DGTI: Trendumkehr bei Organspenderzahlen ist dringend notwendig3. Juni 2022 Foto: © Alexander Raths/stock.adobe.com In Deutschland warten derzeit rund 8500 schwerkranke Menschen auf ein Spenderorgan. Im ersten Quartal 2022 konnten jedoch nur 600 Organe transplantiert werden – im Vergleich zum Vor- und Vorvorjahreszeitraum ein Rückgang um rund ein Viertel, berichtet die Deutsche Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie (DGTI) anlässlich des Tages der Organspende am 4. Juni. Dieser deutliche Negativtrend sei nicht allein auf die Corona-Pandemie zurückzuführen, erklärt die DGTI und mahnt, die Not der Menschen auf den Wartelisten nicht aus dem Blick zu verlieren und Maßnahmen zur Erhöhung der Spendenbereitschaft zu ergreifen. Auch eine erneute Debatte über die Widerspruchslösung, die zuletzt Anfang 2020 vom Bundestag abgelehnt wurde, dürfe dabei kein Tabu darstellen. Neben der Therapie mit Blutprodukten fällt auch die Vorbereitung von Gewebetransplantationen, insbesondere die Auswahl und medizinische Betreuung von Spendern, in den Fachbereich der Transfusionsmedizin. Denn bei der Verpflanzung eines Transplantats von einem Spender auf einen Empfänger ist entscheidend, ob eine immunologische Verträglichkeit vorliegt, was Transfusionsmediziner vor jeder Transplantation testen „Wir können die Möglichkeiten, die der medizinische Fortschritt heute bereit hält jedoch nur ausschöpfen, wenn genügend Spenderorgane zur Verfügung stehen“, betont Prof. Hubert Schrezenmeier, Leiter des Institutes für Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Ulm und 1. Vorsitzender der DGTI. Mit einer Abstimmung im Januar 2020 hatte der Bundestag mehrheitlich an der Entscheidungslösung festgehalten, wonach Organe und Gewebe nach dem Tod nur dann entnommen werden dürfen, wenn der oder die Verstorbene dem zu Lebzeiten zugestimmt hat. Ist der diesbezügliche Wille nicht dokumentiert, werden die Angehörigen um eine Entscheidung gebeten. Weil zwar 84 Prozent der Deutschen der Organspende positiv gegenüberstehen, jedoch nur gut jeder dritte Bundesbürger einen Organspendeausweis besitzt, setzte die Gesetzesnovelle darauf, die Zahl der ausgewiesenen Organspender durch Informationsangebote und die – bislang noch nicht umgesetzte – Möglichkeit der Online-Registrierung zu erhöhen. „Dieses Ziel hat das neue Transplantationsgesetz ganz offensichtlich verfehlt“, betont Prof. Rainer Blasczyk, Leiter des Instituts für Transfusionsmedizin und Transplantat Engineering (ITT) der Medizinischen Hochschule Hannover. Wie die von der Deutschen Stiftung Organtransplantation erhobenen Daten zeigen, seien nicht nur COVID-19-bedingte Faktoren wie die Überlastung der Intensivstationen und der Ausschluss SARS-CoV2-infizierter Spender für den Einbruch der Spenderzahlen verantwortlich; auch werde in der Akutsituation auf der Intensivstation die Organspende häufiger abgelehnt als noch vor einem Jahr. „Eines der wichtigsten Instrumente, mit dem die Zahl der Spenderorgane erhöht werden könnte, ist die Widerspruchslösung“, betont Blasczyk. Dabei gelten Verstorbene automatisch als Organspender, wenn sie dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen haben. Mit Einführung dieser Regelung ist die Zahl der verfügbaren Organe in den meisten Ländern deutlich angestiegen, im Durchschnitt um ein Drittel. „Gegner dieser Lösung führen gerne ethische Bedenken ins Feld und kritisieren, die Regelung greife in das Selbstbestimmungsrecht ein“, sagt Blasczyk. In der Tat erlege sie den Menschen die Last auf, sich zu erklären. Dies sei aber zumutbar und stärke die Solidarität. In Anbetracht der dem Staat auferlegten Pflicht zum Schutz menschlichen Lebens könne dies als vollkommen verhältnismäßig angesehen werden. „Ein Recht auf Gleichgültigkeit gegenüber der existenziellen Bedrohung anderer Menschen ist jedenfalls nicht vorgesehen“, so der DGTI-Experte. Ethische Probleme sieht Blasczyk vielmehr durch das Festhalten an der Entscheidungslösung. „Die Organknappheit zwingt Menschen eher zur Lebendspende für ihre Angehörigen, und Ärztinnen und Ärzte müssen aus Mangel an passenden Spenderorgangen häufiger suboptimaler Organe transplantieren“, mahnt er. Außerdem müsse Deutschland so mehr Organe aus dem europäischen Ausland einführen – wo ganz überwiegend die Widerspruchslösung gelte. Zuletzt hat vor wenigen Tagen auch die Schweiz dieses Modell eingeführt. Im Eurotransplant-Zusammenschluss von acht Ländern, die bei der Transplantation besonders eng zusammenarbeiten, ist Deutschland mittlerweile das einzige Land ohne Widerspruchslösung. „Unser Sonderweg wird also durch die ethisch vermeintlich bedenkliche Haltung unserer europäischen Partner erst ermöglicht“, so Blasczyk. „Das hat etwas von Doppelmoral und ist insofern vollkommen inakzeptabel. Deutschland braucht dringend die Einführung einer Widerspruchslösung.“
Mehr erfahren zu: "Verändertes Mikrobiom: Mundbakterien spielen eine Rolle bei chronischer Lebererkrankung" Verändertes Mikrobiom: Mundbakterien spielen eine Rolle bei chronischer Lebererkrankung Wissenschaftler haben deutliche Hinweise darauf gefunden, dass bei chronischer Lebererkrankung Bakterien aus dem Mund den Darm besiedeln. Die Forschenden haben auch aufgedeckt, wie sich dadurch das Krankheitsbild verschlechtern kann.
Mehr erfahren zu: "Chirurgieverband zu den Hybrid-DRG-Neuerungen: Ambulantisierung kann so nicht gelingen" Chirurgieverband zu den Hybrid-DRG-Neuerungen: Ambulantisierung kann so nicht gelingen Der Berufsverband der Deutschen Chirurgie (BDC) befürchtet, dass mit der jetzigen Ausgestaltung der Hybrid(H)-DRGs das angestrebte Ziel der Ambulantisierung nicht erreicht werden kann. Er fordert daher eine sachgerechte Refinanzierung vor […]
Mehr erfahren zu: "Darmpolypen: DNA-Tests verbessern den Einblick in erbliche Risiken" Darmpolypen: DNA-Tests verbessern den Einblick in erbliche Risiken Bei fünf bis zehn Prozent der Darmkrebspatienten spielen erbliche Faktoren eine Rolle. Dabei ist der Anteil bei jüngeren Personen höher. Die DNA-Analyse von Darmpolypen liefert wichtige zusätzliche Informationen über die […]