Diabetes: Schmerz ist nicht gleich Schmerz

Schmerzen bei Diabetes können nicht nur nervlich sondern auch muskulär bedingt sein. Durch diese Erkenntnis der Mainzer Forschenden können Betroffene mit beiden Schmerzformen gezielter behandelt werden. Foto: © UM via canva.com
Schmerzen bei Diabetes können nicht nur nervlich sondern auch muskulär bedingt sein. Durch diese Erkenntnis der Mainzer Forschenden können Betroffene mit beiden Schmerzformen gezielter behandelt werden. Foto: © UM via canva.com

Forschende der Universitätsmedizin Mainz haben herausgefunden, dass eine schmerzhafte diabetische Polyneuropathie nicht nur durch geschädigte Nerven verursacht wird, sondern auch muskulär bedingt sein kann.

Menschen mit Diabetes-Typ-2, bei denen beide Schmerzursachen vorliegen, zeigen der Studie in „Diabetes Care“ zufolge eine höhere Schmerzintensität, tolerieren die Schmerzen schlechter und weisen zudem psychische Beeinträchtigungen auf. Das Forscherteam plädiert aufgrund der von ihnen entdeckten neuen Erkenntnisse dafür, beim routinemäßigen Screening auch muskuläre Mechanismen zu beachten. Dies könnte zu einer besseren Diagnostik sowie einer gezielteren und somit erfolgreicheren Therapie bei vielen Betroffenen führen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz konnten in einer umfassenden klinischen Untersuchung zeigen, dass bei rund einem Viertel der Betroffenen mit einer schmerzhaften diabetischen Polyneuropathie sowohl Nervenschmerzen als auch Muskulatur-bedingte Schmerzen vorlagen. Eine weitere wichtige Erkenntnis: Diese Patientinnen und Patienten hatten deutlich stärkere körperliche und psychische Beeinträchtigungen als die Betroffenen mit ausschließlich neuropathischen Schmerzen. Die Forschenden plädieren daher für ein routinemäßiges Screening nach Muskel-bedingten Schmerzen. Dies könnte bei vielen Patientinnen und Patienten Diagnostik und Therapie verbessern.

„Unsere Erkenntnisse zu den Schmerzursachen bei der diabetischen Polyneuropathie sind für die Betroffenen von großer Bedeutung. Sie eröffnen die Möglichkeit für kausale, personalisierte Therapieoptionen und einen gezielteren Einsatz von sowohl nichtmedikamentösen als auch medikamentösen Behandlungsstrategien“, erläutert Univ.-Prof. Frank Birklein, Klinischer Leiter und Leiter der Sektion Periphere Neurologie und Schmerz der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz.

Unter der Leitung von Birklein untersuchte die Arbeitsgruppe „Schmerz – Autonomes Nervensystem“ der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz insgesamt 69 Betroffene mit einer durch Diabetes mellitus Typ 2 bedingten diabetischen Polyneuropathie. Diese ging bei 41 Personen mit Schmerzen einher. Um die individuellen Beeinträchtigungen der Teilnehmenden zu erfassen, führten die Forschenden eine umfassende klinische Untersuchung durch, bei der neben standardisierten Tests auch eine umfassende Untersuchung des sensiblen Phänotyps und der endogenen Schmerzmodulation erfolgte. Zur Beurteilung der Schmerzen wurden zusätzlich auch Fragebögen zur Selbstbeurteilung von depressiven Symptomen, Angstsymptomen und zu Polyneuropathie-bedingten Beeinträchtigungen eingesetzt.

Das Ergebnis: Alle 41 Patientinnen und Patienten mit schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie erfüllten die Kriterien für neuropathische Schmerzen. Bei 22 Prozent von ihnen wurden zusätzlich myofasziale Schmerzen festgestellt, die durch aktive Muskeltriggerpunkte gekennzeichnet sind. Diese Verhärtungen im Muskelgewebe lösen beim direkten Abtasten oder bei körperlicher Belastung Schmerzen aus. Bei den untersuchten Betroffenen befanden sich die schmerzhaften Muskeltriggerpunkte in den vorderen oder hinteren Wadenmuskeln und in den kleinen Fußsohlenmuskeln. Bei 89 Prozent der Teilnehmenden traten sie beidseitig auf. In den überwiegenden Fällen (78 Prozent) waren sie symmetrisch ausgeprägt.

Mit Hinblick auf die körperlichen und psychischen Auswirkungen der diabetischen Polyneuropathie unterschieden sich die Personen mit einer zusätzlichen myofaszialen Schmerzkomponente deutlich von den Betroffenen mit ausschließlich neuropathischen Schmerzen: Die Teilnehmenden mit beiden Schmerzformen zeigten eine höhere Schmerzintensität und eine schlechtere Schmerztoleranz. Darüber hinaus wiesen sie höhere Angst- und Depressionswerte auf und berichteten über stärkere Beeinträchtigungen aufgrund der Polyneuropathie bei Aspekten wie Schlaf, sozialen Beziehungen oder Gehfähigkeit.

Bisher werden Schmerzen bei diabetischer Polyneuropathie meist neuropathisch begründet. Auch die Therapie und die Entwicklung von neuen Behandlungsoptionen gegen Schmerzen bei diabetischer Polyneuropathie erfolgt gezielt für diese Schmerzform. Mögliche weitere individuelle Komponenten wie Schmerzursachen im Gewebe, in den Knochen oder in den Muskeln werden dagegen bisher nicht standardmäßig berücksichtigt. Dies führt zu sehr heterogenen und in vielen Fällen nur mäßigen Therapieerfolgen.

„Ausgehend von unseren Untersuchungsergebnissen empfehlen wir bei Patientinnen und Patienten mit einer schmerzhaften diabetischen Polyneuropathie sowohl bei der individuellen Behandlung als auch im Rahmen von Arzneimittelstudien ein routinemäßiges Screening nach myofaszialen Schmerzen. Durch eine Anpassung der klinischen Untersuchung wäre dies in der Praxis leicht umzusetzen. Auf diese Weise könnten zukünftig deutlich verbesserte Therapieerfolge erzielt werden“, betont der korrespondierende Autor PD Dr. Christian Geber, assoziierter Lehrbefugter der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz und leitender Oberarzt im DRK Schmerz-Zentrum Mainz.