Chatbot erleichtert Überweisung bei psychischen Problemen

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Ein Startup aus Großbritannien will mithilfe eines Chatbots die Überweisung von Menschen mit psychischen Problemen an Gesprächstherapien vereinfachen. Mit Erfolg, wie die Ergebnisse einer Studie, die in „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde, zeigen.

Die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen steht in Deutschland wie auch in anderen Ländern vor erheblichen Herausforderungen. Der Mangel an Therapieplätzen, die langen Wartelisten und die immer noch bestehende Stigmatisierung sowie Scham im Umgang mit psychischen Erkrankungen belasten die Betroffenen. Ein Startup aus Großbritannien versucht deshalb, die Überweisung von Menschen mit psychischen Problemen an Gesprächstherapien mithilfe eines Chatbots zu vereinfachen.

Das Startup „Limbic“ erforschte, inwiefern die Implementierung des von ihnen entwickelten Chatbots in die Online-Dienste des „National Health Systems“ (NHS) in Großbritannien die Selbstüberweisung zu Gesprächstherapien steigern kann. Mit dem „Talking Therapies National Program“ des NHS können Betroffene sich selbst an unterschiedliche Arten der Gesprächstherapie überweisen. Damit umgehen sie das strenge „Gatekeeping-System“, bei dem Hausärzte die Überweisung an Fachärzte ausstellen müssen. Der Chatbot soll das ganze vereinfachen: Er wird durch Künstliche Intelligenz (KI) gestützt, sodass er auf Anfragen empathisch eingehen soll, die Anfragenden je nach Antworten durch verschiedene Fragebögen führt und bei dem Vorgang der Selbstüberweisung hilft.

Insgesamt wurden Daten von rund 129.400 Personen untersucht, die 28 verschiedenen NHS-Gesprächstherapie-Dienstleistungen in Anspruch nahmen. 14 der Dienstleistungen verwendeten den Chatbot, die anderen 14 nutzen ähnliche NHS-Dienste wie Web-Formulare.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die NHS-Dienste 15 Prozent mehr Selbstüberweisungen verzeichneten, wenn der Chatbot eingesetzt wurde. Wenn die Kontrolldienste verwendet wurden, waren es nur sechs Prozent. Vor allem folgende Minderheiten profitierten von dem Chatbot: Bei Personen mit nichtbinärer Geschlechtsidentität zeigte sich ein Anstieg von 179 Prozent, bei Personen, die sich ethnischen Minderheiten zugehörig fühlen, von 29 Prozent. Die Forschenden weisen zudem darauf hin, dass der Anstieg an Überweisungen nicht zu längeren Wartezeiten für eine Behandlung oder weniger klinischen Beurteilungen führen würde.

„Das Ergebnis, dass trotz einer Zunahme der Selbstüberweisungen um 15 Prozent keine längeren Wartezeiten entstanden sind, ist bemerkenswert und wirft Fragen auf, die leider von den Autoren in der Diskussion nicht thematisiert werden. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass der KI-gestützte Chatbot im diagnostischen Prozess eine Vorselektion vornimmt, wodurch Patienten nach Dringlichkeit priorisiert werden. Dies könnte dazu führen, dass Personen mit akutem Bedarf schneller identifiziert und anderen Behandlungsoptionen zugeführt werden, während Fälle mit geringerem Schweregrad alternative Behandlungswege wie psychologische Beratung empfohlen bekommen“, kommentierte Prof. Eva-Lotta Brakemeier, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP) an der Universität Greifswald, die Studienergebnisse.

Prof. Harald Baumeister, Leiter der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Universität Ulm, hält die Implementierung eines derartigen Chatbots im deutschen Versorgungssystem für durchaus denkbar. „Natürlich bedarf es substanzieller Adaption, da sich Versorgungssysteme und Zugangswege zur Versorgung von Land zu Land unterscheiden. Zudem unterscheiden sich regulatorische Anforderungen, die in Deutschland zumindest anders sind als in Großbritannien und im internationalen Vergleich eher hohe Anforderungen an digitale Gesundheitsversorgungsprodukte stellen“, erklärte Baumeister.

Bedeutsamer seien allerdings die Hürden der ganz konkreten Implementierung in das bestehende Versorgungssystem, gibt Baumeister zu bedenken. Digitale Tools könnten die Versorgung verbessern, allerdings komme es stets darauf an, wie genau diese genutzt und implementiert werden. „Dies erfordert Planung und wissenschaftliche Begleitung, um das Potenzial derartiger neuer Ansätze auszuschöpfen, ohne dabei neue Gefahren und Versorgungsungerechtigkeiten für Patientinnen und Patienten mit einzuführen.“