COVID-19 – was wir nicht wissen

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Foto: Prof. Thomas Frese © Maike Gloeckner

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich mag es nicht mehr hören. COVID-19 hier und da, überall die Krise. Richtig ist, dass die Ausbreitung des Erregers erhebliche Auswirkungen und auch existenzielle Bedrohungen mit sich gebracht hat und weiterhin zu erheblichen Verwerfungen führt. Richtig ist aber auch, dass wir die Infektwelle im März und April aus epidemiologischer Sicht doch recht gut bewältigt haben. Diesen positiven Fakt muss man klar benennen. Was aber auch einmal klar benannt werden muss, sind die Wissenslücken.

Dies tut weder die Politik noch die Wissenschaft offen. Andererseits werden doch 150 Millionen Euro kurzfristig verausgabt werden, um COVID-19 zu erforschen. Dabei Forschung zu betreiben, die die Primärversorgung einbezieht, wurde an den meisten Universitätsstandorten vergessen. Auch die allerwenigsten der bisher zu COVID-19 publizierten Artikel haben einen Bezug zur Primärversorgung. Denen, die auf Massenversammlungen „Wir sind das Volk!“ rufen scheinen zu füllende Wissensdefizite nicht das vordergründige Anliegen zu sein.

Dennoch muss Kritik zulässig und formulierbar sein: Aus der jetzigen Sicht sind nämlich wesentliche Fragen zur Effizienz von Schutzmaßnahmen, dabei insbesondere der Schließung von Kindertagesstätten und Schulen, ungeklärt. Auch Aspekte zur Ausbreitung des Erregers abseits der Tröpfcheninfektion, zum Beispiel als Aerosol oder auf fäkal-oralem Weg bieten noch Klärungsbedarf. Hinsichtlich der Testung sind bisher keine Wege etabliert worden, um Testkapazitäten nochmals maßgeblich zu erhöhen oder Testkosten zu senken. Gepoolte Proben von mehreren Probanden zum Ansatz in einer PCR könnten hier ein Ansatz sein und sind in anderen Zusammenhängen etabliert.

Überhaupt gibt es bis dato kaum verlässliche Daten zur Durchseuchung der Bevölkerung und der Dunkelziffer an infizierten Menschen. Die wenigen Daten zur Sterblichkeit in unsere Bevölkerung zeigen für die zurückliegenden Monate eine Übersterblichkeit bei Hochbetagten, insgesamt scheint aber keine erhöhte Gesamtsterblichkeit im Vergleich zu den Vorjahren zu verzeichnen zu sein.

Wir haben uns diesen Erfolg mit Maßnahmen erkauft, deren gesundheitsbezogene Auswirkungen zwar schwer, weil vermutlich nur retrospektiv, erfassbar aber möglicherweise gravierend sind. Auch hier gibt es klaren Forschungsbedarf. Der diesbezüglichen Unterversorgung von Patienten nunmehr abzuhelfen wird eine zentrale Aufgabe der nächsten Monate. Das Schließen dieser Erkenntnislücken kann uns helfen, mit der nächsten Welle von COVID-19 zielgerichtet und evidenzbasiert umzugehen, zudem kann es eine Vorbereitung für andere Infektionslagen sein.

Prof. Dr. Thomas Frese