Deutsche Diabetes Gesellschaft fordert Gesundheitsfachkräfte für Schulen

Foto: © Gorodenkoff/stock.adobe.com

Mitte 2019 starb eine damals 13-jährige an Diabetes Typ 1 erkrankte Schülerin während einer Klassenfahrt an den Folgen einer schweren Ketoazidose. Das Landgericht Mönchengladbach verurteilte kürzlich zwei Lehrerinnen, die als Aufsichtspersonen an der Fahrt teilnahmen.

Beide Lehrerinnen haben gegen dieses Urteil Revision eingelegt. 15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen leben hierzulande mit chronischen körperlichen oder psychischen Erkrankungen wie Verhaltensstörungen, Allergien oder Diabetes mellitus. Sie benötigen häufig pflegerische oder medizinische Betreuung, auch im schulischen Umfeld, wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in einer aktuellen Pressemitteilung betont. Die DDG und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe fordern gemeinsam mit Kinderärzten sowie dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) seit Jahren die Finanzierung von Schulgesundheitsfachkräften, wie sie in anderen Ländern bereits üblich sind. Ihre Unterstützung entlastet das Lehrpersonal, Eltern und Kinder. Lebensbedrohliche Notfälle könnten durch medizinisch geschultes Fachpersonal vermieden oder früh genug erkannt und behandelt werden, sind sich die Verbände sicher.

Das Gericht kam im Verlauf des Mitte Februar 2024 stattgefundenen Prozesses zu der Überzeugung, dass die Lehrerinnen sich im Vorfeld der jahrgangsübergreifenden Klassenfahrt nach London nicht ausreichend über etwaige Vorerkrankungen der 70 teilnehmenden Schüler informiert und somit nicht angemessen auf die lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung reagiert hatten. Die erkrankte Schülerin wurde erst 2 Tage später in ein Krankenhaus eingeliefert und verstarb dort tags darauf. „Dieser Fall ist sehr tragisch und zeigt, dass chronisch kranke Kinder und Jugendliche mit Diabetes durchaus auch im Alltag gefährdet sein können“, betont Professor Andreas Neu, ehemaliger ärztlicher Direktor an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Tübingen. „Medizinische Notfälle können zudem auch spontan ohne eine schon vorher bestehende Grunderkrankung eintreten und sich lebensbedrohlich entwickeln. Dies passiert nicht nur bei Klassenfahrten, sondern weit häufiger im schulischen Alltag“, fügt er hinzu.

Lehrkräfte fühlten sich häufig mit den unterschiedlichsten Hilfsleistungen für Schüler überfordert. „Sie stehen vor großen Herausforderungen, neben ihrem Lehrauftrag auch noch etwaige unterschiedliche Erkrankungen im Blick zu haben“, so Dr. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe. „Selbst wenn Lehrerinnen und Lehrer sich bemühen, mehr über chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zu erfahren, stoßen sie mit ihren Kapazitäten immer wieder an Grenzen, da zu viele Aspekte berücksichtigt werden müssen“, ergänzt Kröger.

Schulgesundheitsfachkräfte könnten helfen

In vielen europäischen Länder sind Schulgesundheitsfachkräfte ein etabliertes Modell, um gesundheitliche Probleme von Schülern im Alltag aufzufangen. Etliche Modellprojekte in Deutschland haben eindrucksvoll gezeigt: Schulgesundheitsfachkräfte entlasten das Schulsystem, Lehrkräfte, Eltern und auch Kinder erheblich. „Einerseits können sie sich um die akute medizinische Grundversorgung im Schulalltag kümmern. Andererseits leisten sie einen wertvollen und kompetenten Beitrag für chronisch erkrankte Kinder, die täglichen Unterstützungsbedarf haben. Bei Kindern mit Diabetes Typ 1 helfen sie zum Beispiel bei der Glukosespiegelkontrolle oder den Insulingaben“, führt Neu aus. „Trotz dieser offensichtlichen Vorteile von Gesundheitsfachkräften an Schulen und politischer Lippenbekenntnisse werden diese in Deutschland nach wie vor nicht finanziert, obwohl das Ziel, die Zahl der Schulgesundheitsfachkräfte zu erweitern, bereits im Koalitionsvertrag der Ampelregierung festgeschrieben wurde“, kritisieren Neu und Kröger. „Das muss sich ändern! Gerade auch, um Notfällen mit tödlichem Ausgang wie bei der Schülerin Emily vorzubeugen“, heißt es weiter.

Mit einer Online-Kampagne machten die Organisationen DDG und ihre AG Pädiatrische Diabetologie (seit 2024 DGPEAD), diabetesDE – Deutsche Diabetes Hilfe sowie weitere Verbände bereits im Herbst 2023 auf das Thema Schulgesundheitsfachkräfte aufmerksam.

Quellen:
(1) Informationen zum Modellprojekt Schulgesundheitsfachkräfte der AWO: Mehr Gesundheit im Schulalltag | Schulgesundheitsfachkräfte (https://schulgesundheitsfachkraft.de/)
(2) C. Maulbecker-Armstrong et Al.: Schulgesundheitsfachkräfte in Deutschland – Vom Modell zum Regelangebot in zwei Bundesländern, Gesundheitswesen 2022: 84: 280–284
(3) A. D-Hindenberg et Al.: Long-term Occupational Consequences for Families of Children with Type 1 Diabetes: The mothers take the burden, Diabetes Care 2021:44:2656–2663
(4) H. Sassmann: Wer ist gestresst, wann, warum und wie sehr? Elterliche Belastungen und Bedürfnisse in der Betreuung von Kindern mit Typ-1-Diabetes, Poster DDG 0522
(5) KiGGS-Studie: https://www.kiggs-studie.de/ergebnisse/kiggs-welle-2/ergebnisse-nach-themen.html
(6) Presseunterlagen zur Pressekonferenz „Inklusion statt Ausgrenzung: Warum wir Kinder mit chronischen Krankheiten wie Diabetes an deutschen Grundschulen nicht allein lassen dürfen!“: https://www.ddg.info/pressekonferenzen/inklusion-statt-ausgrenzung-warum-wir-kinder-mit-chronischen-krankheiten-wie-diabetes-an-deutschen-grundschulen-nicht-allein-lassen-duerfen
(7) DDG Positionspapier Schulgesundheitsfachkräfte: https://www.ddg.info/politik/stellungnahmen/gemeinsames-positionspapier-zur-versorgung-von-kindern-und-jugendlichen-mit-typ-1-diabetes-in-der-schule-1
(8) Alltagsbelastungen der Mütter von Kindern mit Typ-1-Diabetes: Auswirkungen auf Berufstätigkeit und Bedarf an Unterstützungsleistungen im Alltag (AMBA-Studie):
https://www.researchgate.net/publication/333686217_Eltern_von_Kindern_mit_Typ-1-Diabetes_Folgen_fur_Berufstatigkeit_psycho-soziale_Belastungen_und_Bedarf_an_Unterstutzungsleistungen_-_Ergebnisse_der_AMBA-Studie