DGIIN-Jahrestagung: Intensivmediziner ziehen Lehren aus der Pandemie

Prof. Dr. Christian Drosten Foto: © Peitz, Charité

Die Corona-Pandemie ist offiziell beendet. Die Frage, wie das Gesundheitssystem aufgestellt sein muss, um auf zukünftige Anforderungen vorbereitet zu sein, diskutieren Expertinnen und Experten der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin e.V. (DGIIN) auf ihrer diesjährigen Jahrestagung, die vom 14. bis 16. Juni 2023 in Berlin stattfindet.

Bereits der Auftakt der Tagung wird ganz im Zeichen der Viruspandemie stehen: Den Eröffnungsvortrag hält Prof. Christian Drosten als Gastredner, der durch die schnelle Entwicklung eines PCR-Tests zum SARS-CoV-2-Nachweis, aber auch durch seine hohe wissenschaftliche Expertise zu Corona-Viren zu einem der wichtigsten und bekanntesten wissenschaftlichen Begleitern der Pandemie geworden ist. In seinem Vortrag wird er den Blick in die Glaskugel wagen und sich mit der Frage befassen, welche epidemischen oder pandemischen Entwicklungen uns in den kommenden Jahren erwarten könnten. Denn dass es weitere Spillovers, also die Übertragung eines Erregers vom Tierreich auf den Menschen, geben wird, kann als sicher gelten: Sie waren auch in der Vergangenheit nicht selten und sind in unterschiedlichen Weltregionen sowie unter Beteiligung ganz unterschiedlicher Virusfamilien immer wieder aufgetreten.

Wie aber sollte das Gesundheitswesen aufgestellt sein, um auf eine neuerliche Bedrohung rasch – und möglichst noch effektiver als während der Coronapandemie – reagieren zu können? Und welche Defizite in der medizinischen Versorgung sind in den letzten drei Jahren deutlich geworden, die auch ohne Pandemie dringend behoben werden müssten? Mit den Lehren, die sich für die Intensivmedizin als besonders betroffenem Fachbereich aus der SARS-CoV-2-Pandemie ergeben, setzen sich die Expertinnen und Experten auf der Jahrestagung intensiv auseinander. „Die Corona-Pandemie hat einerseits gezeigt, wie leistungsfähig unsere Notfall- und Intensivmedizin ist“, sagt Prof. Christian Karagiannidis, Präsident der DGIIN. „Sie hat aber auch den gravierenden Personalmangel in der Intensiv- und Notfallpflege demaskiert“, betont Victoria König, Tagungskoordination Pflege der DGIIN-Jahrestagung. Hier müssten neue Konzepte entwickelt werden, um den Bedarf an Intensivbetten decken zu können, der allein schon durch den demographischen Wandel stark ansteigen werde. „Um dem Fachkräftemangel entgegenzutreten, müssen die Arbeitsbedingungen in der Intensiv- und Notfallpflege besser werden“, betont Karagiannidis.

Auch im Bereich der Digitalisierung hat die Pandemie bestehende Defizite deutlich sichtbar gemacht. Teilweise archaische Meldewege, uneinheitliche Datenformate und eine mangelhafte Datentransparenz standen einer zeitnahen Einschätzung des Pandemieverlaufs entgegen. „Sowohl die Erhebung von Daten als auch die Möglichkeiten, sie zu Forschungszwecken zu nutzen, müssten dringend verbessert werden“, sagt Prof. Stefan Kluge, Tagungskoordinator der DGIIN. Veraltete Technik und ein überzogener Datenschutz behinderten die rasche Umsetzung klinischer oder epidemiologischer Studien, auch zentrale Impf- und Erkrankungsregister gebe es bis heute nicht. „Vor diesem Hintergrund überrascht es leider nicht, dass die wichtigsten klinischen Studien während der Pandemie nicht aus Deutschland kamen“, so Kluge.

Fragen des Datenschutzes tragen auch dazu bei, dass die bereits seit Langem geplante Einführung der elektronischen Patientenakte nur schleppend vorankommt. Auch hier sehen die Intensivmedizinerinnen und Intensivmediziner dringenden Nachholbedarf – ganz unabhängig von einer pandemischen Bedrohung. „Als Intensiv- und Notfallmediziner wissen wir, dass die elektronische Patientenakte Leben retten kann“, sagt Karagiannidis. Gerade in der Intensivmedizin habe man es häufig mit bewusstlosen Patientinnen und Patienten zu tun, die nicht über ihre eigene Krankengeschichte Auskunft geben könnten. Wichtige Angaben, etwa zu Vorerkrankungen, zu aktuell eingenommenen Medikamenten oder zu Allergien müssten dann mühsam über Tests eruiert werden, oder es müsse versucht werden, den Hausarzt zu kontaktieren. „Das kostet Zeit, die wir in der Notsituation oft nicht haben“, betont Karagiannidis – gerade in der Notfallmedizin komme es auf jede Stunde, nicht selten sogar auf jede Minute an.