Editorial: Versorgungsforschung Teil 2

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Foto: Prof. Thomas Frese © Maike Gloeckner

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

haben Sie heute schon bei einem Patienten eine Arzneimitteltherapie unterbrochen oder dauerhaft abgesetzt? Wahrscheinlich ja. Wie sicher haben Sie sich mit Ihrer Entscheidung gefühlt? Strategien zum Ansetzen einer Arzneimitteltherapie gibt es viele: Handlungsempfehlungen und Leitlinien, die Weiterverordnung nach der Konsultation eines anderen Facharztes, auch die Bedürfnisse und Erwartungen von Patienten können Grund genug sein, eine Arzneimitteltherapie zu beginnen. Natürlich gibt es objektive Kriterien, eine Arzneimitteltherapie zu beenden, dies kann die Unverträglichkeit eines Arzneimittels im Sinne von unerwünschten Arzneimittelwirkungen oder Interaktionen sein, im Rahmen der hausärztlichen Langzeitbetreuung ist es aber oft auch das Hinzutreten von Kontraindikationen oder die Veränderung von Therapiezielen. Beides wird im Alltag zu oft übersehen.

Es mangelt – wie am Beispiel der Statinverordnung bei Älteren von Gulliford und Kollegen gezeigt – an klaren Strategien oder Empfehlungen um die Arzneimitteltherapie eines Patienten zu prüfen und eine Struktur in den Vorgang des Absetzens – des Deprescribings – zu bringen. Nutzvolle und anwendbare Algorithmen, wie von Garfinkel und Mangin in einer hochrangigen Publikation beschrieben, sind recht neu. Die vorhanden Listen und Indizes sind hierfür nicht genug, Datenbanken werden zu wenig angewendet oder liefern Ergebnisse von zu geringer Relevanz. Initiativen zum Deprescribing sind zu oft regional begrenzt und nicht nachhaltig. In Anbetracht der Dimensionen des Problems Multimedikation und ihrer Komplikationen verwundert das. Hier gibt es einen dringenden Handlungsbedarf, um die Therapiesicherheit für Patienten zu erhöhen und den hausärztlichen Alltag zu erleichtern.

Durch Digitalisierung und Anwendung technischer Lösungen im Gesundheitsmarkt können sich für die genannten Probleme Lösungsmöglichkeiten ergeben. Doch sollte das Heft des Handelns in der Hand von uns Hausärzten bleiben, die von Pruskowski und Handler als machbar dargestellte Abgabe der Verantwortung an andere Professionen ist keine Lösung. Ohne das aktive Engagement von uns Hausärzten wird es also nicht gehen: Vielleicht wäre dies auch der beste Weg, die von Anderson beschriebenen Unsicherheiten und Hemmnisse des Deprescribings zum Wohl unserer Patienten zu beherrschen.

Herzlichst!

Prof. Thomas Frese