Cardiac Arrest: Kühlung bringt keinen Vorteil25. Juni 2021 Abbildung: ©iushakovsky – stock.adobe.com Eine internationale Studie im „New England Journal of Medicine“ konnte nachweisen, dass die Kühlung von PatientInnen, die nach einem plötzlichen Herzstillstand komatös in die Notfallstation eingeliefert werden, keine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit mit sich bringt. Zwar sind Herzerkrankungen als Risikofaktoren eines plötzlichen Herztodes ausführlich untersucht, im Bereich der medizinischen Sofortintervention und der Behandlungsmaßnahmen klaffen aber bis heute Wissenslücken. „Das hat unter anderem mit dem enormen Zeitdruck zu tun, der bei einem Herzstillstand auf allen Beteiligten lastet und mit der erheblichen Schwierigkeit, gut dokumentierte Datengrundlagen zu erstellen, die sich für hochkarätige Forschungsvorhaben eignen“, erläutert das Universitätsspital Bern, das mit seinem Cardiac-Arrest-Center Bern eigenen Angaben zufolge maßgeblich an der Erarbeitung der Studie mitgewirkt hat. Bislang schrieben internationale Guidelines eine Hypothermiebehandlung auf ca. 33˚ Celsius für PatientInnen vor, die nach einem plötzlichen Herzstillstand bewusstlos in die Notfallstation eingeliefert werden. Eine robuste Evidenzgrundlage für diese Praxis fehlte jedoch. Die jüngst im „New England Journal of Medicine“ publizierte Studie überprüfte deshalb die Vorgaben. PatientInnen-Kühlung bringt keinen Vorteil Die Studie TTM2 (Targeted Hypothermia Versus Targeted Normothermia After Out-of-hospital Cardiac Arrest) konnte zeigen, dass eine gezielte Kühlung der PatientInnen im Koma auf ca. 33˚ Celsius keinen Vorteil in Bezug auf die Überlebensraten zur Folge hat. Dr. Anja Levis, Universitätsklinik für Anästhesie und Co-Autorin der Studie erklärt: „Wie in der Vergleichsgruppe, deren Körpertemperatur im Normalbereich unterhalb der Fiebergrenze gehalten wurde, starben in den ersten 6 Monaten nach dem Ereignis rund die Hälfte der untersuchten Fälle. Jedoch schnitt die Gruppe mit Kühlung in Bezug auf Herzrhythmusstörungen deutlich schlechter ab, als die Normaltemperatur-Gruppe.“ Die bisherige Empfehlung beruht darauf, dass eine Studie im Jahr 2002 zwei kleine Gruppen von PatientInnen miteinander verglich, eine mit Hypothermie-Management und eine ohne. Prof. Matthias Hänggi, Leitender Arzt an der Universitätsklinik für Intensivmedizin, Inselspital, Universitätsspital Bern, erklärt: „Retrospektiv können wir sagen, dass mit der Studie 2002 gezeigt wurde, dass ein besseres Ergebnis bei den Patientinnen und Patienten erzielt wird, die intensiv betreut werden. TTM2 hat nun gezeigt, dass es vor allem ein gutes Setting für Herzstillstand-Patientinnen und -Patienten braucht und dieses kann nicht einzig auf die Temperatur beschränkt betrachtet werden.“ Evidenz dank solidem Design in internationaler Kooperation Die TTM2-Studie hat sich zum Ziel gesetzt, evidenzbasierte Grundlagen der Behandlung nach plötzlichem Herzstillstand zu schaffen. Sie schloss 1900 (auswertbar 1850) PatientInnen aus 14 Ländern in 61 Spitälern ein. Die Leitung des Konsortiums lag beim Universitätsspital Lund in Schweden. 68 PatientInnen waren am Inselspital hospitalisiert. Hier lag die Leitung bei Levis und Hänggi. Die PatientInnen wurden zufällig in die Gruppen Hypothermie oder Normothermie eingeteilt, mit je 925 Fällen. Das primär beurteilte Resultat war das Überleben nach 6 Monaten. Zudem wurden zahlreiche standardisierte Parameter, z.B. zu Einschränkungen nach dem Herzstillstand, erhoben. Beteiligung des Cardiac-Arrest-Center Bern Das Cardiac-Arrest-Center des Inselspitals, Universitätsspital Bern ist das erste zertifizierte Schweizer Cardiac-Arrest-Center. Laut eigenen Angaben hat die TTM2-Studie die Bedeutung einer solchen Zertifizierung unterstrichen. Dr. Manuela Iten, Oberärztin an der Universitätsklinik für Intensivmedizin, Inselspital, Universitätsspital Bern, betont: „Wenn das gesamte Betreuungssystem stimmt, vom frühen Erkennen des Herzstillstandes, zu frühzeitigen Reanimationsmaßnahmen, einer schnellen Defibrillation, dann bei Transport und Einlieferung eine gute Erstversorgung, professionelle Intensivpflegemaßnahmen, korrekte Prognosestellung und schließlich eine gute Rehabilitation, dann überlebt fast die Hälfte der Patientinnen und Patienten mit gutem Outcome, und die Temperatur ist nur ein Faktor in diesem ganzen Gebilde.“ Diese enge Kooperation der Kliniken des CA-Centers innerhalb des Unispitales und mit den Rettungsdiensten der Region diene den PatientInnen und stärke den Medizinalstandort Bern. Anpassung Europäischer Guidelines steht noch aus Die evidenzbasierte Behandlung von plötzlichem Herzstillstand weist einen erheblichen Rückstand gegenüber anderen, vergleichbaren Erkrankungen auf. Hänggi führt aus: „Die durchgehende Zertifizierung des Cardiac-Arrest-Centers Bern war ein erheblicher Aufwand, den andere große Zentren noch leisten müssen. Weiter fehlen derzeit noch Strukturen wie zum Beispiel die klar einheitlich geregelten Versorgungsstufen im Bereich Hirnschlag. Dank der sorgfältig dokumentierten Prozesse können aber nun weitere Forschungsarbeiten in Angriff genommen werden um die Evidenz im Bereich der Behandlung des plötzlichen Herzstillstandes weiter zu verbessern.“ Neben der lokalen Umsetzung stehe die Verarbeitung der Studienergebnisse in den Europäischen Guidelines an. Sie wurden Anfang 2021 revidiert und führen die Hypothermiebehandlung noch auf.
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