DKK 2026: „Zusammen – gezielt – zukunftsfähig“

Professorin Anke Reinacher-Schick ist Präsidentin des Deutschen Krebskongress (DKK) 2026. Foto: Peter-Paul Weiler

Patientenzentrierte Versorgung, Künstliche Intelligenz, Bürokratie. Kongresspräsidentin Prof. Anke Reinacher-Schick erzählt im Interview, worauf es künftig in Deutschland ankommen wird. Außerdem verrät die Onkologin, wie sie im Alltag von Gen Z lernt und was sie sich für die Zukunft wünscht.

Der Deutsche Krebskongress (DKK) 2026 findet vom 18. bis zum 21. Februar im CityCube Berlin statt. Das diesjährige Motto lautet „Zusammen – gezielt – zukunftsfähig“.

Spezialisierte Versorgungszentren und Leistungsgruppen sind Kernpunkte der aktuellen Diskussionen um die Krankenhausreform. Was muss in Ihren Augen geschehen, damit innovative und bedarfsgerechte Therapien zukünftig bei allen Patient:innen ankommen und dennoch bezahlbar bleiben?

Reinacher-Schick: Aus Sicht der Onkologie und der Patient:innen ist es absolut richtig, dass Patient:innen mit Krebserkrankungen in spezialisierten und zertifizierten Zentren behandelt werden. Hier allen voran die zertifizierten Zentren der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG). Nach der WiZen-Studie bedeutet das eine Verbesserung des Überlebens im Vergleich zu einer Behandlung in nichtzertifizierten Zentren. Schon jetzt arbeiten die zertifizierten onkologische Zentren mit onkologischen Schwerpunktpraxen exzellent zusammen. So werden 80 Prozent aller Systemtherapien ambulant verabreicht. Überwiegend in Praxen und Medizinischen Versorgungszentren.

Die Krankenhausreform adressiert jedoch nur einen Bruchteil der bestehenden strukturellen Herausforderungen. Um das Zusammenspiel aus ambulanter und stationärer onkologischer Versorgung qualitativ hochwertig und zukunftssicher weiterzuentwickeln, bedarf es daher systemübergreifender Reformen, die über den stationären Sektor hinausgehen.

Hier wird es auch entscheidend sein, alle Informationen zu Patient:innen – sprich alle Daten – für alle Behandelnden verfügbar zu machen. Die Idee des Daten-Teilens sollte also umgesetzt werden. So vermeidet man beispielsweise doppelte Diagnostik. Wenn die vorhandenen Ressourcen so gezielt eingesetzt werden, dann sollte die optimale Versorgung auf hohem Niveau auch möglich sein. Vor allem muss deutlich mehr Fokus auf die Prävention gelegt werden. Bis zu 40 Prozent aller Krebserkrankungen können wir verhindern.

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Wenn vorhandene Ressourcen gezielt eingesetzt werden, dann sollte die optimale Versorgung auf hohem Niveau auch möglich sein.

Sie haben in Ihrem Grußwort die alternde Gesellschaft und die mit ihr steigende Krebsprävalenz angesprochen. Ein Fokus in der Präzisionsmedizin ist auch die Einbeziehung persönlicher Ziele und Wünsche der Patient:innen. Wird die Frage nach der Abwägung zwischen „Leben verlängern“ und „Lebensqualität erhalten“ in Zukunft noch wichtiger werden?

Reinacher-Schick: Unser Ziel in der Onkologie ist immer ein bestmögliches Ergebnis für unsere Patientinnen und Patienten zu erreichen. Das beinhaltet natürlich vor allem die Heilung, sollte sie möglich sein, aber auch viele weitere Aspekte, u.a. die Verbesserung und der Erhalt der Lebensqualität. Leben verlängern und Lebensqualität erhalten sind keine konkurrierenden Ziele. Alles, was wir tun, soll patientenzentriert sein.

Bei verkürzter Lebenserwartung stehen Symptomlinderung und Lebensqualität natürlich absolut im Vordergrund. Das ist jedoch eher Teil und Aufgabe der Supportiv- und Palliativmedizin als der Präzisionsmedizin. Generell haben wir mittlerweile verstanden, dass Lebensqualitäts-verbesserung und Symptomlinderung essentielle Bestandteile der Versorgung sind und das auch in Zukunft so bleiben wird.

Letztlich ist es im Konzept der Partizipation ganz entscheidend, was die persönlichen Ziele und Wünsche der Patient:innen wirklich sind, auch bei Therapieentscheidungen im Rahmen der Präzisionsmedizin. Mit den großen Erfolgen der Präzisionsmedizin ist es uns heute möglich, auch in einer fortgeschrittenen Therapiesituation wirksame Medikamente gegen die Erkrankung einzusetzen, die ebenfalls zur Verbesserung der Lebensqualität über die Tumorkontrolle beitragen können.

Internationale und nationale Krisen stellen momentan auch für die Wissenschaft große Herausforderungen dar. Was braucht es Ihrer Ansicht nach, damit der Forschungsstandort Deutschland wettbewerbsfähig bleibt?

Reinacher-Schick: Die Grundlagenwissenschaft und auch die frühe klinische Forschung sind in Deutschland exzellent. Wir müssen aber in der Translation, also in der Umsetzung in die Klinik deutlich besser und schneller werden. Hier gibt es schon viele gute Ansätze: beispielsweise über die Nationale Dekade gegen Krebs mit den Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) sowie über die Pharmastrategie der Bundesregierung, die den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Deutschland stärkt.

Wir dürfen aber die akademischen klinischen Studien nicht vergessen, die in der Therapieoptimierung in den letzten Jahrzehnten vielfach internationale Standards gesetzt haben, z.B. aus der Hodgkingruppe oder zum oberen GI Trakt und zum Rektumkarzinom, u.a. aus der AIO heraus. Auch hier braucht es eine gemeinsame Anstrengung zwischen den Forschenden an den Universitäten, der forschenden Pharmaindustrie, der Politik und der öffentlichen Förderung. Wir haben hier im Land viele schlaue Köpfe. Wenn wir die Initiativen und Engagements zusammenbringen, sollten wir global wieder wettbewerbsfähig werden.

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Wir müssen die Prozesse, vor allem bei klinischen Studien, verschlanken. Wir sind hier bei weitem zu langsam bis die Studie startet und dann auch in der Rekrutierung.

Hier ist sicherlich die europäische Vernetzung auch ein wichtiger Faktor. Zum Beispiel müssen wir die Prozesse, vor allem bei den klinischen Studien, verschlanken. Wir sind hier bei weitem zu langsam – bis die Studie startet und dann auch in der Rekrutierung. Andere europäische Länder haben die kompetitiven Studien bereits fertig rekrutiert, bevor unsere deutschen Zentren überhaupt anfangen. Bürokratieabbau ist daher auch für klinische Studien zwingend notwendig, z.B. mit Rahmenverträgen für die Zentren oder schlankerer Pharmakovigilanz. So können wir den Standort Deutschland wieder an die Spitze bringen, wo er mal war. Das fördert Wissenschaft, aber auch die Wirtschaft.

Ein weiteres heiß diskutiertes Thema ist die Künstliche Intelligenz. Wo sehen Sie – derzeit oder in der Zukunft – die größten Chancen und Herausforderungen? Und wie hat KI Ihren eigenen Arbeitsalltag bereits verändert?

Reinacher-Schick: KI hat unser Fach bereits tiefgreifend verändert und vorangebracht und wird von den meisten von uns im Alltag genutzt. Sie kann uns helfen, wieder mehr Zeit bei unseren Patient:innen zu verbringen, etwa indem Routinedokumentation und andere Standardtätigkeiten übernommen werden. Bei der deutlichen Wissensexplosion wird uns die KI bei den Therapieentscheidungen helfen. Schon jetzt arbeitet das Leitlinienprogramm Onkologie mit KI-Unterstützung, so dass wir schon jetzt für jede erkrankte Person evidenzbasierte Empfehlungen sowie wie mögliche Studienoptionen nahezu in Echtzeit aussprechen könnten, Übersetzungstools erleichtern die Kommunikation, Telemedizin verbessert den Zugang zu optimaler Versorgung auch in ländlichen Regionen.

Dennoch kann keine Technologie die menschliche Empathie ersetzen oder Patient:innen erläutern, um welche Krankheit es genau geht, welche Möglichkeiten sie haben und welche Therapie die Beste sein wird. Auch kann die KI nicht unsere persönliche klinische Erfahrung ersetzen. Daher mein Votum: KI kann und ist extrem hilfreich. Der Einsatz von KI erfordert jedoch klare Regeln: Transparenz, menschliche Kontrolle, eine nachvollziehbare Datenbasis und verbindliche ethische Standards, um Risiken wie Fehlentscheidungen, aber auch den Verlust ärztlicher Kompetenz zu minimieren.

Ebenso wichtig für die zukünftige Versorgung: die Nachwuchsförderung. Welche Impulse erhoffen Sie sich von Nachwuchs-Onkolog:innen?

Reinacher-Schick: Ich bin überzeugt, dass jüngere Kolleg:innen viele bereichernde Impulse setzen können. Insbesondere finde ich das Konzept des umgekehrten Mentoring-Modells interessant: jüngere Mitarbeiter:innen, in unserem Fall junge Ärzt:innen, schulen als Digital Natives uns ältere Kolleg:innen in den Bereichen Digitalisierung, moderne Technologien, Social Media und aktuelle Trends. Dadurch lerne ich gerade in diesen Bereichen jeden Tag etwas von unseren jüngeren Onkolog:innen. Die Gen Z interessiert sich auch für Themen der Nachhaltigkeit in der Onkologie sowie besonders für ethische Fragen. Hier finde ich den Austausch mit der Generation ebenfalls spannend und bereichernd.

Und welche Tipps würden Sie jungen Kolleg:innen mit auf den Weg geben?

Reinacher-Schick: Ich möchte den jungen Kolleg:innen gern mitgeben, sich jeden Tag für unser Fach zu begeistern. Es verbindet auf besondere Weise Wissenschaftlichkeit und Zugewandtheit zum Menschen und ist das Fach, das die meisten Innovationen hervorbringt. Sie sollten zudem versuchen, jeden Tag in der Klinik etwas zu lernen und sich aktiv in ihrem Team einbringen. Denn die Arbeit im Team ist hochmotivierend und trägt im klinischen Alltag, auch wenn die Arbeit selbst mal stressig ist.

„Zusammen – gezielt – zukunftsfähig“ ist das Motto des diesjährigen DKK. Was sind Ihre persönlichen Wünsche für die Zukunft der Onkologie?

Reinacher-Schick: Mein Wunsch ist, dass wir für alle Erkrankten individuell die optimale Therapie anbieten und durchführen können, unabhängig von Wohnort, Herkunft oder sozioökonomischem Status. Dass wir als Behandler:innen und als Teams aber auch auf uns achten, so dass wir weiter gut für unsere Patient:innen sorgen können. Ich wünsche mir weitere bahnbrechende Innovationen und wissenschaftliche Fortschritte und dass wir auch umsichtig mit unseren Ressourcen umgehen. Ich wünsche mit Kreativität in den Konzepten und Zielen, dass wir voneinander lernen und weiter als Gemeinschaft agieren.

Prof. Reinacher-Schick, vielen Dank für das Interview. Verraten Sie uns abschließend noch: Welchen Vortrag dürfen wir auf diesem Kongress auf keinen Fall verpassen?

Reinacher-Schick: Wir haben für alle Krebserkrankungen exzellente interdisziplinäre Sitzungen mit hervorragenden Referent:innen. Hier wird jeder das Richtige für seinen Schwerpunkt finden. Besonders interessant finde ich diejenigen Sitzungen, die über den Tellerrand hinausblicken, beispielsweise die Plenarsitzung mit der Keynote zum Thema „Zugang zur Versorgung und Forschung in herausfordernden Zeiten“ von Prof. Dr. Alena Buyx. In dieser Plenarsitzung findet auch die Preisverleihung zu unserem Fotowettbewerb „Vielfalt in der Onkologie“ statt.

Das Interview führte Milo Klesse.


Plenar-Sitzung „Zugang zur Versorgung und Forschung in herausfordernden Zeiten
Donnerstag, 19 Feb., 15:00 – 16:30 Uhr, Raum A1

Über die Kongresspräsidentin

Prof. Anke Reinacher-Schick ist Direktorin der Klinik für Hämatologie und Onkologie mit Palliativmedizin im St. Josef-Hospital des Katholischen Klinikums Bochum am Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum. Zudem ist sie Chefärztin der Abteilung für Onkologie und Onkologische Palliativmedizin an der DGD Lungenklinik Hemer.