EAN-Kongress beleuchtet COVID-19 in der Neurologie

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Nach frühen Berichten aus China, wonach bei rund einem Drittel der schwer an COVID-19 erkrankten Patienten neurologische Manifestationen auftraten, hat die EAN eine Notfall-Taskforce eingerichtet, die eine Umfrage unter mehr als 4300 Klinikern koordinierte. Prof. Elena Moro aus Grenoble stellte auf dem derzeitigen Kongress der Fachgesellschaft die europäischen Erfahrungen vor. 

Danach waren Kopfschmerzen, psychomotorische Unruhe, Bewusstseinsstörungen, Anosmie, Dysgeusie und Myalgie die am häufigsten beobachteten neurologischen Symptome. Da Italien besonders schwer und früh betroffen war, als sich die Pandemie über Europa ausbreitete, wurde dort das erste Registers eingeführt; weitere Register in ganz Europa folgten, darunter in Frankreich, Spanien, Großbritannien und Portugal.

Schlaganfall und Enzephalopathie waren bei französischen Patienten häufig, das spanische Register enthielt Berichte über SARS-CoV-2, das im Liquor von Patienten mit neurologischen Symptomen nachgewiesen wurde. In Großbritannien traten auf Basis von 153 Berichten Schlaganfälle und ein veränderter mentaler Zustand einschließlich neuropsychiatrischer und kognitiver Störungen häufig auf. In Portugal wurde sowohl bei ambulanten als auch stationären Patienten eine hohe Rate neurologischer Beteiligung von mehr als 40 Prozent berichtet.

Direkte und indirekte Auswirkungen auf das ZNS

Prof. Ken Tyler von der Universität von Colorado, USA, ging auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen COVID-19 und früheren SARS- und MERS-Virusausbrüchen hin. Danach wurden bei SARS und MERS zwar ebenfalls neurologische Komplikationen erkannt, sie traten jedoch bei SARS/MERS seltener auf (1:250 Fälle) als bei SARS-CoV-2. Am häufigsten wurden Schlaganfall, Enzephalopathie und Guillain-Barre-Syndrom gemeldet. Zu den sowohl bei früheren Ausbrüchen als auch bei der aktuellen COVID-19-Krise als wichtig erachteten Krankheitsmechanismen gehören indirekte Auswirkungen auf das Zentralnervensystem (ZNS), direkte ZNS-Invasion, postinfektiöse/immunvermittelte und andere Mechanismen.

Zu den indirekten Auswirkungen können Schlaganfall gehören, der in einer Studie bei drei Prozent der COVID-19-Patienten auftrat, in der Regel im Zusammenhang mit einer schweren Infektion. Schlaganfälle treten häufig im Bereich großer Gefäße auf, häufig mit Anzeichen eines hyperkoagulierbaren Zustands, wie z. B. hohen D-Dimer-Spiegeln und positivem Lupus-Antikoagulans. MRT-Befunde bei Patienten mit verschiedenen neurologischen Manifestationen von COVID-19 umfassen auch kortikale FLAIR-Signalveränderungen, manchmal mit begleitenden Veränderungen der weißen Substanz, wie Tyler erklärte.

Hinweise auf direkte Auswirkungen auf das ZNS kamen erstmals in Form eines Fallberichts über Meningitis/Enzephalitis. Nasopharyngealabstriche des Patienten waren negativ, über Echtzeit-PCR wurde der Erreger jedoch im Liquor identifiziert, und es gab radiologische Hinweise auf eine limbische Enzephalitis. Die virale PCR ist jedoch selbst bei Enzephalopathie häufig negativ, und der Liquor ist häufig azellulär, obwohl geringfügige Erhöhungen des Proteins zu beobachten sind.

Zu den postinfektiösen/immunvermittelten Effekten von COVID-19 gehören laut Tyler Beschreibungen des Guillain-Barre-Syndroms bei Patienten mit schlaffer Lähmung, häufig mit Ateminsuffizienz, wobei in den ersten fünf Fällen neurophysiologisch drei axonale und zwei demyelinisierende Effekte auftraten und in drei Fällen eine albumin-zytologische Dissoziation zu beobachten war. Die Liquor-PCR war negativ. Anti-Gangliosid-Antikörper sind bisher nicht identifiziert worden.

Als Standardtherapie wurde im Allgemeinen Plasmaaustausch/Intravenöses Immunglobulin verabreicht, allerdings war nicht immer ein gutes Ansprechen zu beobachten. Laut Tyler gibt es bislang einen einzigen Bericht über eine akute disseminierte Enzephalomyelitis, und es tauchen Fälle von akuter hämorrhagischer nekrotisierender Enzephalopathie auf; der erste berichtete Fall hatte eine auffällige bilaterale thalamische Hyperintensität im MRT. Eine laut Tyler faszinierende Beobachtung ist die hohe Prävalenz von Anosmie und Dysgeusie, die sich zurückzubilden scheint. Berichte über Myopathie und Rhabdomyolyse sind im Entstehen. Und nicht zuletzt zeichne sich – auch bei Kindern – eine Kawasaki-ähnliche entzündliche Multisystemerkrankung ab, mit Ausschlag, kardialen Manifestationen und meningealen Symptomen, weshalb es möglich sei, dass sich das phänotypische Spektrum der COVID-19-Erkrankung weiter ausdehne, schloss Tyler.