DKOU 2019: Neue Risiken durch E-Bike und Co

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Immer mehr Verkehrsteilnehmer sind auf den Straßen und Bürgersteigen unterwegs – Autos, Fußgänger, Radfahrer, E-Radfahrer, E-Scooter-Fahrer. Das Unfallrisiko steigt, gleichzeitig drohen neue Verletzungsmuster. Anlässlich des DKOU 2019 fordert die AG Prävention der DGOU die frühzeitige Einbindung in die Verkehrsplanung. So könne das Wissen über schwere Verletzungen zur Unfallprävention genutzt werden.

Ein Boom und kein Ende: Immer mehr Menschen nutzen E-Bikes, E-Scooter und Co. für den täglichen Weg zur Arbeit und zur Überbrückung kürzerer Distanzen. Soeben meldete der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) 920 000 verkaufte E-Bikes im ersten Halbjahr. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband mit einem Wachstum von rund 12 Prozent. In den vergangenen zehn Jahren hat sich in deutschen Großstädten der Anteil der Radfahrer verdoppelt. Neu hinzu gekommen sind E-Scooter, E-Bikes und ähnliche. Die Infrastruktur in den Städten ist damit jedoch überfordert.

Wie Marcel Schreiber, Referent für Verkehrsinfrastruktur beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft im Rahmen der Sitzung „Prävention des schweren Verkehrsunfalls – Was haben wir für die Zukunft gelernt?” ausführte, nimmt insbesondere die Zahl der Fahrradunfälle zu, während sie etwa für Fußgänger abnehmen. Dabei seien insbesondere Kreuzungen und Einmündungen besonders unfallträchtig. Nur ein Drittel der Fahrradunfälle passiert laut Schreiber auf der Strecke. Die Gründe für Unfälle seien vielfältig: Neben Fehlverhalten der einzelnen Verkehrsteilnehmer gäbe es in vielen Fällen auch eine ungünstige Infrastruktur, wie etwa eine schlechte Sicht oder eine hohe Komplexität der Verkehrssituation – beispielsweise an großen Kreuzungen. Allerdings gab Schreiber zu bedenken: „Wir hinken weiter hinterher, was die Infrastruktur angeht. Aber die Planung dauert. Der Bau dauert.” So vergingen etwa drei Jahre bis ein neuer Radweg entsteht. „Wir müssen einfach ein bisschen Geduld haben”, konstatierte Schreiber.

Neue Dimension von Risiken – Verkehrsteilnehmer brauchen neue Kompetenzen

Neu sind die vielen verschiedenen Formen der E-Mobilität. Aber neue Fahrzeuge und Geräte wie E-Bikes, Pedelecs oder E-Scooter seien neu für die Fahrerinnen und Fahrer, sagte Kay Schulte, Referatsleiter Unfallprävention beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat in seinem Vortrag. „Die Fahrerinnen und Fahrer benötigen völlig neue Fahrkompetenzen”, betonte er. Auch seien die Regeln für die neuen Fahrgeräte vielen nicht klar und würden nicht akzeptiert. „Wie müssten den Verkehrraum völlig neu aufteilen – auch zu Lasten der Autofahrer”, konstatierte Schulte.

„E-Scooter und Co. einfach zu verbieten, kann nicht die Lösung sein“, betonte auch Prof. Paul Alfred Grützner, Kongresspräsident des DKOU 2019 und Ärztlicher Direktor der BG-Klinik Ludwigshafen vor Medienvertretern bereits im Vorfeld des Kongresses. „In einer modernen, digitalen und hochmobilen Gesellschaft müssen auch innovative Mobilitätskonzepte ihren Platz finden.“ Ein Konzept für die störungsfreie Interaktion neuer E-Mobilen im öffentlichen Raum fehlt jedoch bislang. Dabei geht es hier nicht nur um die Menge an Verkehrsteilnehmern, die um den Platz im öffentlichen Raum konkurrieren.

„Es ist eine neue Dimension an Risiken hinzugekommen, die wir mit unseren Sinnen nicht mehr wahrnehmen können“, gibt Dr. Christopher Spering, Oberarzt an der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie der Universitätsmedizin Göttingen und Leiter der Sektion Prävention der DGOU, zu Bedenken. „Wir können Verkehrsteilnehmer, die mit E-Antrieb unterwegs sind, schlechter einschätzen. Man hört sie nicht kommen, und sie sind schneller als gewohnt.“ Und beim autonomen Fahren gäbe es dann bald auch keinen Blickkontakt der Verkehrsteilnehmer mehr. „Eine große Gefahrenquelle, nicht nur für Sehbehinderte“, so der Präventionsexperte. „Mit unserem Wissen wollen wir helfen, Unfälle und deren zum Teil schweren Folgen zu vermeiden“, sagt Spering.

Grützner, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) ist, verweist in diesem Zusammenhang auf das TraumaRegister DGU® der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Als eines der größten Schwerverletztenregister weltweit hat es seit seiner Gründung 1993 mit knapp 700 Kliniken im In- und Ausland die Daten von über 270 000 Patienten ausgewertet. Und im Weißbuch Schwerverletztenversorgung der DGU, das in diesem Jahr in einer Neuauflage erscheint, sind Empfehlungen zur Struktur, Organisation und Ausstattung der Schwerverletztenversorgung in Deutschland enthalten.

„Im Namen unserer Patienten fordern wir, dass unser Wissen über Unfallrisiken und Verletzungsmuster aus unserer alltäglichen Versorgung von Unfallfolgen bereits bei der Verkehrsplanung und vor der Einführung von Neuerungen berücksichtigt wird“, sagt Spering. „Wir wollen mit Politik und Stadtplanung frühzeitig an einen Tisch, nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Dies ist auch im Sinn der ‚Vision Zero‘, also der mittelfristigen Senkung der Anzahl der Verkehrstoten auf null, der wir uns verpflichtet sehen“, bekräftigt Grützner.

(red/ja)