Deutscher Schmerz- und Palliativtag: Versorgung verbessern, damit Patienten endlich leben

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Unter dem Motto „Endlich leben“ begann der rein virtuelle Deutsche Schmerz- und Palliativtag 2022 am Dienstag. Zum Auftakt gaben die Tagungspräsidenten Dr. Johannes Horlemann und Norbert Schürmann einen Überblick über die Themen des Kongresses.

„Wir sind Schmerz- und Palliativmediziner geworden, damit unsere Patienten gut versorgt sind und wieder ‚endlich leben‘ – nicht nur in der Palliativsituation“, so Horlemann. Bei der Kongresseröffnung betonte der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft (DGS), dass die Arbeit mit Schmerz- und Palliativpatienten viel Engagement und Empathie, aber auch aktuelles Wissen erfordere, welches auf dem Kongress vermittelt werde.

Hirschhausen: Schmerzfreiheit und Humor bleiben auch am Lebensende wichtig

Der Mediziner, Wissenschaftsjournalist und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen startete den Kongress mit einem Exzellenzvortrag. Er ist überzeugt, dass Humor auch in kritischen Situationen hilft. „In einem wissenschaftlichen Projekt auf der Palliativstation der Uniklinik Bonn wurde untersucht, was Menschen am Ende ihres Lebens für wichtig halten. Zu den Top Ten gehören Schmerzfreiheit, anderen nicht zur Last fallen und den Humor nicht verlieren“, so Hirschhausen, der 2008 seine Stiftung „Humor hilft heilen“ gründete. In seinem Vortrag thematisierte Hirschhausen auch den Einfluss von Pflegemangel, Pandemie und Klimakrise auf die Schmerz- und Palliativmedizin.

Vielfältige Themen des Kongresses: Von Cannabinoiden bis Hämophilie

„Die typischen Patienten werden in geltenden Leitlinien bzw. in der Studienlage oder Grundlagenforschung kaum abgebildet“, so die Ansicht des Tagungspräsidenten Horlemann. Dieser plädierte erneut für die Nutzung der Real-World-Evidenz, wie z.B. aus dem PraxisRegister Schmerz. „Wir brauchen PraxisLeitlinien, weil sie wissenschaftliche Studien mit Daten aus der Versorgung, Patientenbewertungen und Erfahrungen der Therapeuten verbinden“, bekräftigte er die langjährige Forderung der DGS.

Weitere Themen des Deutschen Schmerz- und Palliativtages sind Cannabinoide und Opioide in der Schmerztherapie, die spezielle Behandlung von Kopf-, Rücken- und neuropathischen Schmerzen sowie gesundheitspolitische Entwicklungen. Auch Schmerzen bei Hämophilie, verschreibungspflichtige Apps, Schmerztherapie bei Psychosen und Borderline-Störungen, Schmerzen vaskulärer Genese sowie Endometriose werden in diesem Jahr thematisiert.

Spenden-Symposium für die Vertriebenen aus der Ukraine

Aus aktuellem Anlass wurde unter dem Motto „Hilfe für traumatisierte Schmerzpatienten“ zudem kurzfristig ein Symposium zu den Folgen des Krieges in der Ukraine im Kongressprogramm ergänzt. Die DGS möchte das Symposium für eine Hilfsaktion für die Vertriebenen aus der Ukraine nutzen und ruft in diesem Zusammenhang zu Spenden für die Organisation Ärzte ohne Grenzen e.V. auf. (Empfänger: Ärzte ohne Grenzen e.V., Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE72 3702 0500 0009 7097 00, Verwendungszweck Ukraine-Krise, Stichwort: DGS – Schmerz- und Palliativtag 2022). Der Appell der Fachgesellschaft: „Bitte unterstützen Sie unsere Hilfsaktion, damit die medizinische Versorgung der Verletzten und Vertriebenen verbessert werden kann. Wir sammeln Spenden über Ärzte ohne Grenzen, weil unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort wissen, wo das Leid am größten ist.“

Palliativmedizinischer Schwerpunkt

Passend zum palliativmedizinischen Schwerpunkt des Kongresses kooperiert die DGS mit der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG). Gemeinsam mit der OPG sollen palliativmedizinische Themen medizinisch, rechtlich und ethisch diskutiert werden. „Wir sind auch sehr gespannt auf das Symposium zum ärztlich assistierten Suizid, mit dem wir auch eine gesellschaftliche Diskussion anstoßen wollen“, so Schürmann. Zum palliativmedizinischen Schwerpunkt gehören auch onkologische Themen. „42 Prozent der Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen haben in der letzten Lebensphase Infektionen und der Anteil der schwerwiegenden Komplikationen ist weitaus höher als bei gesunden Patienten. Die neu überarbeitete PraxisLeitlinie Tumorschmerz 3.0 gibt neue Empfehlungen zur medikamentösen Therapie und betont die Patientenautonomie“, sagte Schürmann.

OP oder multimodale Schmerztherapie?

PD Dr. Michael A. Überall, Vizepräsident der DGS und Präsident der Deutschen Schmerzliga (DSL) e.V., analysierte die Bedeutung einer qualifizierten zweiten Meinung vor der Entscheidung für oder gegen eine schmerzbedingte Wirbelsäulenoperation. „Systematische Untersuchungen belegen nicht nur eine auffällige Diskrepanz zwischen der schmerzmedizinischen Notwendigkeit und den faktisch realisierten Operationen, sondern auch bzgl. der Bewertung deren grundsätzlicher Sinnhaftigkeit“, so Überall. „Allem Anschein nach folgt die Versorgung in Deutschland hier nicht dem Bedarf, sondern dem Angebot, wobei diesbezüglich offensichtlich finanzielle Anreize für Behandler und Einrichtung den Blick für die schmerzmedizinische Rationale verstellen“. Eine multimodale Therapie sei in vielen Fällen die bessere – und vor allem nachhaltigere – Option.

Nach Meinung des Schmerzmediziners sollte die Entscheidung für beziehungsweise gegen eine operative Intervention unter Einbeziehung unabhängiger konservativer Fachexperten im Rahmen einer interdisziplinären Schmerzkonferenz getroffen werden und nicht – wie derzeit durch den Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegt – monodisziplinär. „Es gilt im Rahmen des Zweitmeinungsverfahrens nicht die grundsätzliche Operabilität im Rahmen technischer Möglichkeiten zu klären, sondern deren mögliche Konsequenzen im Rahmen einer individualisierten Nutzen-Risiko-Abwägung“. Um dem großen Problem unnötiger Wirbelsäulenoperationen gerecht zu werden, schlägt Überall einen Wechsel der aktuellen „pay for procedure“-Strategie hin zu einem „pay for results“-Konzept vor, um Leistungserbringer stärker bzgl. ihrer Verantwortung für eine bedürfnisorientierte und nachhaltige Versorgung Betroffener zu sensibilisieren.

„Es kann nicht sein, dass Operateure und Krankenhäuser sich hier auf dem Rücken schmerzkranker Menschen eine goldene Nase verdienen und Betroffene dann mit den Folgen ihrer Operationen alleine gelassen werden bzw. die konservative Schmerzmedizin bzgl. der Schadensbegrenzung in die Pflicht genommen wird“, so der Experte, der laut DGS mit seinem Institut in Nürnberg im Auftrag zahlreicher Krankenversicherungen seit Jahren in Deutschland Konzepte der Zweitmeinung vor schmerzbedingten Wirbelsäulenoperationen evaluiert und Betroffene begleitet.