Chronische Schmerzen als Hypertonietreiber19. November 2025 Forschende aus Schottland gingen einem Zusammenhang zwischen Schmerzen und Bluthochdruck auf den Grund. (Foto: ©kostikovanata/stock.adobe.com) Eine Analyse der UK Biobank deutet an, dass ausgeprägte chronische Schmerzen einen relevanten Risikofaktor für die Entwicklung eines Bluthochdrucks darstellen. Depressionen scheinen hierbei eine vermittelnde Rolle zu spielen. Dass Menschen, die an Schmerzen leiden, zur Neuentwicklung eines Bluthochdrucks neigen, ist ein bekanntes Phänomen. Doch lassen sich Unterschiede je nach zugrundeliegender Schmerzart, -lokalisation und -ausbreitung feststellen? Eine aktuelle Auswertung von mehr als 200.000 Schmerzpatienten aus der UK-Biobank fand genau dafür eine Korrelation. Demnach scheint das Risiko für eine Hypertonie anzusteigen, wenn Schmerzen chronisch und weit verbreitet sind. Teilweise lässt sich der Zusammenhang durch begleitende Depressionen und Entzündungen erklären. Britische Kohortenstudie ausgewertet Eine Forschergruppe der University of Glasgow, Schottland, wertete die Daten von 206.963 Teilnehmern der UK Biobank unter Verwendung einer multivariaten Cox-Regressionsanalyse aus. Das Ziel war, die Zusammenhänge zwischen Schmerzen zu Studienbeginn (erfasst mittels Fragebogen) und neu aufgetretenem Bluthochdruck (ermittelt durch Verknüpfung mit Gesundheitsdaten) zu untersuchen. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 54 Jahre alt, 61,7 Prozent waren weiblich und 96,7 Prozent weiß. Bei ihrer Analyse berücksichtigten die Forscher um Studienleiterin Prof. Jill Pell Faktoren, die sowohl mit Schmerzen als auch mit Bluthochdruck in Zusammenhang stehen, darunter der selbstberichtete Raucherstatus, der Alkoholkonsum, die körperliche Aktivität, die im Sitzen verbrachte Zeit, die Schlafdauer sowie der Obst- und Gemüsekonsum. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten sie im Fachmagazin „Hypertension“. Höchstes Risiko bei chronischen generalisierten Schmerzen Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 13,5 Jahren entwickelten 19.911 (9,62 %) Teilnehmer einen Bluthochdruck. Im Vergleich zu Personen ohne Schmerzen stieg das Risiko für einen Bluthochdruck bei Personen mit kurzfristigen Schmerzen nach ihren Berechnungen um zehn Prozent, bei chronischen lokalisierten Schmerzen um 20 Prozent und bei chronischen generalisierten Schmerzen sogar um 75 Prozent. Es bestand außerdem ein Dosis-Wirkungs-Zusammenhang zwischen der Anzahl chronischer Schmerzstellen und dem Auftreten von Bluthochdruck. Ferner waren die unterschiedlichen Schmerzlokalisationen mit unterschiedlichen Risiken behaftet. So ergab die Analyse folgende Risikosteigerungen im Vergleich zu Personen ohne Schmerzen: 74 Prozent bei chronischen generalisierten Schmerzen 43 Prozent bei chronischen Bauchschmerzen 22 Prozent bei chronischen Kopfschmerzen 19 Prozent bei chronischen Nacken-/Schulterschmerzen 17 Prozent bei chronischen Hüftschmerzen 16 Prozent bei chronischen Rückenschmerzen. Um den Anteil des durch Entzündungen, Depressionen und Medikamente vermittelten Zusammenhangs zu schätzen, nahmen die Forscher eine Mediationsanalyse vor. Demnach erklärten Depressionen (11,3 %) und Entzündungen (0,4 %) – gemessen anhand des C-reaktiven Proteins – zusammen 11,7 Prozent des Zusammenhangs zwischen chronischen Schmerzen und Bluthochdruck. Berücksichtigung im klinischen Alltag „Je ausgeprägter die Schmerzen sind, desto höher ist das Risiko, Bluthochdruck zu entwickeln“, resümiert die Seniorautorin Pell. „Ein Grund dafür ist, dass chronische Schmerzen das Risiko für Depressionen erhöhen, und Depressionen wiederum das Risiko für Bluthochdruck steigern“, sagt Pell. Sie ergänzt: „Bei der Betreuung von Schmerzpatienten müssen sich die medizinischen Fachkräfte bewusst sein, dass diese ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck haben – entweder direkt oder indirekt über eine Depression. Die frühzeitige Erkennung von Schmerzen kann helfen, diese Begleiterkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.“ „Es ist bekannt, dass Schmerzen den Blutdruck kurzfristig erhöhen können“, erklärt der nicht an der Studie beteiligte Kardiologe und emeritierte Prof. Daniel W. Jones von der University of Mississippi School of Medicine, USA. Weniger bekannt sei jedoch, wie chronische Schmerzen den Blutdruck beeinflussen. „Diese Studie trägt zu diesem Verständnis bei und findet eine Korrelation zwischen der Anzahl chronischer Schmerzstellen und der Tatsache, dass dieser Zusammenhang möglicherweise durch Entzündungen und Depressionen vermittelt wird“, hebt der Vorsitzende der US-amerikanischen Bluthochdruck-Leitlinie hervor. Jones schlägt die Durchführung randomisierter, kontrollierter Studien vor, um auch Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ansätzen der Schmerztherapie und dem Blutdruck zu untersuchen. Insbesondere hat er die Anwendung von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen im Blick, die ebenfalls zu einem Blutdruckanstieg führen können. „Chronische Schmerzen müssen im Kontext des Blutdrucks der Patienten behandelt werden, insbesondere im Hinblick auf die Anwendung von Schmerzmitteln, die den Blutdruck negativ beeinflussen können“, so Jones. Studienlimitationen und Fazit Zu den Einschränkungen der Studie gehört, dass die Teilnehmer überwiegend weiße Erwachsene britischen Ursprungs und mittleren bis höheren Alters waren. Daher sind die Ergebnisse möglicherweise nicht auf Menschen anderer ethnischer Zugehörigkeit, aus anderen Ländern oder andere Altersgruppen übertragbar. Zudem basierten die Angaben zum Schmerzempfinden auf Selbstauskünften, und die Studie stützte sich auf klinische Diagnosekodierung, eine einmalige Schmerzeinschätzung und zwei Blutdruckmessungen. Es bleibt festzuhalten, dass die Studie nur korrelative Zusammenhänge aufzeigt. Dennoch liefert sie wertvolle Hinweise für die klinische Praxis: Chronische Schmerzen sollten als potenzieller kardiovaskulärer Risikofaktor stärker in den Blick genommen werden, insbesondere bei Patienten mit multiplen Schmerzlokalisationen oder psychischer Komorbidität. Eine frühzeitige Identifikation und multimodale Therapie könnte sich nicht nur auf die Lebensqualität, sondern möglicherweise auch auf die kardiovaskuläre Prognose von Schmerzpatienten auswirken. (ah/BIERMANN)
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