Blicke und Kaufimpulse lenken: Labor-Supermarkt der Uni Bonn eröffnet

Wo und wie muss ein Produkt im Supermarkt platziert sein, damit es in den Blick fällt und die Kaufentscheidung beeinflusst? Dies untersuchen Forschende der Universität Bonn in einem eigenen Labor-Supermarkt (Symbolbild). Foto: © anatoliycherkas – stock.adobe.com

Alles für den täglichen Speisezettel: Das bietet der neue Labor-Supermarkt der Universität Bonn. Forschende wollen hier untersuchen, wie sich etwa durch optische Reize, Produktplatzierung und andere Effekte visuelle und kognitive Impulse für einen gesundheits- und nachhaltigkeitsorientierten Einkauf setzen lassen.

Nirgendwo Werbeschilder, kein Fahrradständer mit Firmenlogo: Wer vor dem weißen Gebäudekomplex „Am Probsthof“ steht, ahnt nicht, dass sich darin das Abbild eines kleinen Supermarktes verbirgt. Werbung braucht es auch nicht – denn der „Labor-Supermarkt“ dient rein wissenschaftlichen Zwecken. Wer hierher kommt, wurde als Testperson gekürt und darf sich zwischen den Regalen tummeln. Was ausgewählt wird, soll mit wissenschaftlicher Akribie festgehalten werden.

Der Leiter des Labor-Supermarktes Junior-Professor Dominic Lemken steht an der Kasse und deutet auf die dort bereitstehende „Quengelware“. „Normalerweise sind hier Schokoriegel oder Kaugummis platziert, weil sich insbesondere Kinder in der Warteschlange umsehen und hier bevorzugt zugreifen möchten“, sagt er. „Was wäre, wenn hier nicht Süßigkeiten, sondern gesundes Obst liegen würde?“ Schon sind wir mitten in einer der Fragestellungen, die hier untersucht werden können – sozusagen am lebenden Probanden.

Kaufanreize für nachhaltige und gesunde Ware schaffen

Legt man Bananen in die Nähe des Kassenraumes, dann werden sie zu rund 30 Prozent häufiger gekauft als an anderen Ecken des Supermarktes. Das ist bei Marketingstrategen längst bekannt. Doch welche Anreize lassen sich in einem solchen Selbstbedienungsladen sonst noch schaffen, damit die Kundschaft bevorzugt zu gesünderen Produkten mit weniger Fett, Zucker oder Salz greift? Wie müssen die Packungen platziert und gestaltet sein, dass vor allem auch nachhaltig produzierte Ware eine Chance hat? Alle reden von Tierwohl – wie finden diese Produkte trotz höherer Preise einen guten Absatz?

All das – und noch viel mehr – soll hier mit wissenschaftlichem Anspruch untersucht werden. Ihr Mitwirken fällt den Teilnehmenden nicht schwer, denn als Kunde fühlt man sich wie in einem „normalen“ Supermarkt. Kameras zeichnen die Kaufentscheidung auf – mit einer speziellen Software, die – so versichert die Uni Bonn – die Identifizierung von Personen unmöglich macht. Lediglich Silhouetten seien zu erkennen. „Wir können nur feststellen, wie viele der Testpersonen zu Packungsvariante A oder B greifen“, erläutert Lemken.

Heraus aus der gepixelten, hinein in die reale Welt

Die Universität Bonn hat bereits mit virtuellen Supermärkten experimentiert. Dabei sitzen die Probanden am Bildschirm, steuern mit der Tastatur scheinbar einen Einkaufswagen zwischen den Regalen durch und können in dieser gepixelten Welt bestimmte Produkte auswählen. Das ist erfahrungsgemäß stichhaltiger als reine Umfragen. „Der Labor-Supermarkt ist aber nochmals realistischer“, sagt Lemken. „Hier können die Leute noch besser in ihre Kaufgewohnheiten verfallen, die wir dann auswerten.“ Schließlich wird beim echten Einkauf auch nicht unbedingt das gekauft, was auf dem Zettel steht. Häufig locken dann ganz andere Produkte. Dann wird es für die Wissenschaft interessant.

Roboter als Regal-Befüller, Nachhaltigkeit als Selbstverpflichtung

Auch Forschende des Humanoid Robots Lab an der Universität Bonn führen hier Experimente durch. „Wir testen zum Beispiel, wie sich Regale effizient und kundenorientiert von Robotern beladen lassen und lernen von Menschen präferiertes Roboterverhalten“, sagt Prof. Maren Bennewitz. „Mit den Ergebnissen optimieren wir dann unsere Systeme für den Supermarkt, aber auch für Anwendungen in häuslichen Umgebungen wie etwa Haushaltshilfen oder Pflege“, ergänzt Doktorand Nils Dengler.

Die Universität Bonn bessert mit dem eigenen Selbstbedienungsladen nicht ihre Haushaltskasse auf. „Wir generieren keine Einnahmen aus den Studien“, macht der Leiter des Labor-Supermarktes deutlich. Interessierte können sich für Studien bewerben und bekommen dann einen Gutschein in bestimmter Höhe. Die ausgewählten Produkte dürfen sie in der Regel mit nach Hause nehmen und nutzen. Schließlich soll das üppige Warensortiment auch nicht verderben. Bleibt doch einmal etwas übrig, das nahe an der Mindesthaltbarkeitsgrenze ist, dann geht es an die „Tafeln“ oder sonstige Hilfsinitiativen. Auch hier wird Nachhaltigkeit groß geschrieben.

Beteiligte Institutionen und Finanzierung: Als Anschubfinanzierung haben viele aus der Universität Bonn über zentrale Mittel hinaus zum Gelingen des ersten Labor-Supermarkts beigetragen: die Agrar-, Ernährungs- und Ingenieurwissenschaftliche Fakultät, die Transdisziplinären Forschungsbereiche „Modelling“ (TRA 1) und „Sustainable Futures“ (TRA 6), das Humanoid Robots Lab und das Centre for Artificial Intelligence and Neuroscience.