DGPM: Psychotherapie beugt dem Abbau körperlicher Funktionen vor18. April 2023 Ältere Menschen profitieren auch körperlich von Psychotherapie. (Foto: © Angelov – stock.adobe.com) Jeder fünfte ältere Mensch leidet unter seelischen Erkrankungen. Während Psychotherapie von dieser Bevölkerungsgruppe lange Zeit wenig in Anspruch genommen wurde, findet jetzt ein Wandel statt. Damit erhalten Ältere nicht nur ihre psychische, sondern auch ihre körperliche Gesundheit. Der Zusammenhang von Altern, Psyche und Körper ist Schwerpunktthema des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Zwischen 20 und 30 Prozent der deutschen Bevölkerung berichten in großen Studien über Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung oder dysfunktionale Familienumgebungen mit Gewalt oder Substanzmissbrauch. „Solche Kindheitsbelastungen haben nicht nur ungünstige Auswirkungen auf emotionale Bindungsfähigkeit und soziale Kompetenzen. Sie hinterlassen auch biologisch messbare negative Spuren im Körper“, sagt Kongresspräsident Prof. Manfred Beutel. „Dazu zählt etwa die chronische Aktivierung des Stresssystems und die Beeinträchtigung der Gehirnentwicklung“, so der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Mainz. Die schädlichen Folgen reichen bis auf die molekularbiologische Ebene, wie die Forschung nachweisen konnte. So finden sich bei Personen, die früh psychische Traumata erlebt haben, verkürzte Telomere. Kürzere Telomere werden mit einer geringeren Lebenserwartung in Verbindung gebracht. „Traumatische Erlebnisse lassen unseren Körper schneller altern“, stellt Beutel fest. „Sie können die Immunabwehr beeinträchtigen, Herzkreislauferkrankungen fördern und die Muskelkraft schneller schwinden lassen, insbesondere, wenn die Traumata zu psychischen Erkrankungen führen.“ Am Ende, so der Kongresspräsident, steht der Verlust gesunder Lebensjahre. Doch es gibt Schutzfaktoren, die wir nutzen können. „Eine sichere Bindung, positive Erwartungen von Hilfe und Unterstützung in schwierigen Lebenssituationen entwickeln sich in der Beziehung zu Vertrauenspersonen und können diesen negativen Einflüssen von ungünstigen Lebenserfahrungen entgegenwirken“, erklärt Beutel. Die Existenz einer solchen Vertrauensperson ist allerdings nicht immer gegeben. „Das können wir nur bedingt beeinflussen“, so Beutel. Darüber hinaus kann Psychotherapie bei der Aufarbeitung der Traumata helfen, soziale Einbindung und Resilienz fördern. „Sie kann auch einen gesünderen Umgang mit dem eigenen Körper fördern und dadurch negativen körperlichen Folgen entgegenwirken“, so Beutel. Diese Option stehe allen Betroffenen offen. Zunehmend ergreifen auch Ältere die Chance. „Selbst wenn ältere Menschen unter erheblichen psychosozialen Belastungen zu leiden hatten oder ihres Lebens überdrüssig wurden, haben sie Psychotherapie bis vor einigen Jahren wenig in Anspruch genommen“, berichtet Beutel. Das habe mit mangelnder Offenheit der Betroffenen zu tun gehabt, die nicht gewohnt waren, über ihre Gefühle mit fremden Personen zu sprechen. „Aber auch Altersstereotypen der Therapeuten trugen dazu bei, die das Änderungspotenzial älterer Menschen durch Psychotherapie unterschätzten“, betont der Mainzer Experte. „Hier gibt es einen Wandel, und es kommen mehr ältere Menschen in Behandlung.“ Der Bedarf ist da. „Verluste von Nahestehenden, eigene Krankheit oder die unerwartete Konfrontation mit unverarbeiteten Belastungen können im Alter seelische Erkrankungen hervorrufen, vor allem, wenn die Widerstandskraft oder Selbständigkeit nachlässt“, weiß der Kongresspräsident. Durch Einbußen der Gesundheit oder Fähigkeiten können Ängste oder Depressionen wieder auftreten oder sich verschlimmern. „In diesem Sinne ist Psychotherapie bei Älteren nicht nur zur Behandlung seelischer Störungen angezeigt, sondern dient auch der Erhaltung von Aktivität und Gesundheitsverhalten und damit der Vorbeugung des Abbaus geistiger und sozialer Funktionen“, betont Beutel. „Die Chancen, dass die Generation Babyboomer noch fitter und zufriedener altert als frühere Generationen, stehen damit gut.”
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