DGU-Präsident: „Wir müssen das Reha-Loch für unsere Patienten schließen“6. Juli 2020 © j-mel-AdobeStock Viele schwer verletzte Patienten fallen in das sogenannte Reha-Loch. Nach ihrer Akutbehandlung im Krankenhaus bleibt die danach zwingend erforderliche Rehabilitation aus. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) hin. Ein Grund für die ausbleibende Reha-Behandlung ist laut DGU, dass die meisten Patienten noch zu krank sind, um die strengen Vorgaben der Deutschen Rentenversicherung zur Rehabilitationsfähigkeit zu erfüllen. Deshalb landetet sie nach ihrem Krankenhausaufenthalt oft zu Hause oder in der Kurzzeitpflege. So hat etwa eine Auswertung aus dem TraumaRegister DGU® gezeigt, dass über 60 Prozent der Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt nach Hause entlassen werden. „Damit entsteht eine Phase des Stillstandes, die den Unfallverletzten in seinem langen Genesungsprozess zurückwirft“, kritisiert Prof. Michael J. Raschke, DGU-Präsident und Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Münster, die derzeit unzureichenden Strukturen in der Traumarehabilitation. Es sei aber eine nahtlose Weiterversorgung nötig. Daher habe die DGU ein neues Konzept entwickelt, um das Reha-Loch zu schließen. Die speziell auf die Bedürfnisse von Schwerverletzten zugeschnitten Rehabilitationsempfehlungen sind jetzt in der neuen, erweiterten dritten Auflage des Weißbuchs Schwerverletztenversorgung erschienen. „Nicht rehafähig“: So lautet die Beurteilung vieler Schwerverletzter nach ihrer Krankenhausbehandlung. „Die häusliche Pflege oder Kurzeitpflege ist für die Fortsetzung der Akutbehandlung nicht geeignet“, betont Raschke. Die Rehabilitationsvorgaben erfüllten nur etwa 15 Prozent der Patienten. Dazu zähle beispielsweise, dass sich die Unfallverletzten ohne fremde Hilfe anziehen und essen könnten. Ein Polytrauma vieler Schwerverletzter gehe jedoch mit langwierigen Heilverläufen einher, bei denen Sie häufig und lange auf fremde Hilfe angewiesen sind. Immer wieder müssten sie nachoperiert werden und kämpften auch mit psychologischen Folgen. So könnten sie die Reha-Vorgaben oft erst nach drei bis sechs Monaten erfüllen. „Die Rehabilitation nach Polytrauma ist ein komplexer Prozess, der nicht mit der Nachbehandlung nach einem künstlichen Knie- oder Hüftgelenk zu vergleichen ist“, sagt DGU-Generalsekretär Prof. Dietmar Pennig. Daher müssten hier andere Kriterien gelten, die trotz Therapie- und Pflegebedürftigkeit eine möglichst früh einsetzende und nahtlose Rehabilitation ohne größere Unterbrechung ermöglichen. Denn setzen rehabilitative Bemühungen zu spät ein, verschlechtert sich die Chance, dass der Patient in ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit hoher Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit im Beruf zurückkehren kann, so der Experte. Um die lückenlose Langzeitbetreuung zu verbessern, hat die DGU im Rahmen der Überarbeitung des Weißbuches Schwerverletztenversorgung das Phasenmodell Traumarehabilitation entwickelt. Zusätzliche Schritte in der Behandlungskette schließen die Lücke zwischen der Akutbehandlung im Krankenhaus und der klassischen Rehabilitation. „Das neue Phasenmodell ermöglicht eine frühe Rehabilitation, auch wenn der Patient intensiv therapiert und gepflegt werden muss“, sagt Dr. Stefan Simmel vom Arbeitskreis Traumarehabilitation der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Zudem sieht es eine Langzeitbetreuung noch viele Jahre nach dem Unfall vor. „Die Patienten brauchen bei Problemen, mit denen sie oft lebenslang zu kämpfen haben, jederzeit eine Anlaufstelle, die sich mit ihrem langwierigen Genesungsprozess auskennt und schnell helfen kann“, sagt Simmel. Nach Plänen der DGU soll das neue Phasenmodell Traumarehabilitation für schwer betroffene Patienten schnellstmöglich implementiert werden. „Das ist jedoch nicht nur eine medizinische, sondern vor allem auch eine politische Aufgabe“, betont Pennig. Daher sei die DGU schon länger im Gespräch mit verschiedenen Kostenträgern, um das Reha-Loch in der Schwerverletztenversorgung zu schließen. „Die Versorgung darf nicht an der Klinikpforte des Traumazentrums enden. Daher ist für uns die Frage ‚In welcher Qualität kann der Patient sein altes Leben führen?‘ immer wichtiger geworden“, betont Prof. Bertil Bouillon, einer der Autoren des Weißbuches Schwerverletztenversorgung. Das 2006 erstmals erschienene 40-seitige Werk enthält Empfehlungen, wie eine Klinik ausgestattet sein muss, um die bestmöglichen Überlebenschancen für Schwerverletzte zu bieten: Dazu zählt beispielsweise die Qualifikation des Personals, die Ausstattung mit diagnostischen Geräten und standardisierte Diagnose-Behandlungsabläufe. Diese Vorgaben erfüllen laut DGU derzeit über 700 Traumazentren. Sie beteiligen sich an der Initiative TraumaNetzwerk DGU® und sind deutschlandweit in über 50 regionalen TraumaNetzwerken zusammengeschlossen. Damit sei es der DGU innerhalb von zehn Jahren gelungen, dass die deutsche Unfallchirurgie flächendeckend, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr eine leistungsstarke Akutversorgung Schwerverletzter bietet, betont die Fachgesellschaft. „Die Überlebenschancen sind in den letzten Jahren deutlich besser geworden“, sagt Bouillon. Nun wolle man daran arbeiten, die Lebensqualität nach dem Unfall weiter zu verbessern. Ziel sei es daher, spezialisierte Rehabilitationskliniken in die TraumaNetzwerk-Struktur zu integrieren – vom TraumaNetzwerk zum Rehabilitationsnetzwerk.Referenzen:Weißbuch Schwerverletztenversorgung (3. erweiterte Auflage, 2019)
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