DGU-Präsidentin Margit Fisch will die Urologie weiblicher und grüner machen1. Februar 2022 DGU-Präsidentin Margit Fisch. Foto: DGU Die Urologie wird weiblich, sie wird grün. Intersektorale und digitale Versorgung ermöglichen flächendeckend Präzisionsmedizin. Und die Urologie “spricht wieder mit einer Stimme für das Fach”, so lautet einer aktuellen Mitteilung zufolge der Masterplan von DGU-Präsidentin Prof. Margit Fisch für die Zukunft der Urologie. Seit September 2021 steht die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Urologie im Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE), bundesweit erste und bisher einzige Ordinaria in der Urologie, auch als erste Frau in der über 100-jährigen Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) an deren Spitze (wir berichteten). Den 74. DGU-Kongress hat Fisch unter das Motto „Gemeinsam Zukunft gestalten” gestellt. „Nur wenn alle Verbände in der Urologie, die DGU, der Berufsverband der Deutschen Urologen (BvDU), die German Society of Residents in Urology e.V. (GeSRU) und die medizinischen Assistenzberufe, mit einer Stimme sprechen und gemeinsam an einem Strang ziehen, werden wir als kleines Fach überhaupt gehört und können etwas bewirken. Und wir haben in der Zukunft viel zu bewältigen“, erläutert die Präsidentin das Konzept. Für die Zukunftsaufgaben der Urologie spielen die Frauen nach Fischs Überzeugung eine bedeutende Rolle: „Die Überalterung der Gesellschaft bedeutet mehr Arbeit für die Urologie, während gleichzeitig durch Berentung weniger Urologen zur Verfügung stehen. Angesichts der zunehmenden Feminisierung in der Medizin brauchen wir deshalb alle Frauen, die sich für die Urologie entscheiden. Auf ihrem Weg von der Ausbildung zur Fachärztin, in die Praxis oder Klinikkarriere dürfen wir keine verlieren. Dafür müssen wir die Frauen vonseiten der Fachgesellschaft bestmöglich unterstützen.“ Zu bewältigen seien auch die fortschreitende Digitalisierung der Medizin sowie der Wandel in der Versorgung mit zunehmender Bedeutung einer transsektoralen Versorgung. Weitere große Veränderungen werde die Präzisionsmedizin, also die fortschreitende Spezialisierung und therapeutische Individualisierung der Medizin, mit sich bringen und, so die Präsidentin, auch der Klimawandel. „Diese Veränderungen sollten wir aktiv gestalten, andernfalls werden sie uns übergestülpt.“ Dabei sieht Fisch die Urologie auf einem guten Weg: mit einer vertrauensvollen Annäherung von DGU und Berufsverband, der proaktiven Vorstandsarbeit in den verschiedenen DGU-Ressorts und der Gründung neuer DGU-Arbeitsgemeinschaften, allen voran der AG zur intersektoralen Versorgung und der AG Urologinnen, die ihr besonders am Herzen liegt. Frauenspezifische Themen adressieren „Dabei geht es nicht um Abgrenzung, vielmehr darum, innerhalb der DGU frauenspezifische Themen zu identifizieren und zu formulieren, Fragestellungen zu adressieren und vorhandene Informationen zu bündeln und sichtbar zu machen“, sagt Fisch, die der Steuerungsgruppe der im Herbst 2021 gegründeten AG Urologinnen angehört. „Die Resonanz und das Engagement der vielen aktiven Kolleginnen ist riesig. Inzwischen haben wir 6 Arbeitsgruppen installiert. Dort wird an einer Bestandsaufnahme gearbeitet. So soll zum Beispiel eine Umfrage Daten darüber liefern, warum Frauen welche beruflichen Entscheidungen treffen. Es werden Netzwerke für urologische Wissenschaftlerinnen und Praxisnetzwerke aufgebaut und eine Expertinnen-Liste erstellt, damit kompetente Referentinnen einfacher gefunden werden und auf die Podien kommen. Wir suchen die Interaktion mit Frauengruppen anderer Fachgesellschaften und Organisationen, wie dem Deutschen Ärztinnenbund, und in einer weiteren Arbeitsgruppe Lösungen für das Operieren in der Schwangerschaft. Das neue Mutterschutzgesetz hat leider keine Fortschritte gebracht, Urologinnen verlieren in der Schwangerschaft noch immer sehr viel Weiterbildungszeit.“ Hier habe das Modellprojekt „FamUrol: Operieren in der Schwangerschaft“ des UKE mit Unterstützung der DGU und der GeSRU wichtige Vorarbeit geleistet und standardisierte Bedingungen für Frauen im OP erarbeitet, die bundesweit als Blaupause dienen könnten, so die DGU-Präsidentin. Der ansteigende Frauenanteil in den Statistiken der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2020 weist die Urologie schon jetzt als Zukunftsfach für Frauen aus. Danach liegt der Anteil der berufstätigen Fachärztinnen in der Urologie bei den über 60-Jährigen bei nur 4,9%, in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen liegt er bereits bei 25,1% und bei den bis 34-Jährigen schon bei 42,3%. Allerdings sind nach Ansicht von Fisch noch zu wenige Frauen in leitenden Positionen. Nach einer DGU-Analyse der Situation an den urologischen Universitätskliniken sind 42,4 Prozent der Assistenzärzte Frauen, 44 Prozent der Fachärzte, aber nur 25,3 Prozent der Oberärzte und es gibt nur eine Direktorin. „Im DGU-Vorstand liegt der Anteil der Frauen mit 20% immerhin adäquat zum Gesamtanteil im Fachgebiet und das soll auch so bleiben. Eine Frauenquote brauchen wir dafür nicht“, sagt die Klinikdirektorin. „Mein Ziel ist es, noch mehr Ärztinnen für die Urologie zu begeistern und ihnen gute frauenspezifische Strukturen innerhalb der DGU anbieten zu können.“ Ausblick auf den 74. DGU-Kongress Das Programm des 74. DGU-Kongresses, der unter der Leitung von Fisch vom 21.-24.09.2022 im Congress Center Hamburg (CCH) stattfinden wird, bildet neben aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus allen Bereichen der Urologie das Kongressmotto und seine subsummierten Zukunftsthemen ab. Frauen in der Urologie und Präzisionsmedizin, wie die molekulare Diagnostik im Rahmen von Tumorerkrankungen und die mRNA-Technologie für die Krebsbehandlung, sind als Top-Themen im Plenum der Präsidentin gesetzt. Prof. Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, wird erläutern, wie Arbeit in der Zukunft aussehen sollte, und mit der bekannten Virologin Prof. Marylyn Addo wird eine weitere prominente Rednerin erwartet. Sie fragt: Was haben wir aus der Pandemie gelernt? Prominent besetzt ist auch die Gästeliste für die Vorträge der European Association of Urology (EAU) und der American Urological Association (AUA). Darunter sind Prof. Alberto Briganti aus Italien und Stacy Loeb, US-Urologin mit eigener Radiosendung und großer Gemeinde in den sozialen Medien. Mit einem eigenständigen Plenum „Urologie und Umweltschutz“ setzt die DGU-Präsidentin in Hamburg ein Ausrufezeichen und einen Weckruf für eine grüne Urologie. „Nicht nur als Privatperson, sondern auch in unserem beruflichen Umfeld sollten wir uns mit dem Thema Klimawandel beschäftigen. Gedankliche Anstöße dafür sowie praktische Ansätze für den Umweltschutz in Klinik und Praxis haben wir auf der Agenda. Ausgewiesene Experten zeigen uns, was im medizinischen Alltag möglich ist, denn es ist Zeit, den Schritt von der Erkenntnis zum Aktivismus zu gehen.“ Mit brandneuen Daten aus der Versorgungsforschung werden die Deutschen Uro-Onkologen (d-uo) in der Hansestadt präsent sein und eine Reihe von Studienergebnissen vorlegen: u. a. zur EvEnt-PCA-Studie und der prospektiven Registerstudie VERSUS, die Daten zu Therapie und Diagnose aus dem Behandlungsalltag zu der urologischen Tumorerkrankungen analysiert. Erwartet werden ebenfalls erste Daten zum nationalen Urothelkarzinom-Register. Als Expertin für rekonstruktive Urologie, speziell im Bereich komplexe Harnableitungsverfahren und Harnröhren-rekonstruktionen, sowie Kinderurologie setzt Fisch die interdisziplinäre Behandlung der Geschlechtsdysphorie, Optionen der Behandlung von Komplikationen nach Therapie einer gut- oder bösartigen Prostataerkrankung sowie die im letzten Jahr erschienene europäische Leitlinie zur Harnröhrenstriktur auf das Kongressprogramm. „Im Bereich der Kinderurologie ist die Transition, also die kompetente urologische Begleitung des Kindes ins Erwachsenenalter, ein großes Thema“, sagt sie. Stuttgart hat gezeigt: Präsenzkongress auch in der Pandemie möglich Organisatorisch startet der 74. DGU-Kongress bereits am ersten Kongresstag mit dem Eröffnungsplenum am Mittwoch, dem 21.09.2022, durch. Interaktiver wird der Kongress ebenfalls. „Nach einem weiteren Jahr mit ungezählten Online-Veranstaltungen und Frontalreferaten planen wir viele Sitzungen im Format von interdisziplinären Boards mit Falldiskussionen und anschließenden State-of-the-Art-Vorträgen. Etwa beim Prostatakarzinom und anderen Tumoren sowie zum Thema Beckenboden“, sagt DGU- und Kongresspräsidentin Fisch. „Manels“, die viel kritisierten rein männlich besetzten Panels, wird es zumindest in den Plenen und Hauptforen im CCH nicht mehr geben, und – auch das ist neu – die DGU-Jahrestagung wird am Samstag, dem 24. September bereits um 12:00 Uhr enden. „Wir freuen uns, den weltweit drittgrößten Urologen-Kongress in diesem Jahr im Herzen der Metropole Hamburg und erstmals im wunderschön renovierten CCH in Präsenz auszurichten“, so Fisch. Die letztjährige Jahrestagung der Fachgesellschaft in Stuttgart habe gezeigt, dass dies selbst unter Pandemiebedingen möglich ist. So sollen auch wieder ein Schüler- und Studententag sowie ein Patientenforum in der Hansestadt realisiert werden. (DGU/ms)
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