Diskussion um Zuckersteuer: Mit Süßstoffen vom Regen in die Traufe?10. April 2026 Einige Zuckeraustauschstoffe könnten das Thromboserisiko erhöhen und sollten daher nur in geringen Mengen verzehrt werden. (Symbolfoto: ©Amore Sea/stock.adobe.com) Die Diskussion um eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke nimmt Fahrt auf. Dass Süßstoffe aus kardiologischer Sicht nicht die beste Alternative sind, berichtete Dr. Marco Witkowski bei der 92. DGK-Jahrestagung in Mannheim. von Dr. Aileen Hochhäuser Bereits seit Jahren setzen sich Medizin- und Verbraucherverbände für eine steuerliche Abgabe auf zuckergesüßte Getränke ein. Die oftmals einfach als Zuckersteuer, teilweise auch als Limo- oder Softdrinksteuer bezeichnete Abgabe soll insbesondere die Hersteller dazu bewegen, ihre Rezepturen zu ändern und den Zuckergehalt ihrer Softdrinks zu reduzieren. Hintergrund ist die stetig steigende Rate von Menschen mit Übergewicht und Adipositas und den damit einhergehenden Begleiterkrankungen. Die Zuckersteuer wird in diesem Zusammenhang als wirksamer Schritt gegen ernährungsbedingte Erkrankungen gehandelt. WHO und Finanzkommission empfehlen Einführung einer Zuckersteuer In vielen anderen Ländern ist eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke bereits Realität: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird eine solche in mindestens 116 Ländern weltweit erhoben. Dennoch sieht die WHO hier weiterhin viel ungenutztes Potential. Sie fordert Regierungen auf, bestehende Steuern auf zuckerhaltige Getränke zu erhöhen oder neue Steuern einzuführen. Als eine von 66 Maßnahmen sprach sich kürzlich die Finanzkommission Gesundheit zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge für die Einführung einer gestaffelten Steuer auf zuckergesüßte Erfrischungsgetränke aus (wir berichteten). Begrüßt wird ein solches Vorgehen nicht nur von der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Prof. Stefan Blankenberg, befürwortet eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke im Sinne der kardiovaskulären Prävention (wir berichteten). Erkenntnisse aus Großbritannien und Prognosen für Deutschland Erste Erfolge erzielte die Einführung einer Limosteuer in Großbritannien. Seit der Einführung im Jahr 2018 reduzierten die Hersteller den Zuckergehalt ihrer Getränke von im Mittel 4,4 auf 2,9 Gramm pro 100 Milliliter. Die Anzahl an Produkten mit mehr als fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter ging um 33 Prozent zurück. Untersuchungen deuten an, dass sich dies positiv auf die Adipositasrate von Kindern ausgewirkt hat (wir berichteten). Laut einer Simulationsstudie von Forschenden der Technischen Universität München hätte eine Softdrinksteuer auch in Deutschland deutliche positive Auswirkungen. Bei allen simulierten Varianten würde weniger Zucker konsumiert, Erkrankungen wären seltener. So ließen sich volkswirtschaftliche Kosten senken und das Gesundheitssystem entlasten (wir berichteten). Studien zeigen Herz-Kreislauf-Risiken durch Xylit und Erythrit Doch wird dieser positive Effekt zum Preis der Herzgesundheit erkauft? Dr. Marco Witkowski warnte auf der DGK-Jahrestagung in Mannheim in diesem Zusammenhang vor einem Austausch des Zuckers gegen Süß- und Zuckerersatzstoffe. Der Kardiologe an der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Charité-Campus Benjamin Franklin erläuterte dazu seine eigenen Studien. In diesen konnte er gemeinsam mit Forscherkollegen eine Assoziation zwischen erhöhten Blutkonzentrationen der Zuckeraustauschstoffe Xylit und Erythrit (auch Xylitol und Erythritol genannt) mit einem gesteigerten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Mortalität bei Herz-Kreislauf-Patienten aufzeigen. Noch unveröffentlichte Daten deuten auf ähnlichen Effekt auch für Sorbitol. Witkowski und Kollegen führen das gesteigerte kardiovaskuläre Risiko auf eine erhöhte Reaktivität der Thrombozyten und damit Thromboseneigung unter dem Einfluss der Zuckeralkohole zurück. Dies konnten sie sowohl In-vitro-Experimenten als auch in einem klinischen Versuch mit freiwilligen Probanden nachweisen. Zwar können diese Experimente eine mögliche reverse Kausalität der Beobachtungsstudien nicht gänzlich ausschließen, sie liefern jedoch plausible Hinweise auf einen Pathomechanismus, der dem erhöhten kardiovaskulären Risiko unter den genannten Zuckeraustauschstoffen zugrunde liegen könnte. „Unsere Forschungen belegen, dass selbst die nicht künstlich hergestellten, sondern natürliche Zuckerersatzstoffe wie Erythritol und Xylitol gesundheitliche Risiken bergen. Genau diese Stoffe sind aktuell in aller Munde, denn auch proteinhaltige Trendprodukte setzen auf die Verwendung dieser Zuckeralternativen“, warnte der Kardiologe. Dies sei insbesondere für Menschen mit kardiovaskulären Risikofaktoren relevant, die glauben, sich mit dem Wechsel auf Zuckerersatzstoffe etwas Gutes zu tun. Tatsächlich würden sie damit aber einen weiteren Risikofaktor hinzugewinnen, kommentierte Witkowski. Auf die Art des Süßstoffes und die Dosis kommt es an Sollte man also gänzlich auf Süß- und Zuckeraustauschstoffe verzichten? Laut Witwoski gibt es erste Hinweise, dass nicht alle Süß- und Zuckeraustauschstoffe eine gerinnungsfördernde Wirkung haben. Ihm zufolge widmen sich anstehende Studienveröffentlichungen dem Vergleich verschiedener Süß- und Zuckerersatzstoffe sowohl auf künstlicher als auch auf natürlicher Basis. „Unsere Untersuchungen zeigen für mehrere dieser Stoffe eine gerinnungsfördernde Wirkung sowie Assoziationen mit klinischen Ereignissen, während wir bei anderen keine Hinweise auf kardiologische Risiken fanden – so beispielsweise bei Stevia“, erläuterte er. Ferner entdeckten Witkowski und Kollegen eine Dosis-Wirkungs-Beziehung, daher rät Witkowski insbesondere von dem Verzehr großer Mengen von Xylit und Erythrit ab. Gesüßte Produkte insgesamt vermeiden Trotz seiner Bedenken hinsichtlich der Sicherheit bestimmter Süßstoffe hält Witkowski eine Steuer auf gezuckerte Getränke dennoch für einen Schritt in die richtige Richtung, um den Zuckerkonsum in der Allgemeinbevölkerung zu senken. Positiv äußerte er sich außerdem zum Nutri-Score, der gesündere Kaufentscheidungen fördern soll. Nach aktuellen Änderungen am Nutri-Score werden Lebensmittel, die Süßstoffe enthalten, nun schlechter bewertet, was Witkowski basierend auf seinen Daten sehr begrüßt. Gerade vor dem Hintergrund, dass die bisherigen Daten keine einfache Antwort auf die Frage liefern, ob nun Zucker oder dessen Ersatzstoffe die bessere Alternative sind, zieht Witkowski ein klares Resümee für den Alltag: „Zucker nicht einfach ersetzen, sondern gesüßte Produkte insgesamt stärker vermeiden.“
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