Bodycams in der Notaufnahme – Schutz oder Risiko? 19. März 2026 Bei der Polizei sind sie längst im Einsatz, aber was bringen Bodycams in der Notaufnahme? In Dortmund wird das ausprobiert. Foto: VGV/stock.adobe.com Bodycams haften längst an vielen Uniformen von Polizisten oder Ordnungskräften. Nun testet eine Klinik, ob die Kittel-Kamera die Notaufnahmen sicherer macht. Experten fürchten Nebenwirkungen der Bodycams in Notaufnahmen. Kleine Kamera, große Hoffnung – doch wie groß kann die Wirkung sein? Angesichts täglicher Beleidigungen und einer Zunahme gewalttätiger Übergriffe auf das Personal in Notaufnahmen tragen Mitarbeiter am Klinikum Dortmund nun Bodycams. Sie sollen hochkochende Konflikte mit Patienten und Wartenden möglichst im Keim ersticken, so die Idee. Nach ersten Erfahrungen in dem dreimonatigen Pilotprojekt mit Bodycams in Notaufnahmen sieht die Klinik bereits positive Effekte. Fachleute befürchten jedoch, dass der Einsatz der kleinen Kameras in einem so sensiblen Bereich wie der Notaufnahme auch Nebenwirkungen haben könnte. Die Eckpunkte des Pilotprojektes Seit rund einem Monat können Mitarbeiter in den vier Notaufnahmen des großen Klinikums die kleinen Kameras am Kittel tragen – und einschalten, wenn sich im Empfangsbereich Konflikte mit Wartenden oder Patienten erkennbar zuspitzen. Während medizinischer Behandlungen oder in vertraulichen Gesprächen bleiben sie aus. Die Kamera dürfe zudem nur nach deutlicher Ankündigung aktiviert werden, betont die Klinik. Zusätzlich zu weiteren Sicherheitsmaßnahmen – wie einem Sicherheitsdienst oder Deeskalationstrainings – wolle man damit den Beschäftigten ein Mittel an die Hand geben, das im Idealfall deeskalierend wirke oder bei einem Konflikt zumindest Beweise sichern könne, sagt der Arbeitsdirektor des Klinikums Michael Kötzing. Es wird gebissen, geschlagen getreten Laut einer Umfrage der Deutschen Krankenhausgesellschaft aus dem vergangenen Jahr berichten 66 Prozent der Krankenhäuser von einer Zunahme der Gewalt – besonders betroffen sind demnach Notaufnahmen. Das Klinikum Dortmund ist da keine Ausnahme. Beleidigungen seien in der Notaufnahme an der Tagesordnung. „Dass gebissen, geschlagen und getreten wird“, so Kötzing, komme so häufig vor, dass man es nicht ignorieren könne. Zwar benehme sich nur ein verschwindend geringer Teil der Patienten daneben, für diese Fälle brauche es aber ein wirksames Mittel der Prävention. Experte: Kamera wirkt auch auf die Träger Kriminologen, die sich mit der Wirkung von Bodycams befasst haben, fürchten aber auch einige Nebenwirkungen: „Sich eine Bodycam an die Brust zu heften und zu glauben, das löse Konflikte, wird nicht funktionieren“, sagt Stefan Kersting von Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW. Er hat den Einsatz von Bodycams bei der nordrhein-westfälischen Polizei untersucht. Dabei wurde beobachtet, dass Polizisten und Polizistinnen mit Bodycams sogar häufiger tätlich angegriffen wurden als ihre Kollegen ohne Kamera. „Die Kamera wirkt nicht nur auf das polizeiliche Gegenüber, sie wirkt auch auf den Träger der Bodycam“, sagt Kersting. So habe sich gezeigt, dass die Polizeikräfte nach dem Einschalten der Kameras häufig in eine „formale Verwaltungssprache“ verfielen, statt ihren Ton und ihre Ausdrucksweise an die Situation und den Adressaten anzupassen – und damit Gewalt gegen sie eher häufiger wurde. Damit die Bodycam wirklich ihr Deeskalationspotential entfalte, brauche es eine enge kommunikative Begleitung, betont Kersting daher. Experten sehen Bodycams in der Notaufnahme sketisch Dem Einsatz von Bodycams in der Notaufnahme steht er skeptisch gegenüber: Dorthin kämen die Menschen, wenn es ihnen schlecht gehe – körperlich, seelisch oder beides. „Und dann ist da diese Kamera im Spiel. Das kann erst recht provozierend wirken, egal ob sie eingeschaltet ist oder nicht“, fürchtet er. Allein die Sichtbarkeit einer Kamera verändere die Interaktion. Auch die Kriminologen und Soziologen Simon Egbert und Jasper Janssen von der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld, die seit mehreren Jahren zu Bodycams bei der Polizei forschen, weisen auf die uneindeutige Studienlage zur Präventionswirkung der Bodycams hin: Während einzelne Studien durchaus Deeskalationspotential feststellten, gebe es auch Befunde, die auf das Gegenteil hindeuteten, so Janssen. „Relativ sicher können wir festhalten, dass der Präventionseffekt, wenn überhaupt, nur dort existiert, wo die Personen eine gewisse rationale Klarheit mitbringen“, fasst Janssen den Forschungsstand zusammen. In der Notaufnahme, so befürchten auch die Bielefelder Forscher, drohen die Kameras die Kommunikation dagegen eher zu belasten. „Die Kamera ist ja auch ein Symbol für grundsätzliches Misstrauen“, erklärt Egbert. „Das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und medizinischem Personal wird dann gestört oder lässt sich gar nicht erst aufbauen.“ Bodycams in der Notaufnahme greifen nicht an der Wurzel Das Klinikpersonal vor Gewalt zu schützen sei fraglos ein wichtiges Anliegen, aber: „Die zugrunde liegenden Gründe für eine Zunahme der Gewalt geht man dann nicht an“, kritisiert Egbert. Die lägen womöglich tiefer. „Aber lange Wartezeiten oder Beschaffungskriminalität im Umfeld einer Notaufnahme bekämpfen Sie nicht mit einer Bodycam.“ Stattdessen drohe eine „Normalisierung von Kameras in immer mehr Räumen“, fügt sein Kollege Janssen hinzu. In den Notaufnahmen des Dortmunder Klinikums weisen die Verantwortlichen aber auf erste gute Erfahrungen mit Bodycams in der Notaufnahme hin: Es habe in den ersten Wochen der insgesamt dreimonatigen Testphase bereits mehrere Anlässe gegeben, in denen die bloße Ankündigung, die kleine Kamera am Kittel anzuschalten, beim Beruhigen einer sich hochkochenden Situation geholfen habe, schildert Thorsten Stohmann, Leiter der Zentralen Notaufnahme. Auch berichten Kollegen, dass sie sich durch die Kamera sicherer fühlten. Großes Interesse an Dortmunder Projekt Eine Verunsicherung bei der überwiegend friedlichen und herzlichen Klientel in den Notaufnahmen sei auch nicht zu spüren, betonen den die Klinikverantwortlichen. Schließlich seien die Kameras zum einen standardmäßig ausgeschaltet, der Umgang mit etwaigen Aufnahmen unterliegt strengen Datenschutzregeln. Er erlebe stattdessen ein «unfassbar hohes Verständnis auf Seiten der Patientinnen und Patienten», schildert Stohmann. Arbeitsdirektor Kötzing glaubt ebenfalls an den Erfolg des Projektes: Fest stehe schon jetzt, dass es einen Nerv getroffen habe. „Ich kann mich nicht retten vor Anfragen“, sagt er. Viele Krankenhäuser warteten nach seiner Einschätzung nur auf die Erkenntnisse aus dem Dortmunder Projekt. (Florentine Dame, dpa)
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