Chemotherapie-induzierte Toxizität bei älteren Krebspatienten6. März 2024 © Seventyfour – stock.adobe.com (Symbolbild) In einer prospektiven Kohortenstudie mit insgesamt 276 Krebspatienten im Alter von ≥70 Jahren, die eine Chemotherapie erhielten, haben deren Autoren den Zusammenhang zwischen chemotherapiebedingten toxischen Wirkungen vom Grad ≥3 einerseits und der Lebensqualität und körperlichen Funktionsfähigkeit im Laufe der Zeit andererseits untersucht. Die Wissenschaftler um Erstautorin Dr. Joosje C. Baltussen von der Klinik für Medizinische Onkologie des Leiden University Medical Center (Niederlande) hatten Patienten in ihre Studie eingeschlossen, die sich einer Chemotherapie mit kurativer oder palliativer Absicht unterzogen und bei denen eine geriatrische Beurteilung erfolgen sollte. Lebensqualität und körperliche Funktionsfähigkeit wurden zu Studienbeginn sowie nach 6 und 12 Monaten beurteilt. Die Verschlechterung der Lebensqualität und/oder der körperlichen Funktionsfähigkeit oder der Mortalität 6 und 12 Monate nach Beginn der Chemotherapie bildeten den zusammengesetzten Endpunkt der Studie. Mittels multivariabler logistischer Regressionsmodelle analysierten die Wissenschaftler Zusammenhänge zwischen toxischen Wirkungen und dem genannten zusammengesetzten Endpunkt. Die in die Untersuchung aufgenommenen Patienten waren im Median 74 Jahre alt (Interquartilbereich [IQR] 72–77) und in der Mehrheit (n=177 [64%]) männlich. Bei 196 (71%) erfolgte die Chemotherapie mit kurativer Absicht. Defizite in ≥2 von 4 Bereiche der geriatrischen Beurteilung wiesen 145 (53%) Patienten auf und wurden daher von den Untersuchern als gebrechlich eingestuft. Bei 94 dieser gebrechlichen Patienten (65%) sowie bei 66 (50%) derjenigen ohne Gebrechlichkeit beobachteten die Studienautoren toxische Wirkungen vom Grad ≥3 (p=0,01), eine Verschlechterung der Lebensqualität und/oder der körperlichen Funktionsfähigkeit oder der Tod wurde bei 76% der gebrechlichen Patienten sowie bei 64–68% derjenigen ohne Gebrechlichkeit festgestellt. Für gebrechliche Patienten stellte man eine Assoziation zwischen toxischen Wirkungen vom Grad ≥3 mit dem zusammengesetzten Endpunkt nach 6 Monaten fest (OR 2,62; 95%-KI 1,14–6,05), jedoch nicht nach 12 Monaten (OR 1,09; 95%-KI 0,45–2,64). Zudem waren in dieser Patientengruppe toxische Wirkungen dieses Ausmaßes mit der Mortalität nach 12 Monaten verbunden (OR 3,54; 95%-KI 1,50–8,33). Bei Patienten ohne Gebrechlichkeit beobachtete man keinen Zusammenhang zwischen toxischen Wirkungen insgesamt und dem zusammengesetzten Endpunkt (6 Monate: OR 0,76; 95%-KI 0,36–1,64; 12 Monate: OR 1,06; 95%-KI 0,46–2,43). Fazit Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass gebrechliche Patienten mehr toxische Wirkungen vom Grad ≥3 erlebten als solche, die nicht als gebrechlich eingestuft worden waren. Außerdem war zu beobachten, dass das Auftreten toxischer Wirkungen mit einer Abnahme der Lebensqualität und/oder der körperlichen Funktionsfähigkeit oder der 1-Jahres-Mortalität verbunden war. Bei Patienten, die als nicht gebrechlich galten, waren toxische Wirkungen der Chemotherapie hingegen nicht mit schlechten Outcomes verbunden. Daraus schlussfolgern die Autoren, dass ein Screening älterer Patienten hinsichtlich ihrer Gebrechlichkeit vor der Behandlung sowie individuelle Anpassungen der Therapie eine behandlungsbedingte Verschlechterung der Gesundheit verhindern könnten. (ac) Autoren: Baltussen JC et al. Korrespondenz: Joosje Baltussen; [email protected] Studie: Chemotherapy-Related Toxic Effects and Quality of Life and Physical Functioning in Older Patients Quelle: JAMA Netw Open 2023;6(10):e2339116. Web: https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2023.39116