Editorial: Delegation ärztlicher Aufgaben

Foto Prof. Thomas Frese
Foto: Prof. Thomas Frese © Maike Gloeckner

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

„Der Letzte macht das Licht aus.“ Das mag man sich denken, wenn man sich die hausärztliche Versorgung in manchen ländlichen Bereichen ansieht. Wenn man dann noch über die aktuellen Vakanzen hinaus auf die Demographie der tätigen Kollegen blickt, wird es keinesfalls besser. Nicht nur weil sich daraus ein zum Teil erschreckender Ersatzbedarf für die nächsten Jahre ableiten lässt, sondern auch, weil die älteren Kollegen häufig und verdientermaßen keine überdurchschnittlich großen Praxen mehr führen.

Auch die Politik scheint den ländlichen Raum weitgehend abgeschrieben zu haben, wird doch ein Rückgang und Rückbau von Infrastruktur seit langer Zeit geduldet oder sogar betrieben. Entwicklungskonzepte für den ländlichen Raum scheinen nicht vorhanden zu sein. Die Urbanisierung wird – trotz dortigem Mangel an bezahlbarem Wohnraum und Plätzen zur Kinderbetreuung – dogmatisch verfolgt. Die angeführten Mechanismen greifen sich gegenseitig verstärkend die hausärztliche Versorgung an. Was also tun, wenn die hausärztliche Arbeitskapazität nicht zu den Erfordernissen passt? Gegen ein Mehr an Studierenden wehrt sich die Politik, auch wäre das eine Lösung, die etwa 12 Jahre benötigt um zu wirken. Mehr Studierende für eine Karriere als Hausarzt im nicht-urbanen Raum? Gerne, es gibt von Wahlfächern an den Universitäten bis zu den Kompetenzzentren viele Aktivitäten, die in diese richtige Richtung gehen. Aber wird sich damit eine problemlösende Größenordnung – etwa die Verdopplung der Anzahl an Absolventen, die sich für Allgemeinmedizin entscheiden – erreichen lassen, was passiert dann mit den anderen Fachgebieten?

Ist es realistisch anzunehmen, dass junge Kolleginnen und Kollegen in Einzelpraxen das durchschnittliche hausärztliche Arbeitspensum erbringen, dabei mobil sind, weil zum Beispiel der, häufig akademische, Lebenspartner nur in einer urbanen Umgebung einen Arbeitsplatz hat und parallel dazu eine Familie gegründet wird? Das glaube ich nicht. Vielleicht können flexiblere Praxisstrukturen wie eine von vielen Studierenden präferierte, kleinere Gruppenpraxis und flexiblere Arbeitsgestaltung wie ein Jobsharing zwischen urbanem und nicht-urbanem Raum ein Ansatz zu Lösung sein. Allein das Kapazitätsproblem wird dennoch bleiben. Sollten wir daher nicht tiefer über Modelle der Delegation und Substitution nachdenken? Sollten wir diesen Modellen nicht ein berufstheoretisches Gerüst geben, um sie seriös umzusetzen und die Effekte evaluieren?

Ist es nur Ausdruck einer desolaten Situation des britischen NHS, dass dort bis zum Jahr 2020 tausend Physician Assistants in der hausärztlichen Versorgung tätig sein sollen? Ich glaube nicht. Ich bin mir vielmehr sicher, dass wir allmählich neue Wege diskutieren sollten, um die schlimmsten Härten in der hausärztlichen Versorgung in der nächsten Dekade abzuwenden und uns auf unsere originär hausärztlichen Aufgaben konzentrieren zu können und das Licht dann doch anzulassen.

Herzlichst!

Ihr Thomas Frese