Blickverarbeitung: Kinder folgen Blicken nach denselben kognitiven Prinzipien12. Februar 2026 Die Kinder sollten die Stelle auf der Hecke berühren, von der sie glaubten, dass der Ballon dort gelandet war. Dabei durften sie sich ausschließlich an den Augenbewegungen des Avatars orientieren. Illustration.©Manuel Bohn Eine neue Forschungsarbeit des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Leuphana Universität Lüneburg hat ergeben, dass Kinder bei der Blickverarbeitung dasselbe grundlegende Muster zeigen. Zu erkennen, wohin andere Menschen schauen und worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten, ist eine zentrale Voraussetzung für soziale Interaktion, Kommunikation und Zusammenarbeit. Dennoch beruhen viele Annahmen über universelle Aspekte sozialer Kognition bislang vor allem auf Daten aus westlichen, wohlhabenden und urbanen Gesellschaften. Eine neue Studie erweitert diesen Blick deutlich. Mehr als als 1300 Kinder aus 17 Gemeinschaften in 14 Ländern auf fünf Kontinenten wurden mithilfe einer an verschiedene Kulturen angepassten Aufgabe auf dem Tablet untersucht. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse der Analysen im Fachjournal „Child development“. In 17 Gemeinschaften auf fünf Kontinenten zeigten Kinder dasselbe grundlegende Muster der Blickverarbeitung, wie ein computergestütztes Modell es vorhersagt.Illustration.©Manuel Bohn Die Kinder spielten ein einfaches „Ballonspiel“ auf dem Touchscreen. Ein Ballon verschwand hinter einer Hecke, während eine animierte Figur seinen Weg allein mit den Augen verfolgte. Die Aufgabe der Kinder bestand darin, jene Stelle auf der Hecke zu berühren, an der der Ballon ihrer Meinung nach gelandet war – einzig auf Basis der Blickbewegungen der Figur. Gemessen wurde, wie weit der Berührungspunkt vom tatsächlichen Landepunkt entfernt lag. Diese Daten wurden anschließend mit einem computergestützten Modell ausgewertet. Ein gemeinsames Verarbeitungssignal über Kulturen hinweg Obwohl sich die durchschnittliche Genauigkeit und das Entwicklungstempo zwischen den Gemeinschaften unterschieden, zeigte sich überall dasselbe grundlegende Muster. Je weiter das Ziel – relativ zur Position der blickenden Figur – vom Zentrum des Bildschirms entfernt war, desto ungenauer wurden die Antworten. „Über alle 17 Gemeinschaften hinweg sehen wir genau die Verarbeitungssignatur, die unser Modell vorhersagt“, klärt Erstautor Manuel Bohn auf. „Das spricht stark dafür, dass der Blickverarbeitung ein gemeinsamer kognitiver Mechanismus zugrunde liegt.“ In allen untersuchten Gemeinschaften schnitten ältere Kinder im Durchschnitt besser ab als jüngere. Gleichzeitig waren jedoch die individuellen Unterschiede groß. So waren manche Vierjährige präziser als deutlich ältere Kinder – sowohl innerhalb als auch zwischen den Gemeinschaften. Insgesamt fielen die Unterschiede zwischen einzelnen Kindern stärker ins Gewicht als die durchschnittlichen Unterschiede zwischen den Gemeinschaften. „Dass wir trotz unterschiedlicher Präzision einen gemeinsamen Prozess ausmachen konnten, bringt uns der Identifizierung echter kognitiver Universalien näher“, erklärt Seniorautor Daniel Haun. „Gleichzeitig zeigt sich, wie wichtig es ist, individuelle Unterschiede systematisch zu erfassen und nicht nur Mittelwerte von Gemeinschaften.“ Erfahrung mit digitalen Geräten erhöht die Präzision in der Blickverarbeitung Bei der Nutzung digitaler Geräte zeigte sich ein klarer Einfluss. Kinder, die zu Hause Zugang zu Touchscreens hatten, lösten die Aufgabe präziser – unabhängig von ihrem Umfeld. Zusätzliche Übungsdurchgänge bestätigten, dass Kinder an allen Standorten sichtbare Ziele zuverlässig berühren konnten. Die Geräteerfahrung beeinflusste also vor allem die Genauigkeit, mit der Kinder ihre geplanten Bewegungen umsetzten, nicht aber den zugrunde liegenden Denkprozess. „Die Erfahrung mit dem Gerät verbessert die Genauigkeit, verändert aber nicht die kognitive Verarbeitung selbst“, so Mitautorin Julia Prein. „Das hilft uns, zwischen Effekten, die der Messung zugrunde liegen, und tatsächlichen kognitiven Effekten zu unterscheiden, um fairere kulturübergreifende Studien zu entwerfen.“ Kultursensibel und vergleichbar messen Um faire und vergleichbare Messungen in sehr unterschiedlichen kulturellen, sprachlichen und sozioökonomischen Kontexten zu ermöglichen, haben die Forschenden gemeinsam mit lokalen Partnerinnen und Partnern alle visuellen und auditiven Elemente der Aufgabe an die jeweiligen Gegebenheiten angepasst. „Diese Studie zeigt, wie erfolgreiche internationale Zusammenarbeit in der entwicklungspsychologischen Forschung aussehen kann“, betont Roman Stengelin, ebenfalls ein leitender Autor. „So konnten wir den jeweiligen Gemeinschaften respektvoll begegnen und gleichzeitig wissenschaftliche Vergleichbarkeit gewährleisten.“ Die Materialien und Daten sind frei zugänglich und eine anpassbare Version der Aufgabe steht Forschenden als frei nutzbare Webanwendung zur Verfügung. Insgesamt liefert die Studie deutliche Hinweise auf ein universelles Prinzip der grundlegenden sozialen Kognition. Kinder auf der ganzen Welt nutzen ähnliche kognitive Prozesse, um Blickrichtungen zu interpretieren, wenn auch mit unterschiedlicher Genauigkeit. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass sich der Universalitätsanspruch auf das zugrunde liegende Verarbeitungssignal bezieht und nicht auf identische Leistungen. Sie regen an, künftig auch alltägliche soziale Interaktionen genauer zu untersuchen, um zusätzliche Quellen individueller Unterschiede zu verstehen.
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