Einzigartige Schulter- und Oberarmrekonstruktion gelungen14. August 2019 Mit seiner neuen, gedankengesteuerten Prothese ist der Patient in der Lage Dinge zu greifen. (Foto: © UKR/Franziska Holten) Mediziner des Hochschulzentrums für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie Regensburg haben einem Patienten, der bei einem Unfall seinen linken Arm verloren hat, Schulter und Oberarm so rekonstruiert, dass ihm eine funktionelle Prothese angepasst werden konnte. Das Verletzungsbild des Patienten stellte nach Angaben des Universitätsklinikums Regensburg die Ärzte vor eine besonders anspruchsvolle Aufgabe. Aufgrund eines Arbeitsunfalls hatte dieser seinen linken Arm kurz unterhalb der Schulter verloren. „Bis auf den Oberarmknochen, und selbst der war abgetrennt, war nichts mehr vorhanden. Muskeln, Sehnen und Nerven waren allesamt bei dem Unfall zerstört worden“, beschreibt Thiha Aung, Assistenzarzt im Zentrum für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, den Zustand des Patienten nach dem Unfall vor etwa drei Jahren. Nach der Wundversorungung und Stabilisierung des Stumpfes begann das Chirurgenteam mit der herausfordernden Rekonstruktion von Schulter und Oberarm zur Anpassung einer myoelektirschen Prothese. „Mit einer myoelektrischen Prothese gewinnen Patienten zum einen viel an Lebensqualität zurück, da diese ein physiologisches lebensnahes Greifen ermöglicht, zum anderen können dadurch Phantomschmerzen gelindert werden, die bei Betroffenen oft einen enormen Leidensdruck erzeugen“, erklärte Prof. Lukas Prantl, Leiter des Hochschulzentrums für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Da am Stumpf des Patienten kein Nerven- und Muskelgewebe mehr vorhanden war, seien die Voraussetzungen für eine Prothese sehr schlecht gewesen. Komplette Rekonstruktion der Schulter notwendig Die Chirurgen mussten zunächst mit Eigen-Transplantaten des Patienten arbeiten. „Wir haben von den Innenseiten beider Oberschenkel Haut, Nerven, Sehnen und Muskelansätze entnommen und so Teile des abgetrennten Oberarmes und der Schulter Stück für Stück rekonstruiert“, berichtete Oberartzt Dr. Philipp Lamby. Neben der Konstruktion einer passenden Auflagefläche an Schulter und Oberarm, sollten durch die aufwendigen Eingriffe vor allem die Nervenbahnen wieder verknüpft werden, um eine Signalweiterleitung an das Gehirn zu schaffen. Laut Aung die Voraussetzung, damit sich die mechanisch-funktionierende Prothese durch Gedanken und die damit verbundenen Nervenimpulse steuern lässt. „Eine solche Prothese operativ vorzubereiten ist einzigartig, wie die Prothese an sich. Einen solchen Fall gab es in der gesamten medizinischen Welt vorher noch nie“, so Dr. Vanessa Brébant, Geschäftsführende Oberärztin am Hochschulzentrum für Plastische und Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Um sicherzustellen, dass durch einen entsprechenden Reiz überhaupt eine Kontraktion des Muskels zustande kommt, die sich auf die Prothese übertragen kann, musste die Platzierung von Nerven, Muskeln und Elektroden der Prothese ganz genau aufeinander abgestimmt sein. „Wir mussten an Schulter und Oberarm das genau passende Gegenstück zum Prothesenschaft erstellen, damit die Impulse auch punktgenau an die Prothese übermittelt werden können“, führte Lamby weiter aus. Gedachte Bewegung in mechanische Bewegung umsetzen In einem langwierigen Reha-Programm musste der Patient nach erfolgreicher OP lernen mittels Gedanken die rekonstruierten Nerven und Muskeln zu reizen und so bewusst zu steuern: „Wochenlang bin ich täglich mehrere Stunden vor einem Spiegel gesessen und habe mit dem Spiegelbild meines gesunden rechten Armes versucht, die linke Seite zu aktivieren. Das war sowohl körperlich als auch mental enorm anstrengend“, so der Patient. Hinzu kamen etwa 80 Treffen mit Manfred Stangl, Orthopädietechnikermeister der Firma Zimmermann Sanitäts- und Orthopädiehaus GmbH, um eine individuell passende Armprothese zu konstruieren. Dabei habe man die Gedanken des Patienten in eine mechanisch-elektronische Ausführung bringen müssen. Laut Hersteller benötigt die Prothese, bestehend aus dem Ellenbogengelenk, dem “Dynamic Arm”, der Hand und dem System Elektro vier Oberflächenelektroden, um die maximale Leistungs- und Bewegungsfähigkeit zu erreichen. Sechs verschiedene Funktionen könnten so durchgeführt werden: “Hand schließen und öffnen, Handgelenk nach innen oder außen drehen und den Ellenbogen strecken oder beugen. All das geschieht mit einer Griffkraft von maximal zehn Kilogramm und einer Hebekraft von maximal sechs Kilogramm.” Um dieses Leistungsoptimum herbeizuführen, standen die Orthopädietechniker in engem Austausch mit den plastischen Chirurgen des UKR. Alle Anstrengungen seien es aber wert gewesen, so der Patient. Denn alleine das Gefühl, dass der Ärmel einer Jacke oder eines Pullovers nicht mehr lose herunterhänge, sei gut. Hinzu kommen die Alltagserleichterungen durch das Greifen und Halten von Dingen. Mit etwas Übung seien auch immer mehr feinmotorische Dinge wie etwa ein Getränk einschenken möglich. „Die Prothese suggeriert meinem Körper außerdem, dass ich noch beide Arme habe. Dies ist wohl der beste Effekt, da er die Phantomschmerzen lindert. Man kann sich kaum vorstellen, wie schlimm diese Schmerzen sein können“, freut sich der Patient, auch wenn er die Prothese nicht den ganzen Tag tragen kann, weil es mental sehr ermüdend ist.
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