Das unbekannte Organ, das alles mit allem verbindet

Das Wort „Bindegewebe“ drückt es bereits aus: Das „fasziale Organ“, wie Dr. Rolf Eichinger es nennt, hält alles im Körper zusammen – aber nicht bloß mechanisch. Es hat eine noch viel wichtigere Aufgabe, wie der Autor betont: die Erhaltung der Homöostase über neuronale Wechselwirkungen. Kommt es hier zu Blockaden, entstehen fasziale Probleme in den unterschiedlichsten Körperregionen.

Der Allgemeinmediziner beklagt in seinem neuen Buch „Mein Schmerz ist heilbar – Die Entdeckung des faszialen Organs“ das „Dampfmaschinendenken des 19. Jahrhunderts“, das noch immer in der Medizin überwiege, besonders in der Orthopädie. Dabei kommen, wie er berichtet, 70 Prozent seiner Patienten mit funktionellen Störungen in seine Praxis, für die keine organische Ursache nachweisbar ist. Allzu schnell würden diese Patienten auf die „Psycho-Schiene“ abgeschoben, beklagt er. Dabei liegen ihren Beschwerden fasziale Blockierungen zugrunde, die psychisch ausgelöst werden können, aber nicht müssen.

Die Psyche ist nur eine von vier Faktoren, die fasziale Probleme auslösen können, berichtet der Arzt, der seit 21 Jahren in eigener Praxis tätig ist. Das sind zum ersten „Anspannung ohne Entspannung“, zum zweiten „störrisches Gewebe“ und zum dritten „immer dasselbe“. Ein geübter Handwerker kann den ganzen Tag hämmern, ohne fasziale Störungen zu bekommen, weil er in seinen geübten Bewegungsabläufen Entspannungsphasen eingebaut hat, „Lotdurchgänge“, wie Eichinger sie nennt – anders als ein Ungeübter, der bei der Arbeit ständig angespannt bleibt. Vernarbungen nach Operationen können das Gewebe störrisch machen, sodass Organe nicht mehr ungehindert im Bindegewebe beweglich sind – wie beim „Pelvic Congestion Syndrome“. Und der ununterbrochene Druck auf die Haut wie etwa durch einen zu fest sitzenden Büstenhalter oder einen kalten Luftzug irritiert ebenfalls das fasziale System.

Wenn der Harnverhalt vom Kiefer kommt

Alle diese faszialen Störungen werden, wie Eichinger erklärt, durch Rezeptoren in den Faszien vermittelt, deren Aufgabe es ist, die Organfunktionen zu integrieren und die Homöostase beizubehalten. Sie messen die Elektrolytkonzentrationen im Bindegewebe und die innere Temperatur, sie reagieren auf mechanische und auf chemische Reize. Und wenn sie ein Problem erkennen, stellen sie eine Körperregion durch Blockierung ruhig. In unserer modernen Welt liegt dann aber in den seltensten Fällen eine Gefahr vor, sondern der Mensch erlebt Schmerzen oder Blockaden an Körperstellen, die räumlich weit entfernt vom Ursprungsherd liegen können – so, wie in dem urologischen Beispiel, das Eichinger gleich zu Beginn schildert: Ein 9-jähriger Junge mit Harnverhalt, dessen wahres Problem ein verspannter Kiefer war. Durch Deblockierung konnte Eichinger ihm sofort helfen. Diese schnellen Reaktionen auf fasziale Therapien sind nach Eichingers Ansicht der Beweis dafür, dass faszialen Störungen weder Entzündungen noch mechanische „Verklebungen“, sondern neuronale Reflexe zugrunde liegen.

Eichinger, der auch Autor des Fachbuches „Fasziale Schmerzen und Funktionsstörungen“ im Springer Verlag ist, hat mit seinem neuen Buch ein leicht und unterhaltsam zu lesendes Werk vorgelegt, das sich sowohl an Fachpublikum als auch an Laien richtet. Seinen Kollegen rät er, ihre Patienten häufiger einmal zu berühren und sich für ihre Geschichten zu interessieren, statt nur Rezepte zu schreiben und Bildgebungen zu beauftragen. „Ohne Berührung geht es nicht“, schreibt er als Plädoyer für die Manuelle Medizin. Dabei sollten Mediziner seiner Ansicht nach auch offen sein für die Erfolge traditioneller Heilmethoden, welche die Schulmedizin (noch) nicht versteht. Dabei grenzt er sich klar ab von esoterischen Erklärungsversuchen. Die Entdeckung der faszialen Rezeptoren ist auch noch nicht so lange her, und seitdem erscheinen das angeblich nutzlose „Füllgewebe“ und die erstaunlichen Erfolge manueller Therapien in ganz neuem Licht.

(ms)

Rolf Eichinger, Kerstin Klink: „Mein Schmerz ist heilbar – Die Entdeckung des faszialen Organs“, Goldegg Verlag, Berlin 2024, 24 Euro, ISBN: 978-3-99060-400-7