DPG: Keine Trendwende bei Parkinson-Diagnosen15. November 2022 Zeitliche Entwicklung von M. Parkinson-Fallzahlen auf unterschiedlichen Datengrundlagen ( Copyright: Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen e.V.) Eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) hat jüngst einen Rückgang neu aufgetretener Parkinson-Diagnosen um bis zu 30 Prozent innerhalb weniger Jahre ausgemacht. Die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG) zweifelt erheblich an der Existenz einer derart raschen Trendwende. Laut Zi-Studie ist die Inzidenz der Parkinson-Diagnosen in Deutschland von 2013 bis 2019 um bis zu 30 Prozent gesunken (wir berichteten). Anhand kassenärztlicher Abrechnungsdaten sei ein bundesweiter und geschlechterübergreifender Rückgang in allen Altersgruppen ab 50 Jahren zu beobachten.1 Diese Ergebnisse würden eine frühere Untersuchung auf gleicher Datengrundlage2 stützen, die über einen Rückgang der Parkinson-Prävalenz im ambulanten Versorgungssektor berichtete, erklärte das Zi. „Dieses Ergebnis widerspricht den bisher beobachteten steigenden Trends und der Annahme, dass sich die Zunahme der Parkinson-Risikofaktoren, allen voran das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung, weltweit weiter fortsetzt“, betont Prof. Günter Höglinger, Direktor der Klinik für Neurologie der Medizinischen Hochschule Hannover und Vorstandsmitglied der DPG. Biologische Prozesse verändern sich langsam – rasche Trendwende nicht plausibel Die Fachgesellschaft hat die aktuelle Datenlage bewertet und zweifelt an einer schnellen Trendwende. Eine rückläufige Parkinson-Inzidenz in Deutschland ließe sich theoretisch durch einen Rückgang von Parkinson-Risikofaktoren wie Alter oder Pestiziden sowie die Zunahme von Parkinson-Schutzfaktoren wie körperlicher Aktivität, Rauchen oder Koffein erklären. Dass sich solche Faktoren innerhalb weniger Jahre so wirksam verstärkt haben sollten, dass sie eine 30-prozentige Reduktion innerhalb von sechs Jahren erklären könnten, sei allerdings extrem unwahrscheinlich, heißt es in einer Mitteilung der DPG. Hinzu komme die weiter steigende Lebenserwartung in Deutschland. „Biologische Prozesse eines solchen Maßstabs schreiten langsamer voran, sodass die tatsächliche Existenz einer derart raschen Trendwende bei dieser neurodegenerativen Erkrankung aktuell biologisch nicht plausibel erscheint und weiterer Untersuchungen auf ergänzender Datengrundlage bedarf“, heißt es in einer Stellungnahme. Vielmehr könnte eine verzerrte Messung durch Veränderung der Messbedingungen der Grund für den in der Zi-Studie beobachteten scheinbaren Rückgang der Parkinson-Inzidenz sein. Es sei nicht auszuschließen, dass Vertragsärztinnen und -ärzte beispielsweise ihr Diagnose- oder Kodierverhalten verändert hätten, beispielsweise aufgrund rückläufigen Bewusstseins für die Erkrankung oder wegen abnehmender Anreize und administrativer Rahmenbedingungen. Ebenso bestünde die Möglichkeit, dass Betroffene weniger Gesundheitsleistungen speziell in dem Sektor des Gesundheitssystems in Anspruch genommen haben, der in der Zi-Studie erfasst wurde, erklärte die Fachgesellschaft. Weitere Auswertungen und Studien sprechen für steigende Parkinson-Inzidenz Gegen eine tatsächliche Trendwende spreche auch die Dynamik der vorgestellten Zi-Zahlen, die in bestimmten Zeiträumen und Regionen nicht rückläufig waren, sondern stagnierten oder sogar zunahmen.1 Weitere vorliegende Auswertungen und Studien legten vielmehr eine weiterhin steigende Inanspruchnahme von Parkinson-Gesundheitsleistungen in Deutschland nahe3, zeigten in europaweiten repräsentativen Umfragen eine zunehmende Parkinson-Inzidenz4 und eine zunehmende Inzidenz in Deutschland über einen größeren Zeitraum als sieben Jahre5. „Wie die tatsächliche Dynamik der Inzidenz in den letzten Jahren auch sein mag, im internationalen Vergleich ist Deutschland laut den Daten der Global Burden of Disease Study weiterhin ein Land mit sehr hoher Inzidenz, die 2019 mehr als dreimal so hoch war wie der globale Durchschnitt“, so das Fazit der Parkinson-Experten Internationale Bemühungen für mehr Forschung und bessere Versorgung Die tatsächliche Ursache der mutmaßlichen Inzidenz-Trendwende in den ambulanten Parkinson-Diagnosedaten des Zi zwischen 2013 und 2019 ist laut DPG also weiterhin zu klären. Die Bedeutung der Erkrankung für die Bevölkerungsgesundheit zeige auch ein Statement, in dem die Weltgesundheitsorganisation WHO für mehr Prävention und Risikoreduktion plädiert.6 Insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, aber auch in Deutschland sei ein gesicherter Zugang zu Behandlung und Pflege inklusive interdisziplinärer Netzwerke von Parkinson-Experten wichtig. Als Teil des Intersektoralen Globalen Aktionsplans für neurologische Erkrankungen hat die WHO ihre Mitglieder verpflichtet, nationale Pläne zur Verbesserung der Diagnose, Behandlung, Versorgung und Prävention der Parkinson-Krankheit zu implementieren.7
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