Eine ernsthafte infektiologische Bedrohung

Dr. med Justus de Zeeuw
Dr. med Justus de Zeeuw

Ein Virus hält die Welt in Atem. Zumindest die Boulevardmedien scheinen geradezu begierig darauf zu sein, die Eroberung des Planeten durch tödliche Krankheitserreger zu dokumentieren. Jüngstes Beispiel ist das ­Coronavirus mit der vorläufigen Bezeichnung 2019-nCoV. Die Schlagzeilen der „BILD“-Zeitung zum Jahresbeginn 2020 sind insbesondere hinsichtlich der Bildsprache geprägt von alarmierender Endzeitstimmung. Unstrittig ist die Verhinderung einer Pandemie eine Aufgabe von höchster Priorität. Inwieweit die Berichte der Massenmedien hierzu einen wertvollen Beitrag darstellen, sei dahingestellt.

Coronavirus 2019-nCoV scheint verglichen mit anderen, weltweit beachteten Virusausbrüchen eine vergleichsweise geringe Mortalität aufzuweisen, sie liegt bei rund 2 %.[1] Dem ebenfalls durch ein Coronavirus ausgelöste Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS), das von November 2002 bis Juli 2003 für Schlagzeilen sorgte, erlagen etwa 10 % der Infizierten.[2] Damals war auffällig, dass weite Teile der Bevölkerung eine ungefähre Ahnung hatten, was sich hinter SARS verbirgt und auch heute den Begriff einer Virusinfektion zuordnen können. Bei COPD hingegen, die sowohl damals als auch heute zu den weltweit führenden Todesursachen gehört, haben weiter­hin meist nur medizinische Fachleute und die Betroffenen eine Vorstellung, welche Erkrankung hinter dieser Abkürzung steckt.

Auch Namen der Erreger des hämorrhagischen Fiebers werden von den meisten Menschen mit einer ernsthaften Bedrohung verbunden. Die Nennung von Lassa oder Marburg-Virus löst sofort Assoziationen mit einer tödlichen Infektionskrankheit aus. Dies ist ebenso bei Ebola der Fall. Nicht zu Unrecht, die Mortalität beträgt bei Infektionen mit diese Viren 30–90 %.[3] Da weder eine ursächliche Therapie noch die Möglichkeit einer Impfung besteht, ist die Angst vor einer Infektion trotz dem in Deutschland extrem geringen Risiko nachvoll­ziehbar.

In den 1990er-Jahren gewann das HI-Virus zunehmen an Bedeutung. Während die Prävalenz für eine HIV-Infektion in den westlichen Industrienationen sehr gering und inzwischen rückläufig ist, erreicht die Infektionsrate in einzelnen afrikanischen Ländern bei Menschen mittleren Alters ca. 25 %.[4] Zwar gelingt mittels hoch­aktiver antiretroviraler Therapie mittlerweile eine Serokonversion, dennoch erliegen weltweit jährlich etwa 1,2 Mio. Menschen dem AIDS. Die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berichtet, dass die Anzahl der Neuinfektionen für HIV zuletzt rückläufig war, die Infektionsrate für andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) allerdings seit 2010 ansteige.[5] Diese Entwicklung könnte als Hinweis auf eine gewisse Sorglosigkeit verstanden werden, was den Schutz vor Geschlechtskrankheiten angeht. Hielten HIV und AIDS die Welt vor Jahren noch in Atem, so scheint das öffentliche Interesse derzeit nur durch aufwendige Kampagnen aufrecht erhalten werden zu können.

Ältere Teile der deutschen Bevölkerung verbinden mit der Tuberkulose das Schreckgespenst der Infektiologie. Synonyme wie „Morbus Koch“ oder „spezifische Entzündung“ dienen Ärzten auch heute noch als Verbrämung eines Tuberkuloseverdachtes, um Angst­reaktionen zu verhindern. In Deutschland hat sich in den Nachkriegsjahren durch die Verfügbarkeit einer wirksamen tuberkulostatischen Therapie sowie geeigneter Maßnahmen des Infektionschutzes die Situation sowohl hinsichtlich der Neuinfektionen als auch der tödlichen Verläufe dramatisch gebessert. Gegenüber rund 130 jährlichen Todesfällen in Deutschland stellt die Tuberkulose allerdings weltweit mit 1,5 Mio. Toten pro Jahr weiterhin die am häufigsten zum Tode führende Infektionskrankheit dar.3 Migrations- und Flüchtlingsbewegungen werden in Teilen der Bevölkerung mit der Angst vor einer Tuberkulose­infektion konnotiert, auch wenn diese angesichts der sehr geringen Infektiosität irrational erscheint.[6]

Die sogenannte Vogelgrippe (Aviäre Influenza) wurde 2006 in Deutschland zum Thema. Die bei Vögeln weit verbreitete Infektion mit Influenza A H5N1 kann in seltenen Fällen, ins­besondere bei engem Kontakt mit Wildvögeln, auf den Menschen übertragen werden. Hämagglutinin und Neuraminidase als kennzeichnende Strukturen des Influenza-A-Virus wurden im Rahmen des Vogelgrippe-Ausbruches auch Ärzten ohne infektiologische Spezialisierung ein Begriff.

Im Jahr 2009 erreichte die Schweine­grippe (Porcine Influenza) Deutschland. Zwar stand gegen den häufigsten Erreger dieser Erkrankung, das Influanza-A-Virus vom Serotyp H1N1 schnell ein geeigneter Impfstoff zur Verfügung. Gleichzeitig machten schnell Gerüchte über mit der Impfung verbundene Risiken die Runde. Geblieben ist dabei ein Zusammenhang mit dem Auftreten der Narkolepsie, der wohl sowohl durch Nukleoproteine bestimmter Impfstoffe als auch durch die Virusinfektion selbst zu erklären ist.[7]

Zwar sind alle bislang hier aufgeführten Infektionskrankheiten in Massenmedien präsent und breiten Teilen der Bevölkerung ein Begriff. Eine ernsthafte infektiologische Bedrohung stellen sie in unseren Breiten allerdings nicht dar. Die eigentliche Gefahr geht Jahr für Jahr von der Grippe aus, die durch Influenza-A- und -B-Viren verursacht wird. In den für die Schätzung der Exzess-Mortalität verfügbaren Datenbeständen liegt die Zahl der Todesfälle seit der Saison 2012/2013 regelmäßig über 20.000.8 Der aviären und porcinen Influenza kommt dabei ein verschwindend geringer Anteil zu. Die Bagatellisierung der Erkrankung einerseits wie auch Fehl­warnehmungen hinsichtlich der angebotenen Impfungen andererseits führen dazu, dass diese tatsächlich vorhandene, ernsthafte infektiologische Bedrohnung unzureichend wahrgenommen wird.

Impfungen retten Leben, das ist unstrittig. Anstatt irrationale Ängste zu schüren wäre es schön, wenn die me­diale Ausschlachtung vermeintlicher Pandemien dazu genutzt würde, die Impf­bereitschaft insbesondere der Risikogruppen zu erhöhen.

Dr. med. Justus de Zeeuw

Literatur:

  1. www.worldometers.info/coronavirus/
  2. Smith RD. Responding to global infectious disease outbreaks: Lessons from SARS on the role of risk perception, communication and management. Soc Sci Med 2006;63(12):3113–3123.
  3. Robert Koch-Institut (Hrsg.). Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2018. Robert Koch-Institut, Berlin, 2019.
  4. World AIDS report. www.who.int/hiv/data/en/
  5. Von Rüden U. AIDS im öffentlichen Bewusstsein der Bundesrepublik Deutschland. 2017; BZgA-Forschungsbericht.
  6. www.youtube.com/watch?v=dmxBD3Efy3Y
  7. www.aerzteblatt.de/nachrichten/63356/Grippeimpfung-Wie-Pandemrix-eine-Narkolepsie-ausloest
  8. Arbeitsgemeinschaft Influenza: Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2018/19. Robert Koch-Institut, 2019.