Ein Schnitt, der unter die Haut geht12. Februar 2026 Symbolbild: © Yapi/stock.adobe.com Eine Kolumne von Fine Lammert. In einem Raum voller Leichen, die in Reihen auf silbernen Metalltischen liegen, einzelne Gliedmaßen auf kleineren Tischen daneben, einen stechenden Geruch in der Nase, und mittendrin kommen dir andauernd Menschen mit einem Herzen in ihren Händen entgegen. Klingt skurril, oder? Ist es auch ein wenig, aber dennoch ein ganz normaler Tag eines Medizinstudierenden im 2. Semester. Denn da findet für viele Studenten und Studentinnen der Präparierkurs statt. Hier wird in Gruppen von ca. zehn Studierenden an echten Leichnamen, bzw. Körperspenden, wie wir sie meist nennen, präpariert. Angefangen bei der Hautpräparation, arbeitet man sich immer tiefer in den Körper hervor, um sich nach und nach ein genaues Bild von den Muskeln, Gelenken, Gefäßen, Nerven und inneren Organen zu machen. Aber jetzt erstmal von Anfang an: An unserem ersten Tag vom Präp-Kurs wurden wir zunächst theoretisch über den Kurs informiert. Hier wurden Hygienemaßnahmen, also zum Beispiel das Tragen eines Kittels und von Handschuhen, erläutert und die kommenden Kursinhalte gezeigt. Und dann ging es für uns alle eine Etage tiefer in den Präpsaal. Zuerst in die Umkleide, Kittel anziehen, dann durch den Waschraum zum Händewaschen und Desinfizieren – und schließlich hinein in den Präpsaal. Was hier zunächst noch ganz neu und ungewohnt war, wurde sehr schnell zur Routine. Als ich also das erste Mal durch die Tür trat, kam mir das schon ziemlich seltsam vor. Zu wissen, dass man sich in einem Raum voller toter Menschen befindet – obwohl die meisten Studierenden, so wie auch ich, wahrscheinlich noch nie einen einzigen Toten in ihrem Leben gesehen haben; das sorgt definitiv für ein mulmiges Gefühl im Bauch. Am Anfang waren die Körperspenden alle noch mit weißen Tüchern abgedeckt, was das Ganze zumindest ein wenig leichter gemacht hat. Als wir uns dann alle bei unseren Tischen eingefunden hatten, wurde das Tuch vom Kopf abwärts entfernt. Die Körperspende liegt in den ersten Tagen des Kurses auf dem Bauch, was uns auch vorher so mitgeteilt wurde – ganz gut, weil man sonst direkt mit dem Gesicht konfrontiert worden wäre. Ich habe trotzdem von einigen Mitstudierenden mitbekommen, dass sie es vielleicht als weniger belastend empfunden hätten, wenn das Tuch stattdessen von unten nach oben abgenommen worden wäre, denn natürlich ist es ungewohnt und merkwürdig, wenn man als erstes einen kahlrasierten Schädel sieht, mit einer dicken Naht aus rot-weißem Faden, die quer darüber verläuft und mit der die Haut grob über den beiden Schädelhälften zusammengenäht wurde, nachdem das Gehirn bereits für die höheren Semester entnommen worden war. Zugegeben, das sah schon recht brutal aus. Wir haben dann damit angefangen, Daten wie die Größe und das Gewicht zu schätzen, sowie die von außen erkennbaren Merkmale und Totenflecke zu dokumentieren. Nach der Wahl des Präparationsgebiets starteten wir direkt mit den ersten Hautschnitten. Ich habe das Gebiet ab der rechten Kniekehle abwärts gewählt. Mit Skalpell und Pinzette ausgerüstet, setzte ich den ersten Schnitt und fing langsam an, die Haut von oben nach unten abzupräparieren. Ein Gedanke ging mir dabei aber nicht aus dem Kopf: ICH HÄUTE GERADE EINE PERSON. Ja, hier liegt ein echter Mensch vor mir. Jemand, der mal geatmet und gesprochen hat, gelaufen, gelebt hat, geliebt wurde. Jemand, der seine ganz eigene Geschichte hat. Davor sollten wir Respekt haben – und trotzdem: diese Person vor mir hat sich bewusst dazu entschieden, sich als Körperspender beim Institut anzumelden. Mir hat das sehr geholfen. Für die Körperspender und -spenderinnen sind wir sehr dankbar und können dies auch bei einer von uns Studierenden organisierten Trauerfeier zum Ausdruck bringen, bei der den Personen und ihren Familien in einer würdevollen Zeremonie gedankt wird. Nach den ersten Stunden gewöhnte ich mich dann aber auch immer mehr daran. Außerdem wurde es umso spannender, je tiefer man sich vorarbeitete. Und das taten wir: Zwei- bis dreimal in der Woche verbrachten wir mehrere Stunden im Präpsaal und drangen immer tiefer in die Strukturen des Körpers hinein. Die Faszination und Neugier stiegen wirklich von Mal zu Mal und ich hatte schon bald richtig Spaß an der Präparation. Doch zwischen Wissbegier und Begeisterung stand vor allem eins: Lernen. Und zwar viel. Der Präparierkurs war nämlich nicht nur praktisches Arbeiten an der Körperspende, sondern auch durchgetaktet mit drei großen Testaten. Für jedes dieser Testate mussten wir die Strukturen offensichtlich nicht nur erkennen und bestaunen, sondern auch benennen, Funktionen verstehen und ihre Lage einordnen können – und zwar an der Körperspende und ohne Hilfsmittel. Das erste Testat drehte sich um den passiven Bewegungsapparat – Knochen, Bänder, Gelenke. Schon hier wurde klar, dass das Semester kein Spaziergang würde. Denn man musste nicht nur wissen, wie zum Beispiel ein Oberschenkelknochen aussieht, sondern auch, wo sich jede noch so kleine Struktur und Auffälligkeit des Knochens befand. Danach folgte der aktive Bewegungsapparat, das heißt alle Muskeln, samt Ursprung, Ansatz, Innervation und Blutversorgung. Ein Stoffberg, der sich wirklich kaum in Worte fassen lässt. Aber irgendwie habe ich es dann doch geschafft mir alles in den Kopf zu quetschen. Und es war wirklich faszinierend, wie aus den vielen Einzelheiten und Details nach und nach ein vollständiges Bild wurde. Ich war wirklich stolz auf mich! Und dann kam das dritte Testat: Situs, also die inneren Organe. Es war das Thema, das ich persönlich am spannendsten fand, einfach weil man sich das meiste davon vorher nicht wirklich vorstellen konnte. Ja natürlich, jeder von uns hat schon die typischen Modelle oder Lehrbuchabbildungen der menschlichen Anatomie gesehen, doch in Wirklichkeit sieht das dann doch nochmal ganz anders aus. Wie dicht und scheinbar ungeordnet alles beieinander liegt, doch wie viel Sinn eigentlich dahintersteckt, ist echt beindruckend: Wie das Herz sich zwischen die Lungenflügel schmiegt, das Zwerchfell sich einmal quer durch den Körper zieht, die Geschlechtsorgane zum Teil in den Beckenraum eingebettet sind und dieser meterlange Darm ja doch irgendwie ganz gut in unseren Körper passt. Doch hier ging es nicht nur um den gesunden, idealtypischen Körperbau, wie man ihn aus dem Lehrbuch kennt. Gerade nach Eröffnung der Brust- und Bauchhöhle wurde deutlich, wie unterschiedlich und individuell ein jeder Körper sein kann und wie sehr manche Gewohnheiten oder Krankheiten ihre Spuren hinterlassen. Besonders im Kopf geblieben ist mir das stundenlange Herauszupfen von Teer-Resten, die ich aus den kleinen Verästelungen der Bronchien einer Raucherlunge zupfte. Schwarz und klebrig heftete dieses in der Lunge und verklebte die Luftwege. Ganz schön abschreckend. Mit dem dritten Testat war es noch nicht geschafft. Zum Abschluss des zweiten Semesters stand noch die Kopf-Hals-Klausur an. Und eines lässt sich da mit Sicherheit sagen: Das sind ganz schön viele Strukturen auf ganz schön kleinem Raum. Der Kurs war eine der intensivsten und lehrreichsten Erfahrungen meines bisherigen Studiums. Noch nie habe ich gleichzeitig so viel gewusst und so sehr gezweifelt, ob ich das alles wirklich behalten kann. Zurecht, denn ich muss ehrlich sagen, dass ich bestimmt die Hälfte des Lernstoffs schon wieder vergessen habe, dafür war es einfach zu viel in zu kurzer Zeit. Aber was geblieben ist, sind die Erfahrungen, und die sind ja eigentlich genauso wichtig. Denn eins ist klar: Meine Erfahrungen aus dem Präpkurs, die gingen wirklich unter die Haut. Fine Lammert studiert seit dem Sommersemester 2024 an der Universität Münster Humanmedizin. Die 19-Jährige gebürtige Düsseldorferin begeistert sich vor allem für die Kindermedizin, liebt aber die vielseitigen Erfahrungen aus dem Studium, so zum Beispiel die Präparation, und ist daher noch für alle Fachrichtungen offen. Ihre (tatsächlich wenige) freie Zeit verbringt sie am liebsten mit ihren Freunden an der frischen Luft am See oder in Cafés.
Mehr erfahren zu: "Medizinstudium? Ja. Aber welches?" Medizinstudium? Ja. Aber welches? Eine Kolumne von Fine Lammert. Das Medizinstudium, welches ich in Münster begonnen habe, läuft ein bisschen anders ab als an so manchen anderen Universitäten. Das Ziel ist zwar überall dasselbe, […]
Mehr erfahren zu: "Wie aus einem kahlen Zimmer und fremden Menschen ein zweites Zuhause wird" Wie aus einem kahlen Zimmer und fremden Menschen ein zweites Zuhause wird Eine Kolumne von Fine Lammert. Auf einer Matratze auf dem Boden meines neuen Zimmers und mit zwei Lampen ohne Glühbirnen darin. Voller Aufregung und Vorfreude, aber auch Nervosität wegen dem, […]
Mehr erfahren zu: "Zwischen Kittel und Klausuren – mein Weg in die Medizin" Zwischen Kittel und Klausuren – mein Weg in die Medizin Eine Kolumne von Fine Lammert. Wieso trotz Ärztemangel die mehr oder weniger erfolgreichen Gedichtinterpretationen aus der Oberstufe ausschlaggebend für das Medizinstudium sein können …