Mehr Klicks, weniger Klarheit?10. März 2026 Symbolbild: © JOURNEY STUDIO7/stock.adobe.com Eine Kolumne von Fine Lammert. Vom kontaktlosen Bezahlen im Supermarkt über smarte Haushaltsgeräte bis hin zum digitalen Impfpass – diese technischen Innovationen lassen sich aus dem alltäglichen Leben kaum noch wegdenken. Auch am Medizinstudium geht die Digitalisierung nicht spurlos vorbei, was meiner Meinung nach zwar viele Vorteile und vor allem Bequemlichkeiten mit sich bringt, aber auch einige Hindernisse aufwirft. Wie das mein Leben beeinflusst, erfahrt ihr im Folgenden. Mein typischer Tag im dritten Semester: Ich stehe auf, frühstücke, setze mich an den Schreibtisch und schaue mir ab acht Uhr die Physiologie Vorlesung an. Da wir ein neues Thema begonnen haben, muss ich mir erst einmal den neuen Foliensatz auf meinem Tablet herunterladen. Ich switche zwischen den diversen Websites, bis ich die gefunden habe, auf der die Physio-Vorlesungsfolien zur Verfügung gestellt werden. Um neun Uhr beginnt die Biochemie Vorlesung, zu der ich ebenfalls online dazugeschaltet bin. Anschließend fahre ich in die Uni: Histologie-Kurs. Wir befassen uns mit den mikroskopischen Bildern verschiedener Gewebe, die auf einer eigenen Website für uns hochgeladen sind. Danach geht es dann in die Mensa und schließlich zurück nach Hause, wo ich mich für das Biochemie- oder Physiologie- Praktikum vorbereiten muss. Wie mache ich das? Richtig. Online. In Biochemie arbeite ich nur das auf einer der vielen Websites hochgeladene Skript durch, während es in Physiologie eine extra Plattform gibt, auf der wir die jeweiligen Module vorbereiten und während des Praktikums weiterbearbeiten müssen. Wenn ich noch Zeit habe, klicke ich mich durch ein paar meiner online Karteikarten oder wiederhole bestimmte Themen auf Websites wie Via Medici und Amboss – manchmal auch in meinen Lehrbüchern, die ich als PDFs auf dem Tablet habe. Wie sich an meinem Tag zeigt: die Uni ist für mich wirklich rundum digital. Im Folgenden möchte ich die einzelnen Aspekte nochmal etwas genauer beleuchten. Online-Vorlesungen gehören für uns inzwischen ganz selbstverständlich dazu. Ich kann selbst entscheiden, ob ich sie am Schreibtisch oder im Zug oder in der Heimatstadt anhöre – das ist schon ziemlich praktisch. Diese Flexibilität sorgt aber auch dafür, dass der Austausch mit anderen oft etwas kurz kommt. Man sitzt eben mehr allein vor dem Bildschirm als noch vor ein paar Jahren. Genauso sitzt man dann im Histologie-Kurs nur vor dem Computer: Statt an einem echten Mikroskop zu sitzen, klicken wir uns durch digitalisierte Präparate. Was vor einigen wenigen Jahren noch manuell am richtigen Mikroskop passierte, machen wir nun mithilfe eines online Programms, bei dem diverse mikroskopische Bilder von verschiedenen Universitäten hochgeladen sind. Ein Raum voller Mikroskope wurde kurzerhand in einen Raum voller Computer umgetauscht. Das hat Vorteile – ich kann die Bilder jederzeit aufrufen, mir alles in Ruhe anschauen und auch zu Hause damit lernen. Trotzdem frage ich mich manchmal, wie sinnvoll es ist, dass wir im Physikum, dem ersten Staatsexamen, dann wieder klassisch am Mikroskop arbeiten sollen. Zwar haben wir ab und zu die Möglichkeit, gleichzeitig auch am Mikroskop zu schauen, aber der Fokus liegt nunmal woanders. Neben Histologie wird der schon genannte Raum voller Computer auch noch anderweitig genutzt, denn unsere Klausuren schreiben wir alle am Computer, was erstaunlich reibungslos funktioniert. Und es ist schon angenehm, wenn das Ergebnis direkt am gleichen Tag oder maximal ein paar Tage später da ist. Gerade bei Multiple-Choice-Prüfungen, wie man sie fast nur im Medizinstudium hat, ist das einfach effizient. Was mir im digitalen Alltag allerdings regelmäßig den letzten Nerv raubt, ist der Plattform-Wirrwarr. Für jede Fachrichtung gibt es eine andere Website mit einem eigenen System. Die Vorlesungsfolien für Biochemie finde ich nicht da, wo die für Physiologie liegen, die Praktikumsplattform sieht wieder ganz anders aus. Mal braucht man ein Passwort, mal nicht, mal ist es meine E-Mail, die ich eingeben muss, mal ein extra Nutzername. Da kann es dauern, bis man überhaupt mit dem eigentlichen Lernen anfängt. Andererseits ist der Zugang zu Wissen heute fast grenzenlos. Ich habe sämtliche Lehrbücher als PDF auf dem Tablet – mit einem Fingertipp bin ich in dem Kapitel, das ich gerade brauche. Ich muss nicht auf ein einziges Buch vertrauen, sondern kann vergleichen, querlesen, markieren und das alles an einem Ort. Und was mir persönlich enorm hilft: ein digitales Karteikartensystem, ohne das ich wahrscheinlich längst aufgegeben hätte. Damit kann ich online gezielt die wichtigsten Fakten und Details wiederholen. Die Karten erscheinen nach sinnvollen Abständen erneut, sodass man auch wirklich effektiv und langfristig damit lernen kann. Praktisch ist auch, dass man Karten untereinander austauschen kann und somit auch aus den höheren Semestern digitale Stapel mit fertigen Karteikarten auf sein Tablet erhalten kann. Das Tablet ist mittlerweile fast so etwas wie Grundausstattung im Studium. Kaum jemand kommt noch ohne aus – und wer sich keins leisten kann, ist klar im Nachteil. Umso wichtiger finde ich es, dass es inzwischen auch Möglichkeiten gibt, sich Geräte zu leihen. Dass es diese Angebote gibt, ist gut – dass sie erhalten und ausgebaut werden müssen, noch wichtiger. Was ich im Zuge der Digitalisierung im Medizinstudium besonders spannend finde, ist Simulation von verschiedenen Situationen oder Umgebungen mithilfe von Virtual-Reality. In manchen Kursen können so Szenarien wie eine Hirntoddiagnostik geübt werden, was mit Schauspielpatienten und -patientinnen natürlich nicht möglich wäre. Leider habe ich in der Vorklinik aktuell noch nicht die Möglichkeit dazu, freue mich aber sehr darauf, diese Möglichkeit in den kommenden Semestern nutzen zu können. Die Digitalisierung macht im Medizinstudium vieles leichter, schneller, zugänglicher – aber auch unübersichtlicher. Am Ende ist es ein Paradox: Je mehr geklickt wird, desto größer das Chaos – aber ohne Klicks gäbe es keine Klarheit. Digitalisierung eben.
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