COVID-19: Noch bis zu zwei Jahre erhöhtes Risiko für neuropsychiatrische Erkrankungen

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Eine Studie mit mehr als 1,25 Millionen Menschen, bei denen COVID-19 diagnostiziert wurde, deutet darauf hin, dass das Risiko für die Entwicklung einiger neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen bis zu zwei Jahre lang nach einer COVID-19-Infektion höher ist als bei anderen Atemwegsinfektionen.

Das Risiko für einige neurologische und psychiatrische Erkrankungen wie Demenz, Psychosen und Krampfanfälle ist auch zwei Jahre nach COVID-19 noch höher als bei anderen Atemwegsinfektionen, wie eine in der Zeitschrift “The Lancet Psychiatry” veröffentlichte Beobachtungsstudie mit den Daten von mehr als 1,25 Millionen Patienten zeigt. Das erhöhte Risiko für Depressionen und Angstzustände bei Erwachsenen hält weniger als zwei Monate an, bevor es wieder auf Werte zurückgeht, die mit denen nach anderen Atemwegsinfektionen vergleichbar sind.

Seit Beginn der COVID-19-Pandemie mehren sich die Hinweise darauf, dass bei den Überlebenden ein erhöhtes Risiko für neurologische und psychiatrische Erkrankungen bestehen könnte. In einer früheren Beobachtungsstudie derselben Forschungsgruppe wurde berichtet, dass Überlebende von COVID-19 in den ersten sechs Monaten nach der Infektion ein erhöhtes Risiko für verschiedene neurologische und psychische Erkrankungen haben.1 Bislang gab es jedoch keine groß angelegte Studie, die das Risiko für diese Diagnosen über einen längeren Zeitraum untersucht hätte.

Mehr als 1,2 Millionen Datensätze zu drei Virusvarianten

Die aktuelle Studie2 analysierte nun Daten zu 14 neurologischen und psychiatrischen Diagnosen, die über einen Zeitraum von zwei Jahren aus elektronischen Gesundheitsakten vor allem aus den USA gewonnen wurden. Von den Personen mit Gesundheitsdaten im US-amerikanischen TriNetX-Netzwerk hatten 1.284.437 Personen am oder nach dem 20. Januar 2020 eine bestätigte SARS-CoV-2-Infektion und wurden in die Studie aufgenommen: 185.748 Kinder (>18 Jahren), 856.588 Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren und 242.101 Erwachsene über 65 Jahren. Diesen Personen wurde eine gleiche Anzahl von Patienten mit einer anderen Atemwegsinfektion gegenübergestellt, die als Kontrollgruppe dienten.

Die Aufzeichnungen von COVID-19-Patienten, die sich während verschiedener Pandemiewellen infiziert hatten, wurden ebenfalls hinzugezogen, um die Unterschiede in den Auswirkungen der Alpha-, Delta- und Omicron-Varianten auf das Risiko neurologischer und psychiatrischer Diagnosen zu untersuchen.

Personen, bei denen eine COVID-19-Erstdiagnose in dem Zeitraum gestellt wurde, in dem eine bestimmte Variante vorherrschte (Alpha: 47.675 Personen, Delta: 44.835 Personen, Omicron: 39.845 Personen), wurden mit einer Kontrollgruppe verglichen, die sich aus der gleichen Anzahl von Personen zusammensetzte, bei denen eine COVID-19-Erstdiagnose in der Zeit unmittelbar vor dem Auftreten dieser Variante gestellt wurde.

Depressionen und Ängste lassen rasch nach

Die Studie ergab, dass bei Erwachsenen das Risiko einer Depressions- oder Angstdiagnose nach einer SARS-CoV-2-Infektion zunächst anstieg, aber nach relativ kurzer Zeit wieder auf das gleiche Niveau wie bei anderen Atemwegsinfektionen zurückging (Depression nach 43 Tagen, Angst nach 58 Tagen). Nach dem anfänglichen Anstieg sank das Risiko für eine Depressions- oder Angstdiagnose unter das der Kontrollgruppe, d. h. nach zwei Jahren gab es keinen Unterschied in der Gesamthäufigkeit von Depressionen und Angstzuständen zwischen der COVID-19-Gruppe und der Gruppe mit anderen Atemwegsinfektionen (bei Erwachsenen im Alter von 18–64 Jahren in beiden Gruppen gab es innerhalb von zwei Jahren nach der Infektion etwa 1100 Fälle von Depression pro 10.000 Personen und etwa 1800 Fälle von Angstzuständen pro 10.000 Personen).

Allerdings war das Risiko der Diagnose einiger anderer neurologischer und psychischer Erkrankungen nach COVID-19 immer noch höher als bei anderen Atemwegsinfektionen am Ende der zweijährigen Nachbeobachtungszeit. Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren, die bis zu zwei Jahre zuvor an COVID-19 erkrankt waren, hatten ein höheres Risiko für kognitive Defizite oder “Hirnnebel” (640 Fälle pro 10.000 Personen) und Muskelerkrankungen (44 Fälle pro 10.000) im Vergleich zu Personen, die bis zu zwei Jahre zuvor an anderen Atemwegsinfektionen erkrankt waren (550 Fälle pro 10.000 Personen für “Hirnnebel” und 32 Fälle pro 10.000 für Muskelerkrankungen). Bei Erwachsenen ab 65 Jahren, die bis zu zwei Jahre zuvor an COVID-19 erkrankt waren, traten häufiger “Hirnnebel” (1540 Fälle pro 10.000 Personen), Demenz (450 Fälle pro 10.000 Personen) und psychotische Störungen (85 Fälle pro 10.000 Personen) auf als bei Personen, die zuvor an einer anderen Atemwegsinfektion erkrankt waren (1230 Fälle pro 10.000 für “Hirnnebel”, 330 Fälle pro 10.000 für Demenz und 60 Fälle pro 10.000 für psychotische Störungen).

Kinder haben geringeres Risiko für Spätfolgen

Die Wahrscheinlichkeit der meisten neurologischen und psychiatrischen Diagnosen nach COVID-19 war bei Kindern geringer als bei Erwachsenen, und sie hatten kein größeres Risiko für Angstzustände oder Depressionen als Kinder, die andere Atemwegsinfektionen hatten. Wie bei Erwachsenen wurden jedoch auch bei Kindern in den zwei Jahren nach COVID-19 einige Krankheiten häufiger diagnostiziert, darunter Krampfanfälle (260 Fälle pro 10.000 Kinder in der COVID-19-Gruppe; 130 Fälle pro 10.000 in der Kontrollgruppe) und psychotische Störungen (18 Fälle pro 10.000 Kinder in der COVID-19-Gruppe; 6 Fälle pro 10.000 in der Kontrollgruppe).

Bei den Risiken für neurologische und psychiatrische Diagnosen wurden sechs Monate nach COVID-19 kurz vor und kurz nach dem Auftreten der Alpha-Variante kaum Veränderungen beobachtet. Das Auftreten der Delta-Variante war jedoch mit einem signifikant höheren Sechsmonatsrisiko für Angstzustände (+10 %), Schlaflosigkeit (+19 %), kognitive Defizite (+38 %), Epilepsie oder Krampfanfälle (+26 %) und ischämische Schlaganfälle (+27 %) verbunden, aber mit einem geringeren Risiko für Demenz (-40 %) im Vergleich zu denjenigen, bei denen COVID-19 unmittelbar vor der Delta-Welle diagnostiziert wurde. Die Risiken während der Omicron-Welle waren ähnlich hoch wie bei der dominanten Delta-Variante.

Trotz milderer Symptome bleibt das Risiko für neuropsychiatrischen Spätfolgen vergleichbar

“Unsere Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die längerfristigen Folgen einer COVID-19-Infektion für die psychische und geistige Gesundheit der Betroffenen. Es ist eine gute Nachricht, dass das höhere Risiko für Depressionen und Angstzustände nach einer COVID-19-Infektion relativ kurzlebig ist und dass das Risiko für diese Diagnosen bei Kindern nicht ansteigt. Besorgniserregend ist jedoch, dass einige andere Erkrankungen wie Demenz und Krampfanfälle auch zwei Jahre später nach COVID-19 häufiger diagnostiziert werden”, sagte Dr. Max Taquet von der Universität Oxford, der die Analysen leitete.

“Das Auftreten der Delta-Variante wurde mit einem erhöhten Risiko für mehrere Erkrankungen in Verbindung gebracht; es ist jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass das Gesamtrisiko für diese Erkrankungen immer noch gering ist. Bei der Omicron-Variante als dominanter Variante sehen wir zwar viel mildere Symptome direkt nach der Infektion, aber es werden ähnliche Raten neurologischer und psychiatrischer Diagnosen beobachtet wie bei der Delta-Variante, was darauf hindeutet, dass die Belastung des Gesundheitssystems auch bei Varianten, die in anderer Hinsicht weniger schwerwiegend sind, fortbestehen kann”, fuhr Taquet fort.