Die ersten domestizierten Pferde: 6.000 Jahre einer komplexen Geschichte15. Mai 2026 Zwei Zeitabschnitte, drei geografische Regionen und drei Pferdepopulationen: Eine komplexe Karte Eurasiens. Archäologische, osteozoologische und aDNA-Befunde belegen, dass einst drei eigenständige Pferdepopulationen – DOM1, DOM2 und DOM3 – von Westsibirien bis nach Mitteleuropa verbreitet waren. Frühe Domestizierungsversuche fanden um 3500 bis 3000 v. Chr. – wenn nicht gar schon Jahrhunderte früher – unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen und Populationen statt. Kurz vor 3000 v. Chr. ritten Angehörige der Jamnaja-Kultur bereits auf Pferden der DOM2-Population und brachten diese in die westlichen Regionen. Vollständig domestiziert wurden jedoch erst zwischen 2200 und 2100 v. Chr. Pferde aus der DOM2-Population. Diese Pferde, die durch mobile menschliche Gruppen verbreitet wurden, breiteten sich rasch über Eurasien bis in den Nahen Osten aus und wurden zu den Vorfahren aller heutigen Hauspferde. Abb.: © Jani Närhi Neue Forschungsergebnisse verschieben den bisher akzeptierten zeitlichen Rahmen der menschlichen Nutzung von Pferden um Jahrhunderte nach hinten und belegen, dass der Mensch Pferde bereits im 4. Jahrtausend v. Chr. auf organisierte Weise nutzte. Pferde wurden bereits geritten, als Arbeitstiere eingesetzt und gehandelt – lange bevor man dies überhaupt für möglich hielt. Zähmung und Domestizierung waren keine einmaligen Ereignisse. Es handelte sich vielmehr um einen langsamen, von Unterbrechungen geprägten Prozess voller Rückschläge. Dieser erstreckte sich über Generationen und riesige Regionen, bevor kurz vor 2000 v. Chr. die vollständige Domestizierung einsetzte. Die Welt wurde zu Pferd erobert ‒ nicht nur eine Floskel „Pferde wurden bereits auf hochentwickelte und weitverbreitete Weise genutzt, bevor wir den Zeitpunkt der vollständigen Domestizierung genau bestimmen konnten. Diese zeitliche Lücke verändert unser Verständnis der Menschheitsgeschichte grundlegend“, sagt Prof. Volker Heyd, Co-Erstautor der Studie. „Die Rolle der Pferde bei bedeutenden historischen Entwicklungen ist fast zu groß, um sie in Zahlen zu fassen – daher rührt auch das Sprichwort, dass die Welt zu Pferde erobert wurde“, so Heyd. Von den weitreichenden Wanderungsbewegungen eurasischer Nomadengruppen wie den Hunnen, Awaren, Magyaren und dem Mongolischen Reich bis hin zu ihrem entscheidenden Einsatz in der Kriegsführung (bis weit in den Ersten und Zweiten Weltkrieg hinein) spielten Pferde eine zentrale Rolle in menschlichen Konflikten und bei der menschlichen Expansion. Sie begleiteten zudem Konquistadoren über den Atlantik nach Amerika. Und sie dienten bis zum Aufkommen von Industrialisierung und Motorisierung in weiten Teilen der Welt als wichtigstes Transportmittel. Das Rad, das Pferd und die Wörter, die wir noch heute sprechen Heute gibt es keine wirklich wilden Pferde mehr. Selbst das Przewalski-Pferd, das lange als lebendes Relikt der Wildnis galt, stammt – wie man heute weiß – von früh domestizierten Populationen ab. Dies zeigt, wie tiefgreifend der Mensch die Pferdepopulationen im Laufe der Zeit geformt hat. Der zeitliche Kontext ist entscheidend. Etwa zwischen 3500 und 3000 v. Chr. begannen Steppenpopulationen, sich von ihrem Ursprungsgebiet aus nach Osten und Westen über Eurasien auszubreiten. Sie brachten das Rad mit sich. Rinder zogen die ersten Wagen. Zeitgleich traten die Pferde auf den Plan. Ein Reiter konnte in wenigen Stunden eine Strecke zurücklegen, für die ein Wagen Tage benötigte. Doch beide – Reiter wie Wagen – stellten Schlüsselinnovationen in puncto Mobilität und Transport dar, die die menschliche Gesellschaft revolutionierten. Auswirkungen auf die Sprachverbreitung und – entwicklung Forscher bringen diesen Sprung in der Mobilität nun mit der Ausbreitung der Sprachen in Verbindung. Das Pferd trug die Menschen. Und mit ihnen: die Wörter. Die Sprachen, die heute in weiten Teilen Europas und Asiens gesprochen werden, lassen sich auf jene frühen Reiter und Wagenlenker zurückführen. „Heute sind Pferde für viele Menschen eine Quelle der Faszination, der Gesellschaft und der Freundschaft. Daher ist es wichtig, die frühesten Phasen der Mensch-Pferd-Beziehung zu erforschen und zu verstehen, wie diese einzigartige Partnerschaft einst entstanden ist“, sagt Volker Heyd.
Mehr erfahren zu: "Der Schwarm hat ein Gedächtnis: Wie Fische und Vögel sich gegenseitig austricksen" Der Schwarm hat ein Gedächtnis: Wie Fische und Vögel sich gegenseitig austricksen In den Schwefelquellen Südmexikos leben riesige Fischschwärme. Die Schwefelmollys schwimmen wegen des Sauerstoffs direkt unter der Wasseroberfläche, das macht sie anfällig für Vogelangriffe. Sie schützen sich mithilfe spektakulärer La-Ola-Wellen.
Mehr erfahren zu: "Beinahe ausgestorbener Sakerfalke kehrt in Österreich erfolgreich zurück" Beinahe ausgestorbener Sakerfalke kehrt in Österreich erfolgreich zurück Hoch oben auf Strommasten wachsen in Österreich Sakerfalken auf – eine der seltensten Greifvogelarten Europas. Dank gezielter Schutzmaßnahmen ist deren Zahl in der Alpenrepublik von nur zwei bis vier Brutpaaren […]
Mehr erfahren zu: "Wie Wasserflöhe ihre Fressfeinde aufspüren" Wie Wasserflöhe ihre Fressfeinde aufspüren Wasserflöhe, auch Daphnien genannt, sind Verteidigungskünstler. Wenn ihre Räuber in der Nähe leben, verändern sie ihren Körperbau so, dass sie schwerer zu fressen sind.