DGOU-Präsident: „Training zwischenmenschlicher Fähigkeiten wichtige Säule der Patientensicherheit“16. September 2020 Foto: © Robert Kneschke/Adobe Stock Anlässlich des Welttages der Patientensicherheit am 17. September hat die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie darauf aufmerksam gemacht, dass das Training zwischenmenschlicher Fähigkeiten eine zu geringe Rolle in der medizinischen Ausbildung spielt. Neben Fachkompetenz und standardisierten Abläufen gehört auch Sozialkompetenz bei Ärzten und Pflegenden zu einer sicheren Patientenversorgung. Denn Experten zufolge gehen 70 Prozent der Zwischenfälle in der Medizin auf einen Mangel an kognitiven und zwischenmenschlichen Fertigkeiten zurück1. Doch das Training von zwischenmenschlichen Fähigkeiten, sogenannten Human Factors, spielt in der Ausbildung und in den Kliniken laut DGOU immer noch eine untergeordnete Rolle. „Das Training von zwischenmenschlichen Fähigkeiten ist eine wichtige Säule der Patientensicherheit“, sagt DGOU-Präsident Prof. Dieter C. Wirtz. Das Prinzip „Sicherheitsfaktor Mensch“ diskutierten Experten am 17. September 2020, unter anderem von DGOU und Lufthansa Aviation Training (LAT), in einem Web-Seminar. Die Ursachen für Zwischenfälle in der Medizin sind vielfältig: Zeitdruck, mangelnde Kommunikation, Personalmangel, Stress und Überforderung2. „Arbeiten unter Zeitdruck führen in jedem Tätigkeitsfeld zu einer erhöhten Fehlerquote“, sagt Human-Factors-Experte Martin Egerth von Lufthansa Aviation Training Switzerland AG. Es gibt jedoch Strategien, mit deren Hilfe sich Häufigkeit und Fehlerketten reduzieren lassen. Schon vor Jahren haben sich DGOU und LAT zusammengeschlossen, um die Sicherheitskultur in der Medizin nachhaltig zu verbessern. „Von- und miteinander lernen mit der Erfahrung aus der Luftfahrt“ heißt die Idee, die hinter dem noch jungen Kursformat „IC – Interpersonal Competence Training“ steht. Auch wenn Parallelen nicht offensichtlich sind, haben Piloten und medizinisches Fachpersonal einiges gemeinsam: Beide haben das Leben von Menschen in der Hand. „In der Luftfahrt gehören Human Factors Trainings inzwischen zur Routine. Eine ähnliche Entwicklung wollen wir in der Medizin anstoßen“, sagt Diplom-Psychologe Egerth.Das in der Luftfahrt bewährte Human-Factors-Training wurde von Piloten, Psychologen und Ärzten für die Medizin weiterentwickelt. Es steht inzwischen für alle medizinischen Berufsgruppen und Fächer zur Verfügung. Die Trainings werden von jeweils einem Mediziner und einem Human-Factors-Experten von LAT geleitet. Sie zeigen Ärzten und Pflegenden anhand von Beispielen aus dem medizinischen Alltag, wie sie in kritischen Momenten richtig mit Kollegen und Patienten kommunizieren und wie sie trotz hoher Arbeitsbelastung ihre Handlungssicherheit und Entscheidungsfähigkeit stärken. „Auch ein junger Assistenzarzt muss das Recht haben, einem erfahrenen Ober- oder Chefarzt eine kritische Nachfrage zu einem Behandlungsfall oder Vorgehen zu stellen, ohne Repressalien zu befürchten“, sagt Egerth. „Die offene Kultur, wie sie die Luftfahrt heute hat, ist in der Medizin noch nicht vorhanden. Je besser ein Team miteinander kommuniziert und agiert, desto seltener werden Fehler. Das lässt sich trainieren“, sagt Human-Factors-Trainer und DGOU-Vorstandsmitglied Prof. Bertil Bouillon, Direktor der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie Klinikum Köln-Merheim. Die Teilnehmer lernen, Probleme anzusprechen, Feedback zu geben und aufzunehmen, Führungseigenschaften auszubauen, ihre psychische Widerstandsfähigkeit zu verbessern, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen und sich gegenseitig zu motivieren. „Eine gelebte Sicherheits- und Kommunikationskultur gibt nicht nur dem Patienten ein gutes Gefühl und beschleunigt seine Genesung, sondern wirkt sich auch auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter aus“, sagt Bouillon. Das alles erhöhe die Patientensicherheit.Das IC-Training haben seit 2016 mehr als 2000 Ärzte durchlaufen. Im Weißbuch Schwerverletztenversorgung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) werden Kurse zur Stärkung der Interpersonellen Kompetenz inzwischen im Rahmen der Aus-, Fort- und Weiterbildung empfohlen. Denn gerade an Schnittstellen zwischen Präklinik, also vor Eintreffen des Schwerverletzten im Krankenhaus, Schockraum und OP ist verzahntes Handeln zwischen verschiedenen Berufsgruppen notwendig. Eine gute Teamarbeit unter Leitung einer Führungskraft mit entsprechenden Führungsqualitäten und einer effektiven Kommunikation ist daher für die Performance interdisziplinärer und interprofessioneller Teams ebenso wichtig wie eine strukturierte und fundierte Entscheidungsfindung und der professionelle Umgang mit Stress.Referenzen:1) Weißbuch Schwerverletztenversorgung (3. erweiterte Auflage, 2019) (1.9 MB)2) Umfrage zur Patientensicherheit von DGOU und LAT aus 2015
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