COVID-19 und der gastroenterologische Patient: “Darmkrebsvorsorge bald wieder aufnehmen”

Persönliche Schutzkleidung war und teilweise ist schwer zu bekommen – eine Situation, die Medizinern Sorge bereitet. (Foto: alfa27/Adobe Stock)

Auch Gastroenterologische Patienten, die immunsuppressiv behandelt werden – wie beispielsweise solche mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder autoimmunen Lebererkrankungen – sind einem erhöhten Risiko für eine Infektion mit SARS-CoV-2 ausgesetzt. Über den Umgang mit diesem Risiko sprach anlässlich einer Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin Prof. Christoph Sarrazin (Wiesbaden/Frankfurt am Main).

Man habe zwar noch wenig praktische Erfahrung mit solchen Patienten im Zusammenhang mit COVID-19, doch man wisse, dass, wenn eine höhere Immunsuppression vorliegt (insbesondere höhere Prednisolon-Äquivalente als 20 mg) das Risiko für eine schwere COVID-19-Erkrankung erhöht ist. Es gebe Therapieempfehlungen der Fachgesellschaften, Patienten nicht mit hohen Steroiddosen zu behandeln. Inwieweit solche Risiken auch für andere Immunsuppressiva gelten, wisse man derzeit nicht genau, erklärte Sarrazin, weil die entsprechenden Patientenzahlen zu gering seien. Für hohe Dosen von Steroiden gebe es aber diesbezügliche Hinweise aus der Behandlung von COVID-19-Patienten in China und Italien.

Dass solche Patienten dann in die Gefahr einer Unterversorgung geraten, sei tatsächlich ein Risiko, so Sarrazin. Sie hätten entsprechende Ängste, sich im Wartezimmer ihres Arztes oder im Krankenhaus eine COVID-19 Erkrankung zuzuziehen – auch wenn sie aktuelle Beschwerden oder einen akuten Krankheitsschub haben. Gleichwohl sieht er solche Patienten nach wie vor im Krankenhaus, wenn die Beschwerden schwerwiegend sind, die Patienten akute Schmerzen oder Blutungen haben oder beispielsweise ikterisch sind.

Anders sehe es mit der Darmkrebsvorsorge aus. Für routinemäßige Koloskopien seien bei niedergelassenen Gastroenterologen durchaus massive Verschiebungen zu beobachten. Laut Verordnung sei auf elektive Untersuchungen derzeit zu verzichten, nur dringliche Untersuchung sollen durchgeführt werden – und was dringlich ist, soll der Arzt entscheiden. „Das ist natürlich eine sehr schwierige Sache“, erklärt Sarrazin. „Wenn der Hämokkulttest positiv ist, besteht die Möglichkeit, dass trotz normalem Hämoglobinwert ein Dickdarmkrebs vorliegt. Dann möchte man diesen lieber gleich diagnostizierten als in vier oder acht Wochen, weil er in dieser Zeit fortschreiten oder Metastasen setzen kann. Da ist ‚dringlich‘ etwas, was nicht so gut zu fassen ist.“ Die Praxen hätten in den vergangenen Wochen praktisch keine Vorsorgeuntersuchungen mehr durchgeführt, auch nicht bei positiven Hämokkulttest oder iFOBT. Insofern kommt es hier zu einer Akkumulation von Fällen, und wir vermuten, dass wir mehr Fälle diagnostizieren werden, wenn wie diese Fälle abarbeiten.“ Deshalb sei es wichtig, in den nächsten Wochen wieder zu einer gewissen Normalität zu kommen.

Bedenken wegen einer Infektion mit SARS-CoV-2 hätten aber nicht nur Patienten, sondern durchaus auch Ärzte. So könne man beispielsweise eine Magenspiegelung nicht durchführen, ohne dass es zu einer schweren Aerosolbildung komme – mit dem entsprechenden Risiko, als Untersucher bei einem infizierten Patienten SARS-CoV-2 ausgesetzt zu sein. Ebenso sei das Virus im Stuhl nachweisbar, auch wenn man noch nicht wisse, ob es dann infektiös ist. Für endoskopische Situationen gebe es Empfehlungen einschlägiger Fachgesellschaften dazu, wie man sich schützen soll. In der Praxis frage man sich aber dann, woher man die dort genannte Schutzkleidung bekommen könne: Haarnetz, Schutzbrille, eine FFP2-Maske bei einer Gastroskopie, zumindest ein chirurgischer Mund-Nasen-Schutz, Einmal-Kittel – das alles seien Dinge, die in den Praxis nicht unbedingt vorrätig sind und bisher, teils auch jetzt noch nicht, gar nicht so einfach zu bekommen waren, betonte Sarrazin. Diese Situation schüre auch bei den Untersuchern und beim Assistenzpersonal Ängste vor einer Infektion.

Dennoch rät Sarrazin dazu – bei allen gebotenen Schutzmaßnahmen – beispielsweise Untersuchungen zur Darmkrebsvorsorge wieder aufzunehmen. Man solle an dieser Stelle eher motivieren anstatt Ängste zu schüren. Und er bisherige Erfolg des Darmkrebs-Screening-Programmes dürfe durch ein monatelanges Aussetzen der Untersuchungen nicht aufs Spiel gesetzt werden.

(ac)