DKOU 2019: Notfallbehandlung in Not

Johannes Flechtenmacher, Adelheid Liebendörfer (Moderation) Carsten Perka und Paul Alfred Grützner (v.l.) skizzierten, woran es bei der Notfallversorgung krankt (Foto: hr, Biermann Medizin).

Überlastete Notfallambulanzen und Ärzte, Personalprobleme und höhere Behandlungskosten – die Notfallbehandlung befindet sich trotz erster Steuerungselemente weiterhin in einer Notlage.

Die Reform der Notfallversorgung bleibt selbst ein akuter Notfall. “Wer kennt schon die zentrale Rufnummer 116 117 und das Prinzip, das dahinter steht?, fragte Prof. Paul Alfred Grützner, Kongresspräsident DGOU, DGU vor Medienvertretern in Berlin. Bisher könne er noch nicht beobachten, dass sich die Situation mit der Einführung der Nummer in den Notfallambulanzen verbessert hätten. “Doch wir müssen das Notfallaufkommen in den Kliniken sortieren und steuern und somit dei Resourcen schonen”, betonte er. Neben der besseren Bekanntmachung der Notfallnummer müsse den Menschen klargemacht werden, dass qualifiziertes Personal beim Erstkontakt die Triage übernimmt. “Nicht jeder Facharzt kann auf einen Patienten blicken”, so Grützner. Strafgebühren für das unrechtmäßige Aufsuchen einer Notfallambulanz sah er kritisch, da diese auch wirkliche Notfälle davon abhalten könne, eine Ambulanz aufzusuchen, um Kosten zu sparen.

Das sah DGOOC-Präsident Prof. Carsten Perka anders. Er hält eine Strafgebühr für ein sinnvolles Instrument, um Patienten zu steuern, denn diese würden in der Regel weiterhin mit allen gesundheitlichen Problemen immer direkt in das Krankenhaus mitten in der Stadt gehen. Er berichtete von seinen Erfahrungen aus der Charité in Berlin Mitte. “In die Rettungsstellen kommen Menschen, die oft kein Deutsch können, einen Dolmetscher benötigen, Sachen genommen haben, die keiner kennt und auch nicht zu behandeln weiß, und schließlich die Rechnung an eine fiktive Adresse schicken lassen. Wir betreiben hier einen Riesenaufwand”, erklärte er. Und dieser wird nicht bezahlt und macht das Personal mürbe. “Wir verlieren deshalb in den Kliniken derzeit die besten Köpfe wegen Überlastung und unattraktiven Arbeitszeiten – ein Verlust für die Versorgung und vor allem auch die Forschung”, betonte er. Er forderte eine andere Balance von Nacht- und Wochenenddiensten und eine bessere Ausstattung solcher Anlaufstellen. “Am Ende muss es ums Geld gehen, die neue Nummer allein wird es nicht richten”, so Perka. Auch deshalb halte er die Notfallabgabe für sinnvoll.

Auch der BVOU hat sich diesbezüglich positioniert und hält eine Selbstbeteiligung von 50 Euro bei unrechtmäßigem Aufsuchen – ausgenommen sind Herzinfarkte, Schlaganfälle und schwere Verletzungen – der Notfallleitstellen für sinnvoll. Dr. Johannes Flechtenmacher, BVOU-Präsident, erläuterte die weiteren Positionen des Verbandes: “Der hausärtzliche Notdienst ist in seiner bisherigen Form zu erhalten. Ein Rund-um-die-Uhr fachärtzlicher Notdienst ist Sache der Kliniken. Niedergelassene Orthopäden und Unfallchirurgen sollten muskuloskelettale Verletzungen und Beschwerden behandeln, die ambulant versorgt werden können und müssen in der Notvallversorgung angemessen honoriert werden.

Das TSVG, das Ärzten fünf zusätzliche Stunden vergütet, damit allen Patienten eine offene Sprechstunde jeden Tag angeboten wird, hält er für einen guten Ansatz. “Dieser macht Patienten die Tore in die ambulanten Praxen weiter auf, damit sie nicht meinen, direkt in eine Klinik zu müssen”, befand er. Es gebe – ausgenommen von ländlichen Regionen – genügend niedergelassene Fachärzte in Deutschland, die Patienten bereits am nächsten Tag einen Termin anbieten könnnen sollten, so seine Überzeugung. (hr)