Corona-Pandemie: Vier Lektionen für O & U23. Oktober 2020 Foto:© M. Doerr & M. Frommherz GbR/Adobe Stock Krisenfeste Versorgung in Orthopädie und Unfallchirurgie war das Tema der gemeinsamen Jahrespressekonferenz von DGOU und BVOU, die in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie ausschließlich virtuell stattfand. BVOU und DGOU wiesen auf die Bedeutung eines flächendeckenden Versorgungsnetzwerks jenseits von Sektorengrenzen hin und hoben die Bedeutung des ambulanten Sektors hervor, gerade auch im Hinblick auf die SARS-CoV-2-Pandemie. “Auf Corona waren wir nicht vorbereitet”, erklärte Dr. Burkhard Lembeck, DKOU-Präsident für den BVOU. Die Krise wirke in vielerlei Hinsicht wie ein Brennglas und bringe vieles ins Wanken, was schon vorher kritisch gesehen wurde. Sie fördere aber auch die Digitalisierung und bietet Chancen, die Versorgung neu zu gestalten, so Lembeck weiter. “Hohes Gut”: Ambulante Facharztversorgung “Deshalb nutzen wir die Digitale Woche O&U als Anlass, um vier Lektionen für unser Fachgebiet aus der Coronakrise zu ziehen”, erklärte er. “Die erste Lektion ist: Die ambulante Facharztversorgung ist ein hohes Gut.” In der Krise sei dies insbesondere im Vergleich mit anderen europäischen Ländern, etwa Frankreich oder Italien, deutlich geworden. Hier arbeiteten Fachärzte nur in Kliniken, sodass Patienten und Patientinnen etwa mit einem verstauchten Knöchel oder Rückenschmerzen eine Klinik aufsuchen mussten und dort Ressourcen blockierten. Anders sei die Situation in Deutschland, wo diese Personen eine ambulante Facharztpraxis aufsuchen konnten und dort versorgt wurden. Lembeck betonte: “Wir niedergelassenen Ärzte waren und sind jederzeit in der Lage, die Kliniken zu entlasten und Patientinnen und Patienten mit nicht lebensbedrohlichen orthopädischen und unfallchirurgischen Verletzungen zu versorgen. Dass Deutschland bisher so gut durch die Krise gekommen ist, hat auch damit zu tun, dass die ambulante fachärztliche Versorgung die Kliniken davor bewahrt, an ihre Belastungsgrenzen zu stoßen. Das Fazit muss also sein, diese Schiene weiter zu stärken: strukturell, finanziell und personell.” Außerdem habe die Krise die Bedeutung der konservativen Orthopädie und Unfallchirurgie gezeigt: Viele elektive Operationen hätten nicht stattgefunden, Patienten und Patientinnen seien monatelang konservativ in ambulanten Facharztpraxen versorgt worden und nur so zurecht gekommen. Das zeige, wie wichtig konservative Orthopädie und Unfallchirurgie ist, so Lembeck. “Die konservative Versorgung ist eklatant wichtig und muss weiter gestärkt werden!” Gestiegene Belastung muss entsprechend honoriert werden Als zweite Lektion führte Lembeck die gestiegene Belastung der Praxen an – diese müsse auch angemessen honoriert werden. Um den Hygieneanforderungen zu genügen, sei der Praxisalltag grundlegend umgestaltet worden. Dies erfordere viel Zeit und Energie, bei gleichzeitig höherem ökonomischem Druck. Grund für diesen seien höhere Ausgaben für Schutz- und Hygieneausrüstung und dass aufgrund der Abstandsregeln weniger Patienten behandelt werden können, erklärte Lembeck. Honoriert werden Ärzte aber nur auf Basis der Zeit. “Dieses Korsett aus Zeit und Honorar ist durch die Coronavirus‐Pandemie völlig aus den Fugen geraten. Wir müssen für das Erbringen jeder einzelnen Leistung jetzt viel mehr Zeit investieren, erhalten aber nur das Honorar aus der Vor‐Coronazeit. Das kann so nicht bleiben”, betonte Lembeck und appellierte an die Verantwortlichen dieses Problem umgehend anzugehen. Sprechende Medizin stärken und besser vergüten Auch BVOU-Präsident betonte: “Wegen der Abstandsregeln können nicht mehr so viele Patientinnen und Patienten im Wartezimmer Platz nehmen wie vor der Coronavirus‐Pandemie. Der alte Betrieb mit hoher Patientenfrequenz ist also vorbei.” Das habe zur Folge, dass für den einzelnen Patienten mehr Zeit bleibe. Ein Teil dieser Zeit fließe zwar in den gestiegenen Aufwand für Organisation und Hygienemaßnahmen aber: “Es bleibt auch mehr Zeit für das ärztliche Gespräch.” Die Pandemie biete die Gelegenheit medizinische Versorgung neu zu denken und zu gestalten, so Flechtenmacher weiter. Ohne den alten Betrieb könne man nun der sprechenden Medizin endlich mehr Platz geben. Das sei gerade bei Schmerzerkrankungen wichtig. Flechtenmacher forderte im Namen des Berufsverbandes “dass wir die gegenwärtige Situation nutzen, um neue Schwerpunkte bei der Versorgung zu setzen und der sprechenden Medizin mehr Raum geben. Das bedeutet aber auch, dass sie besser honoriert werden muss.” Digitalisierungsschub nutzen, ohne sorgfältige körperliche Untersuchung zu opfern Flechtenmacher hob auch den “Digitalisierungsschub” hervor, der durch die Pandemie erfolgt sei: Viele Kolleginnen und Kollegen nutzten inzwischen Videosprechstunden und andere Applikationen, um ihre Patientinnen und Patienten zu versorgen. “Trotzdem darf nicht vergessen werden, dass das persönliche Vier‐Augen‐Gespräch und die sorgfältige körperliche Untersuchung integrale Elemente des Arzt‐Patienten‐Verhältnisses sind. Ein Patient ist kein Kunde”, betonte der BVOU-Präsident. Viele Patienten und Patientinnen nutzten jetzt – nach Telefonberatung und Videosprechstunde – wieder das Vier-Augen-Gespräch. Die Digitalisierung habe, trotz ihres Nutzens, eben auch ihre Grenzen. “Digitalisierung ist kein Selbstzweck. In der Medizin muss sie sich daran messen lassen, ob sie den Kranken tatsächlich hilft oder ob sie nur die Abläufe verbessert”, so Flechtenmacher.(ja)
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