Durchbrechen der Schwelle von Corona-Neuinfektionen: Dynamik ist entscheidend

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Die Epidemie habe in den vergangenen zwei Wochen eine neue Dynamik entwickelt, sagt Prof. Markus Scholz vom Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig. Neben einzelnen Schulschließungen entwickeln sich immer wieder lokale Hotspots. Welche Gegenmaßnahmen dann einzuleiten sind und wie eine zweite Infektionswelle aussehen könnte, hat Scholz mit seinem Team in einem eigenen epidemiologischen Modell analysiert.

„Wir haben die Regelung, die inzwischen auch Gesetzeskraft hinsichtlich flächendeckender Testungen in einzelnen Kreisen hat, mithilfe von Modellen näher analysiert. Dabei zeigte sich, dass es entscheidend ist, mit welcher Dynamik diese 50er-Schwelle durchbrochen wird“, erklärt Scholz. „Erreicht man sie allmählich, ist es problematisch. Steigt der Wert jedoch sprunghaft über die Grenze, wie jetzt in Gütersloh geschehen, können wir davon ausgehen, dass die Epidemie vor Ort schon eine Weile unentdeckt fortgeschritten ist. Die Situation ist dann deutlich gefährlicher.“

Der Wissenschaftler ergänzt: „In Gütersloh wurde die Schwelle mit einem hohen R-Wert überschritten. Zudem zeichnet sich durch die flächendeckenden Testungen ab, dass die Epidemie bereits in die Bevölkerung eingetragen wurde. Ein Lockdown ist dann zumindest in den betroffenen Kreisen wieder zwingend erforderlich. Dieser sollte möglichst schnell und umfassend erfolgen, um eine weitere Verbreitung über die betroffenen Kreise hinaus noch zu vermeiden. Dies bedeutet explizit auch Reiseeinschränkungen in beide Richtungen, also die Ein- und Ausreise in den Hotspot.“

„Unser neues Bulletin zeigt, dass die Reproduktionszahlen Ende Juni deutlich über 1 lagen, sowohl für Deutschland als auch für Sachsen und andere Bundesländer“, fährt Scholz fort. „Wenn solche Trends über längere Zeit bestehen, kann die Situation außer Kontrolle geraten und eine zweite Welle entstehen, wie aktuell zum Beispiel in Israel und den USA. Inzwischen schätzen wir diese Werte aber wieder unter 1, sodass wir aktuell noch nicht mit einer zweiten Welle rechnen.“ (Stand 29. Juni: Deutschland R=0.89 (95%-Konfidenzintervall 0.86-0.91), Sachsen R=0.52 (95%-Konfidenzintervall 0.38-0.67))

„Es kommt auch in Zukunft darauf an, ob verhindert werden kann, dass lokale Ausbrüche großflächig in die Bevölkerung getragen werden”, so Scholz weiter. „Die Situation ist diesbezüglich als deutlich fragiler einzuschätzen als noch vor einigen Wochen. So steigen auch in Leipzig aktuell wieder die Zahlen, nachdem hier über fast vier Wochen praktisch keine Fälle mehr auftraten. Dies bestätigt unsere Modellvorhersage, nach der kein wesentlicher Spielraum für weitere Lockerungen mehr besteht.“

Zusammen mit Wissenschaftlern der Charité hat das Institut für Medizinische Informatik, Statistik und Epidemiologie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig kürzlich den Zuschlag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für das Projekt PROVID zur Erforschung des Schwereverlaufs bei COVID-19 eingeworben. „Diese Untersuchung baut auf der PROGRESS-Studie auf, die wir seit 15 Jahren mit betreuen“, erklärt Scholz. „Hier beobachten wir Patienten, die wegen einer Lungenentzündung hospitalisiert werden, engmaschig und longitudinal. Diese Abläufe übertragen wir im Projekt PROVID nun auf COVID-19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Wir können sofort starten, da wird die bestehende Infrastruktur auf die neue Studie übertragen können. In circa zehn PROGRESS-Zentren begleiten wir diese Patienten und erfassen molekulare Faktoren und Vitalparameter im Zeitverlauf. Daraus wollen wir Faktoren identifizieren, die vorhersagen, wie schwer die Krankheit verläuft. Ziel ist eine Vorhersage des Verlaufs aufgrund von neuen Biomarkern. Wir erhoffen uns zudem weitere Erkenntnisse über die molekularen Mechanismen der Erkrankung: Wie kommt es zum Lungenversagen? Wie stark sind weitere Organe involviert? Unser Institut ist in der Studie das Datenzentrum, wir bereiten die Daten auf, halten die Datenbank vor, schulen die Zentren, verfolgen die Probenflüsse und führen Analysen der klinischen und molekularen Daten durch.“