Die Macht der Erwartung19. Juni 2020 Wenn ÄrztInnen beim Verschreiben von Medikamenten gut erklären, warum diese helfen, kann die Wirkung verstärkt werden. (Foto: ©joyfotoliakid – stock.adobe.com) Neuer Sonderforschungsbereich der DFG untersucht den Einfluss der Erwartung auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen Die positiven oder negativen Erwartungen von PatientInnen – auch bekannt als Placebo- oder Nocebo-Effekte – spielen für den Erfolg medizinischer Behandlungen eine wichtige Rolle. Doch woran liegt das? Und wie lassen sich Erwartungen gezielt zum Wohle der PatientInnen einsetzen? Dies wird jetzt in Essen, Hamburg und Marburg in einem neuen überregionalen Sonderforschungsbereich (SFB/Transregio) erforscht. Sprecherin des SFB „Der Einfluss von Erwartung auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen“ ist Prof. Ulrike Bingel von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Die Teilprojekte des Standortes Marburg werden von Prof. Winfried Rief vom Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität koordiniert. Ebenfalls beteiligt ist die Universität Hamburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert den Sonderforschungsbereich für zunächst vier Jahre mit rund 12 Millionen Euro. Dass Placebos wirken können, ist allgemein bekannt. Verblüffend ist: Selbst wenn PatientInnen wissen, dass sie ein Placebo nehmen, gelingt dieser Effekt. Auch wenn ÄrztInnen beim Verschreiben von Medikamenten gut erklären, warum diese helfen, kann die Wirkung verstärkt werden. „Wir wissen bereits: Die Erwartungen der PatientInnen haben starken Einfluss auf die Wirksamkeit einer Therapie und damit auch ganz wesentlich auf den Verlauf einer Erkrankung“, sagt Rief. „Unser Ziel ist nun, diese Erwartungseffekte gezielter für medizinische Behandlungen einsetzen zu können.“ Die WissenschaftlerInnen konzentrieren sich in der ersten Förderperiode auf den Einfluss der Erwartung bei zwei Volkskrankheiten: chronische Schmerzen und Depressionen. Später sollen auch Autoimmun- sowie Herz-Kreislauferkrankungen untersucht werden. Dabei schauen die ForscherInnen immer sowohl auf psychische Effekte als auch auf biologische Prozesse. „Unser Ansatz ist hochgradig interdisziplinär und translational geprägt“, erläutert Sprecherin Bingel. Übergeordnetes Ziel des durch die DFG eingerichteten Sonderforschungsbereiches ist die Translation der gewonnenen grundlagenwissenschaftlichen Erkenntnisse in die Klinik, also die systematische Anwendung von Erwartungseffekten im klinischen Alltag. Eine große Herausforderung ist es, nicht nur die zugrundeliegenden Mechanismen, sondern auch interindividuelle Unterschiede zu verstehen. „Hierzu sind sehr große Datenmengen und vor allem ein eng abgestimmtes Vorgehen notwendig, wie dies nur in einem SFB zu realisieren ist. Wir sind froh zu dieser Frage auch eng mit internationalen Partnern zu kooperieren“, sagt Bingel. Am Ende, so die Hoffnung der WissenschaftlerInnen, lassen sich Wirksamkeit und Verträglichkeit von Therapien gezielt und individuell optimieren. „Unsere Vision ist es, das wissenschaftliche Fundament für eine personalisierte Medizin zu schaffen, welche die Erwartungen von Patienten gezielt und zu ihrem Besten nutzt.“
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