ConnectToBrain: Entwicklung einer biointelligenten Hirnstimulation18. Oktober 2019 Foto: ©Gorodenkoff Productions OU – stock.adobe.com Bei Parkinson-Patienten wird die tiefe Hirnstimulation bereits mit Erfolg eingesetzt. Das Verfahren wurde in den zurückliegenden Jahren noch maßgeblich verbessert: Bei der neuen „closed loop“-Stimulation werden Aktivitätszustände des Gehirns in Echtzeit erfasst und das Stimulationsprotokoll individuell an den momentanen elektrophysiologischen Zustand des Gehirns angepasst. Damit ist der Schritt zu einer personalisierten Hirnstimulation vollzogen. Die tiefe Hirnstimulation kann bei Parkinson-Patienten die Symptome deutlich lindern und die Lebensqualität der Betroffenen über einige Jahre stabil halten. Bislang erfolgte die elektrische Stimulation im Rahmen eines vorab festgelegten Protokolls. Nicht berücksichtigt wurden individuelle Gegebenheiten wie auch der momentane elektrophysiologische Zustand des Gehirns. Seit einigen Jahren wurde an der Weiterentwicklung des Verfahrens gearbeitet, denn es ist bekannt, dass elektrophysiologische Zustände des Gehirns ständig wechseln und es Phasen gibt, in denen eine Hirnstimulation mehr Effekte hat als in anderen. Wenn zwei Knotenpunkte eines neuronalen Netzwerks miteinander kommunizieren und erregt sind, ist der therapeutische Effekt einer Stimulation höher als bei „Funkstille“. „Closed Loop-Stimulation” ermöglicht Therapieanpassung in Echtzeit Die Echtzeitanalyse von Hirnoszillationen kann mittels Elektroenzephalographie (EEG) erfolgen, was die Entwicklung der hirnzustandsabhängigen Stimulation („brain state dependent stimulation“) ermöglicht hat. „Wir sind mittlerweile in der Lage, auch komplexere Hirnaktivitäten in Echtzeit auszulesen und auszuwerten“, erklärte Prof. Ulf Ziemann, Präsident des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2019. Diese technischen Möglichkeiten führten zur Entwicklung der sogenannten „closed loop“-Stimulation, die heute bereits vielfach zur Anwendung kommt. Dabei wird die augenblickliche Aktivität des Gehirns analysiert und für die Stimulation genutzt. Während der Behandlung werden in Echtzeit Hirnreaktionen und Therapieansprechen erhoben, bleibt letzteres aus, wird das Stimulationsprotokoll geändert. „Das Protokoll wird so lange während der Stimulation, also quasi „on flight“, adaptiert, bis die Veränderung, die wir erzielen wollen, z. B. die Stärkung der Verbindung von zwei Knotenpunkten eines Netzwerkes, eintritt”, erklärte Ziemann. Durch Multikanaltechnik komplexe Netzwerkstörungen adressieren Anfang September 2019 erfolgte der Startschuss für das vom Europäischen Forschungsrat geförderte Synergy-Projekt „ConnectToBrain“, das ein visionäres Ziel verfolgt. Derzeit wird zur transkraniellen Magnetstimulation eine 1-Kanal-Spule eingesetzt, sodass die Reizung auf einen Ort begrenzt ist. Bei Bedarf muss die Spule hand- oder robotergesteuert verschoben werden. „Das Gehirn ist aber ein hochkomplexes elektrisches Organ, das aus hunderten Millionen von Neuronen besteht und alle Hirnleistungen, die erbracht werden, sei es Sprache, Motorik oder Gedächtnis, beruhen auf einer in hohem Maße koordinierten, räumlich und zeitlich aufeinander abgestimmten Aktivität von Neuronen. Es reicht nicht, nur einzelne Knotenpunkte durch die Stimulation in ihrer Aktivität zu modulieren, wir wollen in die Lage kommen, alle Areale der gesamten Hirnrinde zu erreichen, auch parallel. Das würde uns ermöglichen, auch komplexe Netzwerkstörungen zu adressieren“, erklärte Ziemann. Patienten mit einer Alzheimer-Erkrankung weisen beispielsweise solche Netzwerkstörungen für Gedächtnisfunktionen auf und es ist bekannt, dass dabei viele Hirnregionen eine Rolle spielen, die mit der heutigen Stimulationstechnologie noch nicht adressiert werden können. Im Rahmen von „ConnectToBrain“ soll eine helmartige Vorrichtung entwickelt werden, in die zahlreiche Reizspulen integriert werden (in der Endversion bis zu 50). Netzwerkstörungen bei Alzheimer und nach Schlaganfall behandeln Durch die Überlagerung von induzierten elektrischen Feldern aus der Zusammenschaltung einzelner Spulen könnte damit hochpräzise jeder Punkt des Kortexmantels angesteuert und stimuliert werden. An der Entwicklung dieses Helms und einer Software, die in der Lage ist, komplexe elektrophysiologische Informationen in Echtzeit auszulesen und zu analysieren, arbeitet ein Team des Physikers Prof. Risto Ilmoniemi an der Aalto-Universität in Helsinki, Ziemann und seine Mitarbeiter werden dann die schrittweise klinische Testung durchführen. „Patientengruppen, an denen wir das Verfahren testen werden, sind Alzheimer-Patienten und Patienten mit Arm-Hand-Paresen nach Schlaganfall. Wir rechnen damit, 2025 einen Prototypen zu haben, mit dem wir dann in die klinische Phase gehen können.“ Für die Patienten wäre das Verfahren vergleichsweise komfortabel, da im Gegensatz zur herkömmlichen tiefen Hirnstimulation kein chirurgischer Eingriff notwendig ist, der Schädel also nicht zur Platzierung der Elektroden aufgebohrt werden muss. Ob die komplexe, biointelligente Stimulation auch langfristig von außen funktioniert, ist allerdings noch fraglich. „Wir testen zunächst die Machbarkeit und den Erfolg der Multikanalspulentechnik. Es wäre durchaus denkbar, dass wir mit den nicht invasiven Stimulationsmethoden zunächst einmal einen „proof-of-concept“ erbringen und demonstrieren, dass wir mit dem Verfahren prinzipiell das klinische Defizit der behandelten Patienten verbessern können, dann aber sehen, dass ein langanhaltender Therapieerfolg nur über invasive Stimulationsmethoden zu erreichen ist. Allein das wäre ein großer Erfolg. Aber wir hoffen natürlich, dass auch das nich invasive Verfahren nachhaltige Therapieeffekte bringt.“
Mehr erfahren zu: "Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei" Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei Multiple Sklerose wird durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus mitverursacht. Daneben spielen aber auch bestimmte Genvarianten eine wichtige Rolle. Wie Forschende der Universität Zürich zeigen, führt erst das molekulare Zusammenspiel […]
Mehr erfahren zu: "Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet" Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet Verhaltensauffälligkeiten nehmen auch im Schulalltag zu. Nach langer Planung startet in Sachsen nun ein Projekt, das Lehrkräfte sowie Schulleitungen entlasten soll.
Mehr erfahren zu: "Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken" Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken Auch mehrere Jahre nach Ende der Corona-Pandemie prägt diese Zeit noch Tausende Teenager in Baden-Württemberg in Form psychischer Erkrankungen.