Dirigieren und Führen – Mit Kopf und Herz!

Gernot Schulz dirigierte zru Veranschaulichung zwischenzeitlich auch das anwesende Publikum. (Foto: hr, Biermann Medizin)

Auf der abendlichen Eröffnungsveranstaltung von Deutschlands zweitgrößtem Fachkongress für O&U in Baden-Baden befassten sich die Kongresspräsidenten unter anderem mit den Nachwuchsmedizinern und dem Ausblick auf die sich wandelnde Medizin. Festredner war der Dirigent Gernot Schulz, ehemaliger Assistent von Leonhard Bernstein.

Zu Beginn begrüßte jedoch der 1. Vorsitzende der VSOU, Dr. Bodo Kretschmann, die Anwesenden und berichtete, dass der Kongress bereits jetzt die Anmeldezahlen vom vergangenen Jahr, dem ersten Präsenzkongress nach der zweijährigen Pandemie-Pause, übersprungen habe. „Es zeigt, wie wichtig diese Veranstaltung als Treffpunkt aller Disziplinen und verbindende Kommunikationsplattform für Jung und Alt nach wie vor ist“, so Kretschmann.

Das Verhältnis der Generationen mit besonderem Fokus auf die Nachwuchsgeneration war eines der erklärten Ziele der Kongresspräsidenten Prof. Philipp Niemeyer aus München, und Prof. Matthias Münzberg aus Ludwigshafen, die das Kongressmotto „Next Generation. Werte. Wandel. Visionen.“ ausgewählt hatten.

„Die nächste Generation hat es drauf”

„Es war uns wichtig die nächste Generation mit offenen Armen in Empfang zu nehmen“, erklärte Niemeyer. Man habe mit der Nachwuchsarbeit in den Fachgesellschaften bisher sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht. Mit dem Kongressmotto und ihrem erklärten Ziel 40 Prozent der Vortragenden und Vorsitzenden unter 40 Jahren zu akquirieren, habe man die nächste Generation weiter mitnehmen und motivieren wollen, ihren Weg zu gehen. „Diese Generation hat es drauf, da bin ich mir sicher“, so Niemeyer. Seine ersten Eindrücke vom ersten Kongresstag hätten ihn bestärkt. Auf der neuen Stage-Bühne hätten Chefs und Assistenten auf Augenhöhe miteinander und nicht übereinander diskutiert, berichtete er. Erfreulich sei auch, dass das Fach immer weiblicher werde. Beim Student Day, seien etwa die Männer wohl schon in der Unterzahl gewesen.

„Für Wandel braucht es Ziele, Mut und Visionen”

Münzberg lehnte seinem Vortrag am zweiten Teil des Kongressmottos an: Auf Tradition und Werte sowie auf Wandel und Visionen. Der wichtigste Wert in der Medizin sei der Patient, der bei allem im Mittelpunkt zu stehen habe. „Es ist das stärkste Fundament, das es gibt und an diesem müssen wir festhalten“, betonte er. „Den Wandel, den sehen wir gerade überall in der Welt“, so Münzberg weiter. Viele machten Corona dafür verantwortlich, doch die Pandemie sei für ihn nur ein Katalysator für das gewesen, was uns noch bevorstehe. Gerade die Ökonomisierung in der Medizin habe mittlerweile einen Grad erreicht, bei dem ein „weiter so“ nicht mehr funktionieren werde. „Wandel und Veränderungen kann man nicht aufhalten, aber wir müssen diesen Prozess mitgestalten. Dafür braucht es Ziele, Mut und Visionen“, zeigte er sich überzeugt. Es werde da sicher nicht nur Jubelschreie regnen, seiner Erfahrung nach stünden jedoch mehr Menschen solchen Visionen offen gegenüber als gemeinhin angenommen. „Wir müssen aber gerade die Mehrzahl der noch Unentschlossenen erreichen und dabei mitnehmen“, forderte er.

Was können Mediziner von Musikern lernen?

In die Welt der Musik und das Universum eines Orchesters und seines Dirigenten nahm Festredner Schulz die Anwesenden mit. „Was hat dirigieren mit Medizin zu tun?“, fragte der Dirigent und gab gleich die Antwort: „Zunächst nichts, aber das wird sich im Verlauf meines Vortrages ändern.“ Mit eindrücklichen Filmbeispielen der Arbeit von Dirigent und Orchester erklärte er was Dirigieren, was Führen ausmacht. Er arbeitete heraus was letztendlich zählt. Erstens die Wahrnehmung, zweitens die Aufmerksamkeit und das Vertrauen sowie drittens die Sinngebung durch eine bewegende Kommunikation. All dies kann laut Schulz auch auf die Medizin übertragen werden.

„Ein zentraler Punkt des Führens ist, dass man auf der ständigen Suche eines schmalen Pfades ist zwischen einem Zuviel an Führung, das Überdruss und Langeweile erzeugt und einem Zuwenig an Führung, das Unsicherheit hervorbringt“, erklärte er. Fakten, die Noten in der Musik, müssten natürlich kognitiv verstanden werden. Aber erste durch eine bewegende Kommunikation des Dirigenten, werde Führung so umgesetzt, dass aus den Noten sinngebende Musik erwächst, die emotional spürbar ist. „Bei der Kommunikation verengen wir zu oft auf das was und vergessen das wie“, führte er aus. Nur wenn Kopf und Herz angesprochen würden, erwachse daraus Hingabe und auch Leistungsbereitschaft in der Musik und wohl auch in der Medizin, zeigte sich der Dirigent überzeugt. (hr)