchtreklame. Bei Menschen, die dazu neigten, die Mundpartie zu fixieren, war es genau umgekehrt. Maximilian Broda, Erstautor der Studie und Doktorand in der Abteilung für Allgemeine Psychologie der JLU, erklärt: „Unsere Teilnehmenden unterschieden sich zuverlässig in der Eigenschaft höher oder niedriger auf alle möglichen Arten von Objekten zu schauen. Anders als bisher gedacht, galt das nicht nur für Gesichter.“ Sein Doktorvater Prof. Ben de Haas, ergänzt: „Noch wissen wir nicht, warum manche Menschen höhere Bereiche fixieren als andere. Vermutlich stehen im Hintergrund aber ganz grundlegende Mechanismen der individuellen Biologie.“ Aktuell prüfen die Wissenschaftler zum Beispiel, welche Rolle die visuelle Auflösung in verschiedenen Bereichen der Netzhaut dabei spielt. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass grundlegende Mechanismen der visuellen Verarbeitung weitreichende Konsequenzen für menschliche Interkation und sogar Entwicklungsstörungen haben könnten“, so de Haas. „Diese Studie zeigt die Notwendigkeit, zukünftig stärker mit Forschenden anderer Bereiche zusammenzuarbeiten, zum Beispiel aus der klinischen Psychologie.“
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