Borna-Virus könnte für mehr Todesfälle verantwortlich sein als bislang angenommen9. Januar 2020 Feldspitzmäuse gelten als Reservoir für das Borna-Virus 1, das in Verdacht steht, tödlich verlaufende Hirnentzündungen auszulösen. (Copyright: www.CreativeNature.nl) Ein Virus, das von der Spitzmaus auf den Menschen übertragen werden kann, könnte in Regionen, in denen die Wirtsspitzmaus in freier Wildbahn lebt, jahrzehntelang unbemerkt Enzephalitiden verursacht haben. Darauf deutet eine aktuelle Studie in „The Lancet Infectious Diseases“ hin. Acht neu identifizierte, tödliche Fälle einer Infektion mit dem Borna-Disease-Virus 1 (BoDV-1) deuten darauf hin, dass das Virus dort, wo es in der freien Natur vorkommt, für einen hohen Prozentsatz schwerer und tödlich verlaufender Fälle von Enzephalitis verantwortlich sein könnte. Die Forscher hatten die Daten von 56 Patienten ausgewertet, die in den zurückliegenden 20 Jahren Symptome einer Enzephalitis entwickelt hatten. Alle Patienten, bei denen das Virus neu diagnostiziert wurde, starben zwischen 1999 und 2019, und alle lebten in Süddeutschland. Die Autoren können jedoch nicht ausschließen, dass das Virus auch für leichter verlaufende Fälle von Enzephalitis verantwortlich sein könnte, vor allem in Regionen Mitteleuropas, wo die infizierten Wirtstiere in freier Wildbahn vorkommen. Forscher haben auch vermutet, dass BoDV-1 auch bei psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen oder Schizophrenie eine Rolle spielen könnte. Bis das Virus im Jahr 2018 in vier Fällen gemeldet wurde, waren seine Verbindungen zu Fällen ungeklärter Enzephalitis allerdings nur selten untersucht worden. Obwohl es keine bewährte Behandlung gibt, schlagen die Forscher vor, dass Patienten häufiger auf BoDV-1 zu testen, um das wahre Ausmaß der Infektion beim Menschen festgestellt zu können. Die Autoren regen außerdem an, alle Patienten auf BoDV-1 zu testen, die von schnell fortschreitenden Störungen des zentralen oder peripheren Nervensystems betroffen sind, deren Ursache unbekannt ist und bei denen der Patient möglicherweise mit dem infizierten Reservoirwirt, der Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), in Kontakt gekommen ist. BoDV-1-infizierte Feldspitzmäuse kommen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein vor, aber wie das Virus von den Tieren auf den Menschen überspringt, ist unklar. Die Symptome bei den Infizierten beginnen mit Fieber, Kopfschmerzen und Verwirrtheit und setzen sich fort mit Anzeichen einer Hirnerkrankung wie unruhiger Gang, Gedächtnisverlust, Krampfanfällen und fortschreitendem Bewusstseinsverlust. In den neu untersuchten Fällen verschlechterten sich die Symptome nach der Aufnahme ins Krankenhaus rasch und führten zu tiefem Koma und Tod. Alle acht Patienten starben innerhalb von 16 bis 57 Tagen nach der Aufnahme. “Mit unseren Tests steigt die Gesamtzahl der gemeldeten Fälle von menschlichem Borna-Virus in Süddeutschland auf mindestens 14, sodass es in absoluten Zahlen immer noch relativ selten ist, aber hinter einem größeren Anteil unerklärlicher schwerer bis tödlicher Enzephalitis-Fälle stehen könnte. Nur weitere Tests an Patienten mit schwerer oder sogar tödlicher Enzephalitis werden hier KLarheit bringen, und eine frühere Erkennung könnte anhand von Serum- und Liquorproben von lebenden Patienten möglich sein”, sagte Prof. Martin Beer vom Friedrich-Löffler-Institut in Deutschland. Für die aktuelle Studie hatten die Forscher Hirngewebe von toten Patienten mit einer Enzephalitis analysiert, die vermutlich durch ein nicht identifiziertes Virus verursacht wurde. Die Proben wurden zwischen 1995 und 2018 zur Diagnose eingereicht. Die Autoren analysierten auf genetische Anzeichen des Borna-Virus. Wurden Sequenzen von BoDV-1 nachgewiesen, verglichen sie diese mit Gensequenzen von Spitzmäusen und von landwirtschaftlichen Nutztieren wie Pferden und Schafen, die versehentlich mit dem Virus infiziert wurden. Bei 28 Patienten war die Ursache der Enzephalitis nicht bekannt, neun dieser Patienten starben. Bei sechs der Verstorbenen wurde BoDV-1 neu diagnostiziert, zwei weitere Fälle wurden unabhängig voneinander mithilfe von Hirnautopsieproben identifiziert. Im Gegensatz dazu wurde das Virus bei keinem der überlebenden Patienten diagnostiziert. Die Wissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass noch weitere Untersuchungen nötig sind, um festzustellen, ob es auch für mildere Fällen von Hirnentzündungen verantwortlich sein könnte. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Infektion mit dem Borna-Virus als schwere und potenziell tödliche menschliche Krankheit anzusehen ist, die aus einem Wildtierreservoir übertragen wird. Es handelt sich jedoch nicht um eine neu auftretende Erkrankung, sondern um eine Krankheit, die beim Menschen seit mindestens Jahrzehnten unbemerkt aufgetreten zu sein scheint und die möglicherweise andere unerklärliche Fälle von Enzephalitis in Regionen verursacht hat, in denen das Virus in den Wirtsspitzmauspopulationen endemisch ist”, sagte Prof. Barbara Schmidt vom Universitätsklinikum Regensburg, Deutschland. Die Autoren weisen darauf hin, dass eine Einschränkung ihrer Studie darin besteht, dass sie nicht in der Lage waren, einen genauen Übertragungsweg von Spitzmäusen auf den Menschen festzustellen. Sie analysierten jedoch die verfügbaren Informationen von 14 Patienten und stellten fest, dass bei den meisten Betroffenen der Kontakt mit Tieren, die in ländlichen oder vorstädtischen Gebieten leben, landwirtschaftliche Arbeiten und andere Aktivitäten im Freien gemeldet wurden. In mindestens sieben Fällen wurde über engen Kontakt mit Katzen berichtet. Wenn Katzen jagen, bringen sie möglicherweise Spitzmäuse in ihre Wohnungen und setzen damit Menschen ihnen aus. Die Gensequenzen von BoDV-1 waren in allen acht neuen Fällen unterschiedlich und stimmten mit Gensequenzen von lokal infizierten Spitzmäusen oder Pferden überein, was darauf hindeutet, dass die Infektion aus dem Wildreservoir des Wirts jedes Mal unabhängig voneinander erfolgte. Originalpublikation:Niller HH et al: Zoonotic spillover infections with Borna disease virus 1leading to fatal human encephalitis, 1999–2019: an epidemiological investigation. Lancet Infect Dis, 7. Januar 2020
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