DACH-Wirtschaftsforum 2026 zeigt Zukunftsperspektiven auf

Diskussion zu aktuellen Marktentwicklungen in der Tiermedizin mit Dr. Maren Püschel, Lisa-Marie Viefhues (Moderation), Jörg Held, Dr. Nancy de Briyne, Heiko Färber (Moderation) und MLaw Daniel Lazar (v.l.n.r.). Foto: © bpt/Gomm

Über 100 Teilnehmende aus Praxis, Klinik, Industrie und Wissenschaft nahmen am diesjährigen DACH-Wirtschaftsforum am 15./16. September in Freiburg im Breisgau teil wie der Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt) mitteilt.

Im Mittelpunkt des Formats standen auch bei dessen vierter Ausgabe aktuelle strategisch-wirtschaftliche Branchenthemen. Und natürlich das intensive Netzwerken, so betont der bpt, wozu es bei der kulinarischen Stadtführung und dem anschließenden Empfang auf dem Freiburger Schlossberg reichlich Gelegenheit gab.

„Wir freuen uns sehr, dass die Teilnehmer die Gelegenheit genutzt haben, um mit uns den Blick weg von der fachlichen Tiermedizin hin zur Wirtschaftlichkeit und zukunftsorientierten Ausrichtung der Praxis zu richten“, sagte bpt-Präsident Dr. Siegfried Moder zum Abschluss des gemeinsam von Bundesverband Praktizierender Tierärzte (bpt), Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) und Österreichischer Tierärztekammer (ÖTK) ausgerichteten Forums. Bereits in seinem Eingangsstatement macht Moder auch deutlich, welche Aufgabe er für den bpt dabei sieht: „Ich glaube, unsere wichtigste Aufgabe ist es, den unternehmerischen Freiraum für gute Tiermedizin wieder zu vergrößern. Lassen Sie uns zusammen für weniger Bürokratie und eine tragfähige GOT kämpfen, für mehr Mut zur Selbständigkeit und mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit einsetzen.“

Austausch beim Dinner im Dattler Schlossbergrestaurant Foto: © bpt/Gomm

Teilzeit ist die neue Vollzeit, Angestellt ist das neue Selbstständig

Mit Vorab-Einblicken in den aktualisierten Tierärzteatlas, die Umfrage der GST und KI-Projektionen der ÖTK sowie den Ergebnissen des aktuellen VetSurvey des Europäischen Tierärzteverbandes (FVE) wurden die Grundlagen gelegt, so der bpt, um Trends und Entwicklungen zu vergleichen und daraus Schlüsse zu ziehen.

In Österreich werden statt Umfragen Zukunftsszenarien mit Hilfe von KI-Projektionen berechnet, was der bpt als interessanten Sachverhalt sieht. U.a. soll damit modelliert werden, was passiert, wenn alle Tierärzte/innen im Rentenalter auch tatsächlich in Rente gehen würden. In einigen Gebieten in Österreich gäbe es dann keine tiermedizinische Versorgung mehr.

Ähnlich dürfte das auch in verschiedenen Regionen Deutschlands der Fall sein – belastbare Daten fehlen hier allerdings. Gemeinsam ist allen vorgestellten Daten, dass der Anteil an Teilzeitarbeit weiterhin ansteigt und das nicht nur bei den Frauen. Auch die Anzahl der Angestellten steigt, während die Zahl der Selbstständigen zurückgeht. Konnten Frauen in den zurückliegenden Jahren den Inhaberrückgang noch ausgleichen, ist das nun nicht mehr der Fall.

Was das konkret für die tiermedizinische Versorgung bedeutet, wurde diskutiert. Was dagegen getan werden kann auch, denn darüber gibt eine Umfrage des Verbunds unabhängiger Kleintierkliniken (VUK), der Wirtschaftsgemeinschaft Freier Großtierärzte und des bpt Aufschluss, deren Ergebnisse die Zweite bpt-Vizepräsidentin Dr. Maren Püschel vorstellte:

Immerhin fast ein Drittel der Befragten gab an, sich innerhalb der kommenden 5 Jahre selbstständig machen zu wollen. Nur 20% konnten sich eine Selbstständigkeit gar nicht vorstellen. Bürokratieabbau ergibt sich als dringlichste Aufgabe, denn mehr als 50% der Befragten gab an, in der überbordenden Bürokratie und komplexen rechtlichen Anforderungen das größte Hindernis für die Selbstständigkeit zu sehen. Zusätzlich war die Sorge vor der Vereinbarkeit von Familie/Freizeit und Beruf ein wesentlicher Hinderungsgrund, obwohl gerade der Aspekt der tierärztlichen wie unternehmerischen Freiheit sehr attraktiv empfunden wurde. Gerade im Bereich Mutterschutz für Selbstständige gibt es Nachbesserungsbedarf. Deshalb engagiere sich der bpt schon länger im Bündnis Mutterschutz für Selbstständige.

Nachhaltig ist nicht nur Bio

Das Nachhaltigkeit weit mehr bedeutet, als auf CO²-Emissionen zu achten, erläuterte Dr. Jeannete Kessels von der World Veterinary Environmental Alliance (WVEA), die eigens aus Australien angereist war. Natürlich ginge es auch um Müllvermeidung, Recyclingprodukte und den sparsamen Einsatz von Medikamenten, Strom und anderen Ressourcen. Dass das aber auch die Praxisabläufe effizienter macht, Geld an einigen Stellen einspart und ggf. sogar Möglichkeiten für Investitionen eröffnen kann, hatten vermutlich nicht alle im Kopf.

Überrascht hat die Nachricht, dass gut 73% der verwendeten Einmalhandschuhe unnötig verbraucht werden. Nachhaltig sein, so Jeannet Kessels, bedeute nicht in erster Linie Verzicht, sondern sei das Gebot wirtschaftlicher Praxisführung. Die Nachhaltigkeit der tierärztlichen Praxen zu fördern, ist nach eigener Aussage eines der Top-Themen des bpt. Deshalb habe sich der bpt bereits im letzten Jahr der World Veterinary Environmental Alliance (WVEA) angeschlossen.

Moderne Praxiskultur ist mehr als gute Tiermedizin. Dazu referierten (v.l.n.r.): PhD Christian Kaiser, Prof. Dr. Holger Volk, Lisa-Marie Viefhues (Moderation), Dr. Flurin Tschuor und Gabriela Bovisi Spring. Foto: © bpt/Gomm

Herzenssachen

Mit einer energiegeladenen Keynote lenkte anschließend der aus Fernsehen und Social Media bekannte Kardiologe Dr. Nana Mimpong-Buta (Herzensdoc Nana), das Augenmerk auf die persönliche Fürsorge. Denn wie soll man für andere da sein, wenn man selbst zusammenbricht? Mit viel guter Laune und eindrucksvollen Zahlen vermittelte der Spiegel-Bestsellerautor wertvolle und vor allem leicht umzusetzende Tipps zu Stressreduktion, Resilienz und positiver Lebenseinstellung für den Praxisalltag. Denn Stress sei weder fürs Herz noch für die Psyche gut. Fazit: Sogar das Herz macht Pause, um die eigene Blutversorgung zu ermöglichen, und zwar in der Diastole. Analog dazu sind Pausen zur Regeneration auch für uns Tierärzte/innen enorm wichtig und gehören einfach dazu.

„Man kann nicht nicht kommunizieren!“

Dieser 60 Jahre alte Satz von Paul Watzlawick wurde den Teilnehmenden eingehend im Themenblock zur modernen Praxiskultur nahegebracht. Ob Fachkräftemangel, Fehlerkultur oder die Wirkung bestimmter Formulierungen – wir alle wissen, dass Druck und Zeitmangel zu Missverständnissen führen können. Wichtig ist und bleibt dabei, dass Mitarbeitende wie Führungskräfte das Bedürfnis haben, ernstgenommen und mit Problemen nicht alleingelassen zu werden. Das zu erreichen, ist ein wesentliches Element der Kommunikation auf Führungsebene.

Abschluss des DACH-Wirtschaftsforums mit den Präsidenten der ausrichtenden Verbände (v.l.n.r.): Dr. Roberto Mossi (GST), Mag. Kurt Frühwirth (ÖTK), Dr. Siegfried Moder (bpt), Heiko Färber und Lisa-Marie Viefhues (Moderation) Foto: © bpt/Gomm

Tierarztpreise im Fokus

Zum Abschluss ging es dann auch noch ‚ums Geld‘. Leitfrage war: „Ist moderne Tiermedizin in Europa zu teuer geworden?“.  Auf dem Podium beleuchteten Dr. Sophie Deleu (Niederlande), Dr. Wolfgang Dohne (Großbritannien), Mag. Dietmar Gerstner (Österreich), Dr. Gregor Schmid (Schweiz) und Dr. Kai Kreling (Deutschland, Vorsitzender BTK-Gebührenausschuss) die Preisentwicklung in ihren Ländern und wie die Politik darauf reagiert. Dabei wurde deutlich: Die Preise für Tiermedizin sind überall stark gestiegen.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sei Tiermedizin in Deutschland aber nach wie vor nicht teuer, so der bpt. Die Corporatisierung habe zwar in allen Ländern Einfluss auf das Preisniveau. Jedoch sei ohne Corporates eine flächendeckende Versorgung künftig kaum mehr möglich. Großes Thema ist in allen Ländern die Transparenz tierärztlicher Leistungen für Tierhalter/innen und damit die Preiskommunikation.

Sebastian Graf von Keyserlingk (Unterabteilungsleiter im BMLEH), der eigens für die Diskussionsrunde nach Freiburg gekommen war, machte mit Blick auf die GOT-Evaluierung deutlich, dass eine verständliche und aktive Kommunikation der Tierärzteschaft über Kostenstrukturen und Behandlungsstandards notwendig sei und von der Politik erwartet werde. Natürlich wisse man um die gestiegenen Praxiskosten, müsse aber auch die Leistungsfähigkeit der Tierhalter/innen im Blick behalten. Darüber hinaus wurde über die Sinnhaftigkeit von Kostenvoranschlägen, Tierkrankenversicherungen, Goldstandards vs. pragmatische Lösungen und sogar über Patientenverfügungen für Haustiere diskutiert.

Ein besonderer Dank, so der bpt, geht an die Sponsoren des DACH-Wirtschaftsforums, die Firmen Böhringer Ingelheim, Vet-Concept, Vetstage und die WDT, die entscheidend zum Gelingen beigetragen haben.

Das nächste DACH-Wirtschaftsforum wird im kommenden Jahr am 16. und 17. September in St. Gallen in der Schweiz stattfinden.

Der bpt ist auch auf Facebook und LinkedIn vertreten.