Editorial: Versorgungsforschung Teil 1

Foto Prof. Thomas Frese
Foto: Prof. Thomas Frese © Maike Gloeckner

Liebe Leserinnen und Leser,

die Langzeitbetreuung von Patienten ist ein Kernmerkmal des hausärztlichen Arbeitens. Gemeinsam mit der engen Arzt-Patienten-Beziehung und einem breiten Spektrum an zu behandelnden gesundheitsrelevanten Problemen bildet die Langzeitbetreuung von Patienten einen hauptsächlichen Attraktivitätsfaktor des Fachs Allgemeinmedizin.

Oft gerät man aber im Rahmen der Langzeitbetreuung von dabei älter werdenden Patienten mit kumulierender Morbidität an die Grenzen leitliniengerechter Therapie. Nicht selten entsteht ein Konflikt zwischen Leitlinie und einem patientenzentrierten Therapieansatz und Therapieziel. So divergieren zum Beispiel die Ansichten zur Behandlungspriorität eines Diabetes mellitus Typ 2 zwischen älteren Patienten und ihren Hausärzten erheblich. Und das längst nicht immer zu Unrecht!

In den vergangenen Jahren wurden liberalere und am Morbiditätsgrad oder der geschätzten Lebenserwartung orientierte Zielwerte für den Surrogatparamter HbA1c bei älteren Patienten immer populärer, hier halfen Fachgesellschaften und Initiativen gegen Über- und Fehlversorgung wie z.B. die Choosing-Wisely-Kampagne.

Dennoch weist die Arbeit von Hambling und Kollegen auf häufige Übertherapie – selbst im Kontext einer Hypoglykämie begünstigenden Begleiterkrankungen – hin. Haben Sie bei Ihren langzeitbetreuten älteren Patienten die vielleicht neu hinzugetretenen (relativen) Kontraindikationen immer auf dem Schirm?

Meneilly und Kollegen beschreiben die Komorbiditäten und Begleitumstände bei älteren Patienten mit Diabetes mellitus aus einem hausärztlichen Setting. Die Patienten waren zur Hälfte mit einem HbA1c unter 7,0 % eingestellt, nach Gebrechlichkeit wurde aber nur selten geschaut. Ist Ihnen das sich im Verlauf der Langzeitbetreuung ändernde, individuelle Therapieziel bei jedem Ihrer älteren Patienten bewusst?

Der von McCracken und Kollegen belegte Annahme, dass sich gerade bei geriatrischen Patienten ein relevanter Anteil an Übertherapie und daher auch Polypharmazie findet, überrascht da kaum. Führen Sie wirklich regelmäßig eine Überprüfung der gesamten Medikation Ihrer geriatrischen Patienten durch? Wahrscheinlich wird einem auch in der eigenen Praxis immer wieder das eine oder andere Versäumnis auffallen, wahrscheinlich ist aber weniger manchmal mehr und wahrscheinlich ist für viele Ältere der Knieschmerz oder ein anderes unmittelbar behinderndes Problem therapiebedürftiger als der Diabetes mellitus.

Mit Sicherheit sind wir Hausärzte aber diejenigen, die die Patienten am besten vor Über- und Fehlversorgung schützen können!

Herzlichst!

Ihr Thomas Frese